Corona-News aus der Kunstwelt

"Das Zeitalter der Nähe geht zu Ende"

Hier fand im vergangenen Monat noch die Kunstmesse Arco statt: In den Madrider Ifema-Messehallen sind jetzt Betten für Covid-19-Patienten aufgestellt
Foto: Comunidad de Madrid/AP/dpa

Hier fand im vergangenen Monat noch die Kunstmesse Arco statt: In den Madrider Ifema-Messehallen sind jetzt Betten für Covid-19-Patienten aufgestellt

Die Hallen der Madrider Arco-Kunstmesse beherbergen jetzt ein provisorisches Krankenhaus, Peter Weibel sieht ein Ende der "Nahgesellschaft" für gekommen und selbst Nietzsche ist jetzt online

Weniger als drei Wochen nach Ende der Madrider Kunstmesse Arco wurde die Hallen jetzt zu einer riesigen Klinik umfunktioniert. Zunächst waren in mehreren Hallen des Messezentrum Ifema fast 1400 Betten eingerichtet worden, insgesamt könnten die Hallen Platz für bis zu 5000 Patienten bieten - mehr als jede andere Klinik in Spanien. Auch Intensivpatienten sollen dort betreut werden. "Dies ist ein Ort der Hoffnung für die Moral ganz Spaniens und unseren gemeinsamen Willen, das Virus zu besiegen", sagte spanische König Felipe VI. bei einem Besuch am Donnerstag. Die Ifema-Klinik sei "ein wahres Symbol dafür, wozu wir in der Lage sind, wenn wir gemeinsam für ein gemeinsames Ziel arbeiten." Spanien ist eines der am heftigsten von der Krise betroffenen Länder. Bis Donnerstag stieg die Zahl der Fälle auf 56.000, rund 4000 Menschen starben landesweit an Covid-19. Madrid ist der Hotspot, die Hälfte aller Todesfälle wurde bislang in der Hauptstadt verzeichnet. Viele Krankenhäuser sind völlig überfüllt.

Die Nahgesellschaft ist Vergangenheit, die Ferngesellschaft ist die Zukunft - diese Ansicht vertritt zumindest der Chef des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medien (ZKM), Peter Weibel. "Das Zeitalter der Nähe geht zu Ende", sagte er den "Badischen Neuesten Nachrichten" (BNN/Freitag). Das Virus sei das Monster der Nahgesellschaft. Doch der Medientheoretiker weist darauf hin, dass es etwas benötige, das die Ferngesellschaft nicht brauche: einen Boten. "Es benötigt den menschlichen Organismus, um seine Botschaft – die Krankheit – sichtbar zu machen." Mit der Erfindung der Telekommunikation habe sich das Verhältnis zwischen dem, der eine Botschaft senden will, und dem, der sie empfangen soll, grundlegend geändert, sagt Weibel den BNN. "Es ist kein Überbringer mehr erforderlich. Alles geht – über größte Distanzen hinweg – telematisch: Telegraf, Telefon, Television." Das altgriechische Wörtchen "tele" für "fern" habe bereits vielfach Eingang in unsere Sprache gefunden. Die Ferngesellschaft hat aus Sicht von Weibel große Vorteile. Der ZKM-Vorstand verweist in dem Blatt etwa auf die ökologischen Folgen der Massenmobilität und des Massentourismus. "Das Virus zwingt uns dazu, die Massenmobilität zu beenden." Die sei es, die dessen Verbreitung beschleunige. "Wir erleben ein großes soziales Experiment", so Weibel. "Wären wir bereits in der Ferngesellschaft, könnte auch das Virus nicht reisen." Durch die Teletechniken könne aber die Nahgesellschaft gerettet werden: "Wir dürfen uns nicht die Hand geben, aber wir können telefonieren." 

Foto: dpa
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Peter Weibel

Obwohl er mit fast 80 Jahren zur Risikogruppe zählt, bleibt Künstler Timm Ulrichs angesichts der Corona-Pandemie gelassen. "Die Coronakrise ist eine neue Erfahrung. Ich habe die letzten Jahre des Krieges erlebt, das war dramatischer und schlimmer", sagte der emeritierte Professor der Kunstakademie Münster der dpa. "1943 ist unser Haus in Berlin zerstört worden, danach kamen die Evakuierung und die Flucht mit Leiterwagen und Zügen gen Westen." An tote Menschen könne er sich zwar nicht erinnern, wohl aber an tote Pferde. Das Unheimliche und Bedrohliche an dem neuen Coronavirus sei, dass man es nicht sehen könne, sagte Ulrichs. "Man sieht nur die Folgen, nicht den Erreger, nicht den eigentlichen Feind." Man kämpfe gegen ein Phantom. Einen Angreifer, der einen physisch attackiert, könne man dagegen durch gezielte Karateschläge niederstrecken. Der in Hannover und Berlin lebende Ulrichs wird am 31. März 80 Jahre alt. Mehrere Ausstellungen anlässlich seines Geburtstags mussten in den vergangenen Wochen wegen der Ausgangsbeschränkungen unterbrochen beziehungsweise verschoben werden.

Der Künstler Timm Ulrichs 2010 im Künstlerhaus Hannover 
Foto: dpa

Der Künstler Timm Ulrichs 2010 im Künstlerhaus Hannover 

Der Fotograf Wolfgang Tillmans hat schon mehrfach ein Gespür für politische Interventionen bewiesen. Vor dem Referendum zum EU-Austritt Großbritanniens warb er 2016 mit einer großen Plakatkampagne für den Verbleib in der europäischen Staatengemeinschaft. 2019 rief er dann mit der Kampagne "Vote Together" zur Teilnahme an der Europawahl auf. Im neuesten Projekt des Künstlers geht es ebenfalls um Gemeinschaft - aber eine Gemeinschaft auf Abstand. Am Kunstmuseum Basel läuft seit dieser Woche ein Text von ihm als Leuchtbuchstaben um das Gebäude herum. Tillmans appelliert darin an die Einhaltung der "Social Distancing"-Regeln in Zeiten der Covid-19-Pandemie. Der Text lautet "You protect me - I protect you - Two Metres - Twohundred - 6 Feet - Two Arms Length - Keep Your Distance - Du schützt mich - Ich schütze dich - Zwei Meter - Zweihundert - Sechs Fuß - Zwei Armlängen - Haltet Abstand - You Protect Me - I Protect You." Der Künstler geht damit auch auf die Abstandsregel gegen die Ansteckung mit Covid-19 ein. In der Schweiz beträgt die Vorgabe zwei Meter. Es ist das Paradox dieser Tage, dass man sich solidarisch mit Corona-Risikogrupen zeigt, indem man den direkten Kontakt meidet. Das Textband soll so lange an der Kunsthaus-Fassade in der Baseler Inenstadt zu sehen sein, bis sich die Regeln ändern. Das Kunstmuseum selbst ist bis vorerst 30. April geschlossen. So lange strahlt die Kunst nach außen. 

Leuchtbotschaft von Wolfgang Tillmans am Kunstmuseum Basel
Foto: Mirjam Baitsch

Leuchtbotschaft von Wolfgang Tillmans am Kunstmuseum Basel

Die Hamburgische Kulturstiftung hat einen Hilfsfond ins Leben gerufen, um freie Künstler zu unterstützen, die aufgrund der Beschränkungen zur Eindämmung des neuartigen Coronavirus nicht wie gewohnt arbeiten können. Unter dem Motto "Kunst kennt keinen Shutdown" seien mit Hilfe von einigen Stiftungen, Unternehmen und Privatpersonen bereits Spenden in Höhe von mehr als 400 000 Euro gesammelt worden, teilte die Kulturstiftung am Freitag mit. Ziel sei es, vor allem freien Nachwuchskünstlern durch unbürokratische Förderung die Fortsetzung ihrer Arbeit zu ermöglichen, denn viele seien durch die derzeit noch nicht absehbaren Auswirkungen des Coronavirus schon jetzt existenziell betroffen. "Die Künstler sind in Not und brauchen unsere Unterstützung", sagte die geschäftsführende Vorständin der Stiftung, Gesa Engelschall. Der Senator für Kultur und Medien, Carsten Brosda (SPD), begrüßt das Engagement der Stiftung: "Es ist an uns allen, dafür Sorge zu tragen, dass die Kulturlandschaft unserer Stadt in dieser schwierigen Zeit in ihrer Vielfalt erhalten bleibt." Die Hamburgische Kulturstiftung wurde 1988 als privatrechtliche Stiftung gegründet. Der Schwerpunkt liegt auf der Förderung des künstlerischen Nachwuchses.

Eine private Spendeninitiative will Künstler und Kulturprojekte aus Mainz und Umgebung unbürokratisch unterstützen, die durch die zunehmende Ausbreitung des neuartigen Coronavirus in Geldnot geraten. "Durch die Corona-Epidemie sind Auftritte, Ausstellungen, Lesungen oder Projekte für voraussichtlich noch viele Wochen oder gar Monate abgesagt", erklärte Initiator Kai Hußmann am Freitag. Zwar gebe es staatliche Zusagen über Finanzhilfen, doch sei noch unklar, ob und wie schnell sie für die selbstständigen Kulturschaffenden zur Verfügung stünden. Daher könnten Betroffene nun einen Antrag auf finanzielle Hilfe bei der Spendeninitiative einreichen. Über die Gewährung entscheide ein fünfköpfiger Beirat. "Wir möchten auch nach der Corona-Krise wieder an einem regen Mainzer Kulturleben teilnehmen", erklärte Hußmann. Die Initiative wird nach eigenen Angaben unter anderem von der Mainzer Kulturdezernentin Marianne Grosse (SPD) unterstützt. 

Die Corona-Krise schränkt das kulturelle Leben weiter erheblich ein. Die Vorgaben der jeweiligen Landesregierungen seien sehr konsequent und einheitlich, sagte der Präsident des Deutschen Museumsbundes, Eckart Köhne, der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Die Museen in Deutschland seien seines Wissens tatsächlich alle geschlossen. Viele nutzten nun intensiver digitale Kanäle zur Kunstvermittlung. Eine Stärke der Museen sei aber, über ihre Exponate und Konzepte auch das sinnliche Erleben zu ermöglichen. Man könne digital sehr viel erklären, aber das Ergebnis eines Museumsbesuchs nicht 100-prozentig ersetzen.

Nach einer repräsentativen Umfrage, die Monopol exklusiv mit Civey durchgeführt hat, sind insbesondere virtuelle Ausstellungen und digitale Führungen beliebt, Social-Media-Angebote von Museen eher weniger:

Um dem Publikum die Wiedereröffnung des Nietzsche-Archivs näher bringen zu können, hat die Klassik Stiftung Weimar ihre Bauhaus+ App erweitert. Neben etwa dem Bauhaus Museum der Stiftung mache die Anwendung für Smartphones und Tablets nun eben auch das Archiv zum im Weimar gestorbenen Denker Friedrich Nietzsche (1844-1900) digital erlebbar. Eigentlich sollte das Archiv am Freitag nach einer Sanierung mit einer neuen Dauerausstellung offiziell wieder eröffnet werden - der Corona-Krise wegen fiel dieser Termin nun aus.

Die Betreiber des bekanntesten Museums zum Monster von Loch Ness nehmen die Zwangsschließung ihrer Touristenattraktion wegen der Coronavirus-Pandemie mit Humor. Auf der Facebook-Seite des Loch Ness Centre and Exhibition posteten sie das Foto eines Nessie-Plüschmonsters vor idyllischer Kulisse mit dem berühmten schottischen See, überschrieben ist das Bild mit: "Champion im Halten sozialer Distanz seit 565 nach Christus." "Wenn Nessie sozialen Kontakt über 15 Jahrhunderte vermeiden kann, bin ich mir sicher, dass wir es ein paar Wochen aushalten können", sagte Miteigentümer David Bremner der Tageszeitung "The Scotsman" am Mittwoch. Wie alle anderen Museen und Touristenattraktionen musste die private Einrichtung, die neben einer Ausstellung zur Legende des Monsters auch ein Hotel und ein Café umfasst, am Montag ihre Pforten auf Anordnung der Regierung schließen.