Berlin Biennale: DIS im Interview

"Die Stadt ist internationaler geworden"

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Nein, viel über ihre Pläne können Lauren Boyle, Solomon Chase, Marco Roso und David Toro vom Kollektiv DIS noch nicht sagen. Die Berufung der New Yorker zum Kuratoren-Team der 9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst hat das ausrichtende KW Institute for Contemporary Art erst vor einigen Wochen bekanntgegeben. Im Sommer wurden die vier Künstler vo dem Auswahlkommittee eingeladen, ein Rohkonzept für eine Biennale vorzustellen - es überzeugt die Jury offenbar. Nun ist DIS in der Stadt. Monopol gab das Kollektiv ein erstes Interview in ihrer neuen Funktion

Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer neuen Aufgabe! Wie lange kennen Sie Berlin schon?

Marco Roso: Die Stadt bedeutet mir eine Menge, denn ich war Ende der 90er ein Jahr lang Student in Katharina Sieverdings Klasse an der Universität der Künste. Ich erinnere mich an Clubs, die heute nicht mehr existieren, und ich habe damals die erste Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst gesehen. Das war ein tipping point für viele Künstlerinnen und Künstler, die an dieser Berlin Biennale teilgenommen haben.
Solomon Chase: Ich bin häufig hier, viele New Yorker Freunde leben inzwischen in Berlin.
Marco Roso: Die Stadt ist viel internationaler geworden. Ich bin aus Spanien und sehe jetzt überall Spanier in Berlin. Das war in den 90er-Jahren noch nicht so.

Wir fragen natürlich deshalb, weil eine Biennale sich immer mit der Stadt auseinandersetzt und gleichzeitig den aktuellen Stand der Gegenwartskunst kommentiert.

Lauren Boyle: Wir interessieren uns dafür, was das heutige Berlin ausmacht. Wir sind aber auch gerade erst hier angekommen, um für die Berlin Biennale zu recherchieren, deshalb ist es momentan noch sehr früh, um über unsere Pläne zu sprechen.

Warum kommen so viele Künstler von New York nach Berlin – abgesehen von den angeblich günstigen Mieten?

Marco Roso: Aber das ist der Punkt: Man kann in New York kein Bohème-Leben führen. Dort haben die Künstlerinnen und Künstler nebenher Jobs, um über die Runden zu kommen, oder stammen aus reichen Familien. Seit den 90ern gibt es in Europa viel mehr Stipendien. Hier kann man sich von einer artist residency zur nächsten hangeln. Das mag so zwar inzwischen auch nicht mehr den Tatsachen entsprechen, ist aber dennoch ein Image der Stadt, das nach wie vor existiert. Es mag sich um Stereotypen handeln, über die wir hinausschauen möchten.
Solomon Chase: Berlin hat weniger Industrie als andere Städte. Uns wurde erzählt, dass einer der wichtigsten Industriezweige hier Kultur und Tourismus sind; aber tatsächlich scheinen eher die Kulturproduzierenden hier zu sein, während die Kulturindustrie selbst in anderen Städten sitzt.

Die New Yorker Einwanderer verändern die Kunstszene. Berlin hat sich zu einem Hot Spot der Digital-Native-Generation entwickelt …

Lauren Boyle: Wir kennen viele dieser Leute und deren Arbeit, aber wir können nicht genau sagen, ob sie tatsächlich einen maßgeblichen prozentualen Anteil an allen Menschen, die nach Berlin kommen, ausmachen, oder ob die Digital-Native-Generation im Moment einfach besonders viel Aufmerksamkeit erfährt.

Wie unterscheidet sich die junge Generation von Künstlern in Berlin von denen in New York?

Lauren Boyle: Wir haben mit Künstlerinnen und Künstlern aus Berlin seit unseren Anfängen gearbeitet, und ich denke, es gibt keine regionalen Unterschiede. Meist weiß man gar nicht, woher jemand kommt.

Also würde es auch keinen Unterschied machen, wenn die Berlin Biennale in New York stattfände? Adam Szymczyk will einen Teil der kommenden Documenta in Athen stattfinden lassen.

Lauren Boyle: Eine gute Idee!
Marco Roso: Die Berlin Biennale fokussiert aber mehr auf die Stadt.
Solomon Chase: Was wir an Berlin schätzen, ist die Neugier und der Enthusiasmus über Kunst und kritischen Diskurs. Wir haben das auf verschiedenen Eröffnungen und Talks erlebt, zum Beispiel kürzlich bei dem großen Andrang auf einer Veranstaltung mit Thomas Piketty im HKW.

Künstlerische Leiter der Berlin Biennale sind sehr bemüht, neue Orte für die Kunst zu öffnen. Haben Sie schon etwas im Blick?

Solomon Chase: Ja, das ist schwierig. So häufig hören wir von angeblich verlassenen Orten, und wenn wir uns die anschauen, müssen wir feststellen, dass darin schon ein Laden eröffnet hat oder dass das jetzt ein Wohnhaus ist.

An welcher vergangenen Biennale orientieren Sie sich?

David Toro: Mit Biennalen verhält es sich doch so: Immer werden die aktuellen Ausgabe kritisiert und man blickt verklärt auf Biennalen, die schon länger zurückliegen.
Marco Roso: Alle Ausgaben der Berlin Biennale haben sich voneinander stets krass unterschieden. Das interessiert uns.

Haben Sie eine Idee, warum Sie für die Berlin Biennale ausgewählt wurden?

Marco Roso: Wir können über die Gründe nur spekulieren. Vielleicht liegt es daran, dass wir eine künstlerische und redaktionelle Arbeitsweise haben, und keine ausgewiesen kuratorische.

Bei Ihnen weiß man gar nicht genau, wie man Sie bezeichnen soll: Sind Sie Künstler, Journalisten, eine Fotoagentur?

Marco Roso: Wir betreiben unter anderem ein Magazin und eine Fotoagentur, aber Journalisten sind wir nicht. Wir kommen von einem künstlerischen Hintergrund. Das Magazin ist eine Plattform für unsere künstlerische Praxis und die von Freunden und Leuten, die uns interessieren.

Auch eine Art Biennale!

Lauren Boyle: Nein. Das physische Verhältnis zur Stadt Berlin machen eine Berlin Biennale so aufregend für uns.

Sie werden mit Post Internet Art in Verbindung gebracht. Mögen Sie den Ausdruck noch?

Lauren Boyle: Der Begriff hat Sinn gemacht und war eine gute Diskussionsgrundlage. Aber jetzt macht Richard Prince Instagram-Porträts, David Hockney iPad-Zeichnungen, es ist kein Generationen-Ding mehr.
Marco Roso: Im letzten Jahr wurde der Begriff mehr und mehr zu einem Marketingwort. Damit hat er an Substanz verloren und ist uninteressant geworden. Wir interessieren uns für Künstler, nicht für Begriffe, die Künstler beschreiben.
Solomon Chase: Heute arbeitet doch jeder Künstler unter Post-Internet-Bedingungen.

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