Jahresrückblick

Das waren die besten Memes 2020

via @freeze_magazine
Instagram

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2020 lief einiges schief, aber die Memes waren fantastisch. Sie brachen mit Stereotypen, stellten gesellschaftliche Machtverhältnisse in Frage und schenkten uns gute Vibes, als wir sie am meisten brauchten


Gesichts-Scans

Zu Beginn des Jahres wurden Instagram-Filter populär, die vorgaben, anhand von Gesichtserkennung festzustellen, welchem Disney-Antagonisten, welchem Mitglied der Kardashian-Familie oder welchem glutenhaltigen Lebensmittel man am meisten ähnelt. Dass keine ausgefeilte biometrische Scan-Technologie, sondern bloß ein Zufallsgenerator am Werk war, schmälerte den Spaß nur wenig. In jener kurz darauf anbrechenden Zeit, in der wir uns in einer immergleichen Umgebung inszenieren mussten, kam es überaus gelegen, unser Gesicht um einen Unterhaltungs-Faktor zu erweitern. Die Filter entwickelte sich weiter, bald konnte man mit einem Selfie-Video Minispiele spielen und Quizfragen beantworten. Das Format brachte zahlreiche virale Momente hervor, allen voran das unfassbar dumme und unfassbar oft geteilte "Da Vinki"-Video der Voros-Zwillinge. 


"Wir sind der Virus"

Zu Beginn des Lockdowns häuften sich die Erzählungen über die Natur, die sich ihren Raum zurückeroberte. "Wir sind der Virus" hieß es, Corona der Impfstoff für Mutter Natur. Diese Rhetorik umwehte nicht nur ein Hauch Ökofaschismus, die Berichte über zurückgekehrte Spezies und Delfine in den Kanälen Venedigs entpuppten sich zu einem Großteil auch als Fakes. Als Reaktion darauf wurde der Slogan wurde zunehmend in Kombination mit wilden und offensichtlich falschen Behauptungen geteilt.


Singende Italiener

Von Madonnas weltfremden Arthaus-Botschaften aus der Quarantäne bis Kim Kardashians Geburtstagsparty auf einer Privatinsel: Inmitten der Pandemie gaben berühmte Menschen keine besonders gute Figur ab. Allen "We're in this together"-Botschaften zum Trotz veranschaulichte der öffentliche Auftritt aus den Villen vor allem, dass reiche Menschen es im Lockdown einfacher haben als andere. Vielleicht brachten diese Umstände Menschen auf Twitter dazu, Songs verschiedener Musiker*innen über ein virales Video einer gemeinsam auf ihren Balkonen musizierenden Nachbarschaft in Italien zu legen. Dass unter anderem Katy Perry, Cheryl Crowe und Madonna die Fake-Videos teilten (begleitet von gerührten Worten), erzeugte jedoch mehr als einen Moment der Schadenfreude. Die Fake-Videos fungierten als Paradebespiel für die Wichtigkeit von Fact Checking, eine narzisstische Aussetzung der Ungläubigkeit sowie die menschliche Tendenz, Katastrophenszenarien stets auf sich selbst zu beziehen. 


Gossip Girl Cut Ups

Als ich in meiner Instagram-Story nach den besten Meme-Formaten 2020 fragte, war über die Hälfte aller Antworten die gleiche: Gossip Girl. Orientiert an der dadaistischen Praxis des Cut-Ups folgte dieses Format einem denkbar einfachen Prinzip: Selena stellt Blair eine Frage, und diese gibt eine aus den Worten "Gossip Girl" zusammengesetzte Antwort. Warum sich die gleichnamige Serie über eine Gruppe reicher New Yorker Teenager acht Jahre nach der letzten Folge 2020 wieder ins popkulturelle Bewusstsein einschrieb, ist unklar. Vielleicht lag es an den süffisanten Gesichtsausdrücken der beiden Protagonistinnen, vielleicht an dem Reiz der Aufgabe, aus zehn Buchstaben möglichst viele Pointen zu erschaffen. Was mit dem Dialog "I need to pee" - "go piss girl" begann, produzierte jedenfalls eine Vielzahl an herrlich dummen Konversationen. Unter anderem beantwortete B ihrer BFF die Fragen, in welcher Economy wir leben (Gig, Girl) und ob sie Spanisch spricht (Si Girl), wie man eine Katze anlockt (Pspsps).


Karen

Was Boomer für 2019 war, war Karen für 2020: eine entwaffnende Bezeichnung für Dialogpartner, mit denen es sich nicht sachlich diskutieren lässt. Karens beschweren sich im Supermarkt über die Maskenpflicht, wollen mit dem Manager sprechen, tragen freche, blond gesträhnte Kurzhaarschnitte, fahren SUVs, haben ein "Live, Love, Laugh"-Schild in der Küche hängen und rufen zur Sicherheit die Polizei, wenn sie umbekannte Jugendliche in ihrer Nachbarschaft herumlungern sieht. Der abwertende Begriff für intolerante und obrigkeitshörige Vorstadtmütter, die sich besonders gerne Zweikämpfe mit den Angestellten in Restaurants und Geschäften liefern, prägte den US-amerikanischen Diskurs in einer Zeit, in der sich Essential Workers einem besonderen Druck am Arbeitsplatz ausgesetzt sahen.


Cranberry Dreams

Ende September veröffentlichte Nathan Apodaca auf seinem Tiktok-Account ein Video seines Arbeitswegs: Er rollte auf seinem Skateboard die Straße entlang, hörte "Dreams "von Fleetwood Mac, trank Cranberry-Saft und versprühte wahnsinnig gute Vibes. Das Video wurde vielfach nachgeahmt, unter anderem von Stevie Nicks und Mick Fleetwood, Cranberry-Saft war in zahlreichen amerikanischen Supermärkten kurzzeitig ausverkauft, "Dreams" landete nach über 40 Jahren wieder in den US-Charts und die Welt war ein kleines bisschen besser drauf als zuvor. 


Christian Girl Autumn

Über Frauen, deren Lieblingsjahreszeit der Herbst ist und die süchtig nach Pumpkin Spice Latte sind, machte sich das Internet schon seit langem lustig. 2020 war jedoch ein Jahr, das mit Stereotypen brach und das bashing von girly girls zu einem Relikt vergangener Internet-Tage machte. Anlass für ein Umdenken bot Caitlin Covington, eine mit ihren leicht überbearbeiteten Instagram-Fotos voller Herbstlaub und Pudelmützen besonders oft in "Christian Girl Autumn"-Posts auftauchende Influencerin. Sie beteuerte auf Twitter, dass sie keinesfalls Republikanerin sei, sprach sich für die Rechte queerer Personen auf und rief dazu auf, für die geschlechtsbestätigenden Operationen der Erfinderin der "Christian Girl Autumn"-Meme zu spenden. In einer von Depressions-Memes, Queerness und Shitposting geprägten Online-Kultur wurden die "Christian Autumn Girls" zu liebenswerten Außenseitern. Die genderfluide Musiker*in Dorian Electra verkleidete sich als "Fall Girl", Covington und ihren Freundinnen wurden Handtaschen des Designers Telfar in die Hand gephotoshoppt und immer mehr User teilten CGA-Fotos mit dem Kommentar, dass diese Frauen mit Sicherheit ein erfülltes und ruhiges Leben voller kleiner Glücksmomente führten.


You're Finally Awake!

Vielleicht war 2020 ja nur ein böser Traum. In diesem POV-Meme wurde der Betrachter von einer Gruppe besorgter Gefährten begrüßt, die sich über das Erwachen nach einem längeren Blackout freuen. Emo-Girls, Sonnenbank-Tussis und pubertäre Freunde mit Baggy Jeans auf einem Limp-Bizkit-Konzert nahmen uns für einen kurzen Moment mit zurück in eine nostalgisch betrachtet bessere Zeit. Mit ihrer direkt auf dem Bild platzierte schwarz umrandete Impact-Schriftart bediente sich das Format an Memes der frühen 2010er-Jahre und suggerierte so auch auf ästhetischer Ebene eine Rückkehr in die Vergangenheit. 


Rage-Comic-Renaissance

Apropos Nostalgie: 2020 war ein Jahr der Wiederkehr alter Meme-Formate. Besonders beliebt war das Wiederbeleben von Web- und Rage-Comic-Formaten der Jahre 2009 und 2010. Manche Memes, darunter das Trolley-Dilemma, übernahmen ältere Formate, andere wie "Money Printer Go Brrr", das als Reaktion auf die Pandemie-Fiskalpolitik der USA entstand, bauten neue Inhalte mit alter Ästhetik. Besonders populär war das "They don't know I'm"-Format, das in partyfreien Zeiten ein leicht überheblichen Entfremdungsgefühl bei sozialen Veranstaltungen heraufbeschwor.  


Die neuen Wojaks

Die populärste Rage-Comic-Figur war zweifellos Wojak, auch bekannt als Feels Guy. Der nihilistische Charakter wurde 2020 um zahlreiche Varianten erweitert, es gab ihn unter anderem im weiblichen Normalo-Look mit Blumenkleid und blonden Haaren, als alt girl mit Kurzhaarschnitt und Choker und als ihr männlicher Gegenpart mit Mini-Beanie und Zigarette. Ihr niedergeschlagener Gesichtsausdruck blieb dabei stets gleich. Ende des Jahres, also zehn Jahre nach Wojak-Erfindung. tauchten erstmals POC-Wojaks auf, die detaillierter gezeichnet waren als ihre Vorgänger und sich zumeist ohne viele Worte kritisch mit zeitgenössicher Woke-Kultur auseinandersetzten. Die neuen Wojaks bringen neue Diversität in alte Meme-Bildsprachen und bilden in ihrer Summe einen Katalog der Sozialfiguren der Online-Gegenwart.