Venedig-Biennale

Westdeutscher Pavillon

Im deutschen Pavillon steht die Mauer noch: Ansicht der Ausstellung "Unbuilding Walls" der Architekturbiennale 2018
Foto: Jan Bitter

Im deutschen Pavillon steht die Mauer noch: Blick in die Ausstellung "Unbuilding Walls" der Architekturbiennale 2018

Seit 1990 durften nur zwei in der DDR geborene Künstler das angeblich wiedervereinigte Deutschland auf der Kunstbiennale von Venedig repräsentieren. Warum ist es für Ostdeutsche so schwer, in den deutschen Pavillon zu kommen?

Im Kunstbetrieb wird gerade viel über Repräsentation und Identität gesprochen, es müsse endlich gerechter und diverser zugehen – aber Ostdeutschland ist dabei selten gemeint. Zwar haben Museen in den letzten Jahren in der DDR entstandene Kunst neu bewertet und mit richtungsweisenden Ausstellungen einer differenzierten Betrachtung unterzogen; selbst Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die oft unter schweren Bedingungen entstandenen Arbeiten von Künstlern in der DDR gewürdigt. Doch was die Beachtung und Diskussion aktueller Kunst von in Ostdeutschland geborenen Künstlerinnen und Künstlern angeht, hat sich wenig getan.

Sichtbar wird das jedes Mal, wenn die jeweiligen Künstlerinnen und Künstler für den deutschen Pavillon der Kunstbiennale Venedig nominiert werden. Vergangenen Herbst haben wir 30 Jahre Wiedervereinigung gefeiert, aber seit 1990 hatten mit Thomas Scheibitz (2005) und Olaf Nicolai (2015) nur zwei der insgesamt 29 Pavillon-Künstlerinnen und -Künstler einen ostdeutschen Hintergrund. Das sind gerade einmal etwas mehr als sechs Prozent (ironischerweise entspricht das genau dem Anteil an volkseigenem Eigentum, der nach der Wende bei der Privatisierung durch die Treuhand an ehemalige DDR-Bürger ging, während sich den Großteil des DDR-Produktionsvermögens Westdeutsche sicherten).

Scheibitz und Nicolai wiederum waren beide lediglich Teil einer Gruppenausstellung - wie schwer ist es da, eigene Akzente zu setzen. Und noch nie wurde einer in Ostdeutschland geborenen Künstlerin die Ehre zuteil, auf der Kunstbiennale im deutschen Pavillon auszustellen. Dabei wird gerade an diesem Ort die Frage der Repräsentanz zum besonderen Problem. Das weiß auch der aktuelle Kurator Yilmaz Dziewior, der mit Maria Eichhorn eine versierte (westdeutsche) Künstlerin in Fragen der Repräsentation ausgewählt hat: "Nationale Repräsentation und kulturelle Zuschreibungen – die Gefahren jedes Länderpavillons – sind nicht selten mit Konflikten verbunden. Dies gilt in ganz besonderem Maße für den Deutschen Pavillon in Venedig." Und: "In diesem Sinne fokussiert der Deutsche Pavillon auf der Biennale Arte 2022 Aspekte politischer und kultureller Repräsentation sowie der gesellschaftlichen Bedeutung künstlerischer Produktion, die in unserer heutigen herausfordernden Zeit von besonderer Aktualität sind."

So oft die Länderpavillons in ihrer nationalstaatlichen Rolle in Frage gestellt werden, es ändert nichts daran, dass sich hier Staaten tatsächlich präsentieren: Schließlich wird im Falle Deutschlands die künstlerische Leitung vom Auswärtigen Amt berufen und ein Großteil des Geldes kommt vom Bund. Wie sollen Ostdeutsche es also verstehen, dass an diesem Ort so gut wie nie Ostdeutsche gezeigt werden?

Alte BRD immer noch als Standard

Der Pavillon hat eine gesamtdeutsche und schwierige Geschichte. Sie wurde in der Nachkriegszeit von der BRD fortgeführt, während die DDR sich erst 1982 zur Biennale-Teilnahme durchringen konnte, bis 1990 im "Pavillon der dekorativen Künste" auf der Insel Sant’Elena. Spätestens mit der Ausgabe 1993 hätte der deutsche Pavillon die neue Realität spiegeln, feiern, reflektieren, in Frage stellen können.

Während der Hinweis auf die notwendige Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte zum Sprechen über den Pavillon gehört, ist die Abwesenheit von DDR-Lebensläufen nie Thema. Und während es auf der Architekturbiennale 2018 mit dem Beitrag vom Büro Graft und der Politikerin Marianne Birthler tatsächlich um deutsch-deutsche Geschichte ging, blieb der Bau zu den Kunstbiennalen weitgehend ein westdeutscher Pavillon.

Es ist – wie so oft – ein strukturelles Problem. Selbst die ostdeutschen Museen werden meist von Westdeutschen geleitet, gerade hat mit dem Museum der bildenden Künste in Leipzig erneut ein großes ostdeutsches Museum einen westdeutschen Direktor bekommen. Das Publikum stritt in den letzten Jahren zum Teil heftig mit dem westdeutschen Personal über die Sichtbarkeit sozialistischer Werke aus den Sammlungen. Auch die künstlerischen Leitungen des deutschen Pavillons sind seit 1993 mit Ausnahme von Franciska Zólyom, die in Budapest geboren ist, alle in der alten BRD aufgewachsen.

Aber ist solch ein biografischer Hintergrund in einem wiedervereinigtem Land überhaupt noch wichtig? Ja, solange ostdeutsche Geschichte so selten mitbedacht wird und stattdessen unter dem hegemonialen BRD-Narrativ eingeordnet werden. Das ist tagtägliche Praxis in Kunstwerken, Ausstellungen und Texten. Aber es geht eben auch anders: Wie man aktuelle Debatten mit ostdeutscher Geschichte bereichert, zeigt zur Zeit etwa die Ausstellung "1 Million Rosen für Angela Davis" in Dresden.

Kurz vor Mauerfall lebten 16,4 Millionen in der DDR, sie haben bis weit nach der Wende ganz eigene Erfahrungen gemacht und eigene Brüche erlebt. Es ist eine ernstzunehmende soziologische Größe. Im deutschen Pavillon war davon in 30 Jahren wenig zu sehen.