Gruppenschau zur Flüchtlingskrise auf Samos

Die schwindende Macht der Bilder

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Die griechische Ferieninsel Samos war im vergangenen Jahr ein Zentrum der Flüchtlingskrise. Jetzt beschäftigt sich eine Ausstellung mit Migration und Asyl und zeigt, dass die humanitäre Krise auch die Kunst vor neue Herausforderungen stellt.

35 Euro kostet die etwa einstündige Fahrt mit der Fähre von der türkischen Küstenstadt Izmir auf die griechische Ferieninsel Samos. Ein wenig überfüllt sei es auf dem Oberdeck gewesen, und auch ziemlich heiß, schreibt eine britische Urlauberin auf TripAdvisor. Jedoch gab es unter Deck zum Glück einen klimatisierten Bereich, wo man während der Überfahrt einen Kaffee trinken und eine Kleinigkeit essen konnte. Gesamtbewertung des Trips: fünf von fünf Punkten, "ausgezeichnet".

Izmir und Samos, die Türkei und Europa, den Islam und die orthodoxen Kirche – all das trennt ein lediglich 1,2 Kilometer weiter Seeweg über das östliche Mittelmeer. Das macht Samos nicht nur zum perfekten Tagesausflugsziel für alle Türkei-Urlauber, sondern übt seit jeher eine besondere politische Spannkraft auf die Insel aus. 1922, nach Ende des griechisch-türkischen Krieges, sah Samos sich beispielsweise konfrontiert mit tausenden aus der Türkei vertriebenen Griechen auf der Suche nach Asyl.

Und auch heute sind es nicht nur Touristen, die den Weg nach Samos einschlagen: Im vergangenen Jahr erreichten über 100.000 Flüchtlinge die Insel – insgesamt dreimal mehr Personen, als das beschauliche Eiland Einwohner hat. Für sie ist die Überfahrt nach Europa um einiges beschwerlicher als für die sonnenverwöhnten Tagestouristen: Mehrere tausend Euro kostet das illegale Überqueren des Mittelmeers für sie, 376 Menschen starben allein im Zeitraum von Mai bis Januar bei dem Versuch, griechischen Boden zu erreichen.

Umgeben von dieser Ausgangslage zeigt die Schwarz Foundation im Fischerdorf Pythagorion im Südosten der Insel momentan ihre fünfte Sommerausstellung. 2012 öffnete der von der Münchner Mäzenin Chiona Xanthopoulou-Schwarz gegründete Art Space erstmals seine Tore, seither finden dort jährlich von Residenzprogrammen für Künstler und einem mehrtägigen Musikfestival begleitete Ausstellungen statt. Die Frage nach Flucht, Konflikt und nationaler Identität zog sich dabei wie ein roter Faden durch die Ausstellungen der letzten Jahre: 2012 thematisierte Harun Farocki in seinen Videoinstallationen sowohl die Beziehung von Technologie und Kriegsführung als auch die mediale Darstellung von Immigration, und 2014 zeigte die Einzelausstellung "Borderlines" die unaufgeregten Werke Nevin Aladağs, in denen sie sich mit dem zweifelhaften Sinnesgehalt von Grenzen auseinandersetzt.

© Panos Kokkinias© Panos Kokkinias
Die Kuratorin Katerina Gregos am Abend der Ausstellungseröffnung

 

In diesem Jahr soll es nun noch konkreter um die menschlichen Tragödien gehen, die sich in unmittelbarer Sichtweite des zum Kulturraum umgebauten Hotels abspielen. "Ich kann mir nicht vorstellen, an diesem Ort eine Ausstellung über irgendein anderes Thema als die Flüchtlingskrise zu machen", sagt Katerina Gregos, die griechischstämmige Kuratorin der diesjährigen Ausstellung "A World Not Ours", bei der Eröffnungsveranstaltung des Art Space. Die ehemalige Kreativdirektorin der Kunstmesse Art Brussels steht vor der amphitheaterartigen Sitzkonstruktion im Herzen des gut klimatisierten Gebäudes, die als Raum für Diskussionen und Performances genutzt werden soll, und spricht zu der Reisegruppe an internationalen Journalisten, die sich auf den weißen Bänken niedergelassen hat. Für "A World Not Ours", die erste Gruppenausstellung im Art Space Pythagorion, hat sie Werke von 14 internationalen Künstlern ausgewählt, die sich bereits seit Jahren in ihren Werken und durch politisches Engagement mit den Themen Flucht und Diaspora auseinandersetzen. Sie sollen ein Gegengewicht bilden zu einseitigen Medienberichten über die Thematik und den Besuchern eine humanitäre Sichtweise vermitteln.

Inspiration für den Titel der Ausstellung, erklärt Katerina Gregos, war der gleichnamige Film des dänisch-palästinensischen Regisseurs Mahdi Fleifel, der das Leben seiner Verwandten in einem seit 1948 bestehenden Flüchtlingscamp südlich des Libanon dokumentiert. Wer den mit dem Friedenspreis der Berlinale ausgezeichneten Film kennt, dem wird einleuchten, warum ihre Entscheidung auf diesen Titel fiel. Es handelt sich um ein liebevolles und ungeschöntes Porträt von Flüchtlingen mehrerer Generationen, das die im Lager herrschende Kriminalität und wütende Orientierungslosigkeit genauso darzustellen vermag wie die Momente, die das Flüchtlingscamp für Mahdi Fleifel als kleinen Jungen einmal so wirken ließen wie den schönsten Platz auf Erden: Nächtliche Autokorsos während der WM, bei der die staatenlosen Geflüchteten deutsche und italienische Flaggen schwenken, und Abende im improvisierten Kino des Lagers, an denen man als kleiner Junge mit etwas Glück neben Actionfilmen auch hin und wieder einen Erotikstreifen zu sehen bekommt. Mahdis Fleifel gelingt etwas, an dem Medien und Kunst aktuell oft gleichermaßen scheitern. Er porträtiert Geflüchtete frei von Pathos und impliziter moralischer Wertung und schafft ein deshalb umso wirkungsvolleres Gegengewicht zu einem Diskurs über "Einwanderungsfluten", "Menschenströme" und "Flüchtlingswellen", in dem Flüchtlinge als wahlweise bedrohliche oder bedauernswerte, in jedem Fall aber homogene Masse betrachtet werden.

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Mahdi Fleifel als kleiner Junge im Camp Ain el-Hilweh

 

Flüchtlingsschicksale porträtieren, ohne Mitleid zu heischen, daran versucht sich auch Tanja Boukal in ihrer Arbeit "Ode To Joy". Die österreichische Künstlerin webte von Hand eine Decke, deren feine Kaschmirfäden sich zu der ersten Strophe von Beethovens Europahymne zusammenfügen, und bat anschließend Flüchtlinge an der Grenze zwischen Marokko und Spanien, damit zu posieren. Die meisten Personen auf den so entstandenen Schwarzweißfotografien tragen das Tuch wie ein Cape um ihre Schultern, ein junger Mann hat es sich wie ein Kufiya um den Kopf gebunden und der Kamera den Rücken zugewandt, ein anderer bedeckt mit dem Stoff Mund und Nase, lehnt lässig an einer Mauer und formt mit den Händen ein Victory-Zeichen. Sie alle strahlen Selbstbewusstsein und Stolz aus. "Menschen, die eine Flucht hinter sich gebracht haben, haben unglaubliches überstanden und geleistet. Das sollte in meinen Bildern zum Ausdruck kommen", erklärt Tanja Boukal mit ihrer rauchigen Stimme, in der ein leichter österreichischer Dialekt mitschwingt. "Ich wollte nicht bloß wehrlose Opfer zeigen". Die Arbeit der Künstlerin, die beim Sprechen jedem ihrer Worte einen außergewöhnlichen Nachdruck verleiht, entstand im Rahmen eines Projekts, für das sie mehrere Monate das Leben entlang des Grenzzauns zwischen Marokko und Spanien erkundete, Gespräche mit Flüchtlingen führte und ihre Erfahrungen fotografisch und in Schriftform auf ihrem Blog festhielt.

Für "A World Not Ours" stellte sie ähnliche Forschungsarbeiten an, diesmal zwischen Izmir und Samos. Sie versuchte herauszufinden, wie sich die Flüchtlinge in der Türkei auf die gefährliche Überfahrt nach Griechenland vorbereiten (indem sie mit Flickzeug und Ersatzmotoröl für den Notfall vorsorgen), nach welchen Kriterien sie ihre Schlepper auswählen (Sympathie und Vertrauenswürdigkeit) und welche Gegenstände sie in Griechenland zurücklassen. Letzterer Frage nähert sie sich in ihrer Arbeit "Memories of Travels and Dreams" fotografisch und zeigt leere Schwimmflügelpackungen, dreckige Kissen und einzelne Flip Flops neben einem Werbeplakat für die sichere Fährüberfahrt nach Samos, die den Flüchtlingen mangels der richtigen Dokumente verwehrt bleibt. Direkt gegenüber davon die Arbeit "Izmir Concrete", für die Tanja Boukal Szenen des Hafenlebens in Izmir irgendwo zwischen Touristenidylle und angsterfüllter Aufbruchsstimmung auf große Betonblöcke drucken ließ.

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Tanja Boukal, "Izmir Concrete", 2016

 

Noch dokumentarischer als Tanja Boukals Arbeiten im lichtdurchfluteten Hauptausstellungsraum, in dem der Blick an den Werken vorbei durch das Fenster auf das Meer an gebräunten Beinen und bunten Luftmatratzen am benachbarten Strand schweift, sind die Fotos von Yannis Behrakis im abgedunkelten Nebenzimmer. Der Reuter-Fotograf gewann für seine Fotos von Menschen auf der Flucht den Pulitzer-Preis. Fast jeder, der auf irgendeine Art und Weise die Nachrichten verfolgt, wird früher oder später einmal über eines seiner Bilder gestolpert sein: große, verängstigte Kinderaugen, in Goldfolie eingewickelte Männer, die flehend gen Himmel blicken, erschöpfte Menschen in hoffnungslos überfüllten Gummibooten. Im Art Space werden einige seiner Fotos als Slideshow auf einer Leinwand gezeigt, dazu sieht man in einer Glasvitrine ausgestellt Zeitungsartikel, in denen die Fotos verwendet wurden.

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Yannis Behrakis, "The Persecuted (Kos, Lesbos, Idomeni, Piraeus)", 2015

 

Giorgos Moutafis, dessen Schwarzweißfotografien in einem weiteren abgedunkelten Raum gezeigt werden, ist ebenfalls griechischer Fotojournalist, und auch er setzte sich intensiv mit der Flüchtlingskrise auseinander. Seine Serie "Europa Europa" wirkt im Vergleich zu den Bildern im Nebenzimmer subtil und abstrakt: Gesichter werden meist verschwommen oder von Weitem gezeigt, und unter die auf dem Mittelmeer und in Idomeni aufgenommenen Porträts mischen sich Landschaftsfotografien, deren Idylle durch notdürftig aus Ästen und Pfählen errichtete Zelte und luftleere Gummiboote gebrochen wird. Trotzdem: Ähnlich wie auch die Arbeiten von Yannis Berhakis wirken die Fotos vertraut. Die Bilder der Flüchtlingskrise haben sich in den vergangenen Jahren so tief in die kollektive europäische Netzhaut eigebrannt, dass ihr Anblick auch im Kontext der Ausstellung vor allem das beunruhigende Gefühl erzeugt, dass man sich langsam an ihren Anblick gewöhnt hat.

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Giorgos Moutafis, "Europa Europa" , 2016

Ganz ohne Bilder kommt Sallie Latchs Arbeit "I asked 'why?' and this is what I heard“ aus. Die dreiundachtzigjährige Aktivistin interviewte in Griechenland sowohl Flüchtlinge als auch freiwillige Helfer, von denen es hier zahlreiche gibt, trotz des Einbruchs der für die Insel so wichtigen Tourismusbranche, der vor allem auf die Angst potenzieller Urlauber vor der Konfrontation mit Flüchtlingen zurückzuführen ist. Im Art Space flimmern die verschriftlichten Interviews über einen kleinen Fernseher, einzelne Ausschnitte sind als Soundinstallation zu hören. "I asked 'why?' and this is what I heard" wirkt wie viele der anderen Arbeiten beinahe journalistisch, die Suche nach Form spielt eine der Dokumentation untergeordnete Rolle. Angesichts des konkreten menschlichen Leids der Flüchtlingskrise abstrakte Werke zu schaffen, scheint vielen Künstlern schwerzufallen. Doch auch dokumentarische Arbeiten verlieren angesichts der medialen Bildübersättigung zunehmend an Schlagkraft, das machen die schwarz ausgekleideten Nebenräume des Art Space deutlich.

Vielleicht gilt es, Diskussionen anzuregen anstatt Empathie zu evozieren, zukünftige Herausforderungen zu betrachten, über die Bilder von Fluchtwegen und am Strand angespülten Gummiboten hinaus. Die syrisch-ungarische Künstlerin Róza El-Hassan zeigt, wie das gehen kann: Auf dem Balkon des Art Space ließ sie ein circa fünf Meter großes, nach oben hin kegelförmig zulaufendes Lehmziegelhaus errichten. Bis in die 70er-Jahre wohnten die syrischen Verwandten der Künstlerin in einem solchen Häuschen, dessen Konstruktion einfach, günstig und umweltfreundlich ist. Vor der malerischen Kulisse des Mittelmeers stellt "Adobe House (Samos)" Fragen nach Heimat, Wärme und Schutz, mit denen sich Asylsuchende in Europa angesichts überfüllter Flüchtlingsheime und mangelnden Wohnraums nicht nur metaphorisch konfrontiert sehen.

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Róza El - Hassan, "Adobe House (Samos)", 2016

 

Ein letzter Blick zurück an den Strand. Es ist spät geworden, die neonfarbenen Matratzen sind verschwunden und weißen Plastikstühlen und -tischen gewichen, an denen Urlauber für kleines Geld mit den Füßen im Sand zu Abend essen können. Heute Nacht werden sie wohl nicht von ankommenden Flüchtlingen in ihrer Urlaubsidylle gestört werden. Durch das Türkeiabkommen hat sich die Situation auf dem Meer beruhigt, nur circa 20 Flüchtlinge erreichen aktuell pro Tag die Insel - zu Beginn des Jahres waren es an manchen Tagen über tausend. Wie lange die Ruhe anhalten wird, kann niemand so genau sagen. Nur so viel ist sicher: Irgendwo anders geht die humanitäre Krise weiter und stellt Politiker, Bürger und Künstler gleichermaßen vor neue Herausforderungen.

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