Jahresrückblick 2017

Nicht länger schweigen

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2017 war das Jahr, in dem die Kunstszene endlich ihr Sexismus-Problem erkannte. Ein Kommentar von Elke Buhr

Ende Oktober hatte auch die Kunstszene hat ihren Harvey Weinstein. Knight Landesman, einer der Herausgeber des mächtigen amerikanischen Kunstmagazins "Artforum", musste von seinem Posten zurücktreten, nachdem ihn eine ehemalige Mitarbeiterin wegen sexueller Belästigung angeklagt hatte. Schnell meldeten sich viele weitere Frauen und berichteten von einem ganzen System: Landesman tauschte Karriereversprechen gegen Getätschel und anderes, offenbar ohne dass irgendjemand in der Redaktion dagegen einschritt.

Auch andere Männer in Kunstbetrieb gerieten ins Visier der Anti-Sexismus-Welle. Benjamin Genocchio musste als Direktor der Messe Armory Show zurücktreten, nachdem bekannt wurde, dass mehrere Frauen sich wegen sexueller Belästigung beschwert hatten. Seinen Platz nahm seine Stellvertreterin Nicole Berry ein. Im November wurde ebenfalls bekannt, dass Mitarbeiterinnen des Jewish Museums in New York dem Kurator Jens Hoffmann sexuelle Belästigung vorwerfen. Während die Vorwürfe dort untersucht werden, suspendierten ihn auch zahlreiche andere Museen und Organisationen, für die er tätig war, von seinen Aufgaben.

Ob es für alle diese Fälle handfeste Beweise und belastbare Aussagen gibt, bleibt abzuwarten – tragisch wäre, wenn im Überschwang der #MeToo-Bewegung Existenzen und Karrieren zu Unrecht zerstört würden. Doch dass das Problem real ist, ist unbestreitbar. Wie im Hollywood-System sind auch manche Bereiche der Kunstwelt geprägt von Geld, Macht und Ehrgeiz, und das uralte patriarchale Tauschsystem Macht gegen Sex ist überaus lebendig – da können noch so viele feministische Ausstellungen organisiert werden. Galeristen baggern besoffen ihre weiblichen Angestellten an, erfolgreiche Künstler schmücken sich mit schönen, jungen Frauen: Kein Klischee ist zu dumm, dass es nicht irgendein Stumpfkopf wahr machen würde.

Deshalb war es auch absolut begrüßenswert, dass die Frauen in der Kunst ihre eigene Variante von #MeToo entwickelten. Unter dem Hashtag #NotSurprised veröffentlichten rund 5000 Protagonistinnen des Kunstbetriebs von Cindy Sherman bis Jenny Holzer einen offenen Brief, in dem sie die andauernde Benachteiligung von Frauen benennen. Und, noch viel wichtiger: Sie kündigten an, nicht länger zu schweigen, wenn sie oder irgendjemand anders in ihrem Umfeld belästigt, blöd angemacht oder gar sexuell missbraucht werden.

Denn entscheidend ist, zu erkennen, dass die Benachteiligung von Frauen ein System ist, bei dem beide Seiten mitspielen – so wie die machtzentrierte Männergesellschaft ein System ist, an dem auch Männer leiden. Es ist erwiesen, dass auch Frauen andere Frauen oft für weniger leistungsfähig als Männer halten. Und viel zu viele Frauen glauben immer noch, sie könnten die Vorteile abgreifen, die ihnen ein Flirt mit einem einflussreichen Alphatier bringt.

Aber das Regime der miesen Typen bringen emanzipierte Frauen – und auch emanzipierte Männer! – nur dann zum Einsturz, wenn sie sich empören, Namen nennen, dem übergriffigen Gegenüber laut Einhalt gebieten. Und zwar nicht anonym, sondern so, dass die Öffentlichkeit und gegebenenfalls die Justiz die Vorwürfe auch überprüfen kann. Guter Vorsatz 2018: gegen Sexismus angehen, wo immer man ihn trifft.

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