Skandalisierung

Warum Diet Pradas Plagiatsvorwurf gegen Martin Eder absurd ist

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Das einflussreiche Instagram-Konto Diet Prada deckt Plagiatsfälle in der Modebranche auf. Jetzt wirft der Account dem Berliner Künstler Martin Eder vor, bei einem anderen Maler abgekupfert zu haben. Doch gerade dieser Fall zeigt, wie wenig die Erregungskultur des Internets Kunst erfassen kann. Ein Kommentar 

"Eigentlich posten wir nichts über Kunst", schrieb Diet Prada am Freitag auf Instagram, "aber dieser spezielle Fall verdient es, angeprangert zu werden." Gemeint ist Martin Eders Bild "The Unknowable" von 2018, das gerade in der Londoner Newport Street Gallery in der großen Ausstellung des bekannten Berliner Malers zu sehen ist. Diet Prada, ein Account mit 1,1 Millionen Followern, stellte darüber ein Gemälde des Londoner Künstlers Daniel Conway. Die Ähnlichkeit ist verblüffend:


Tatsächlich gleichen sich die beiden Berglandschaften mit dem Kirschbaum auf einem Felsvorsprung bis ins Detail, nur dass sie bei Conway den eigentlichen Gegenstand seines Bildes darstellt, bei Eder den Hintergrund. Der Berliner Künstler hat vor die Landschaft noch ein Holzgeländer gemalt, eine nackte Frau in Rückenansicht, ein Stuhlfragment und ein Vogel. Und in der linken oberen Ecke thront eine Ruine von Caspar David Friedrich über allem.

Gerade diese Anleihe bei dem großen Romantiker verweist überdeutlich auf eine künstlerische Praxis des Aneignens: Martin Eder stellt Pop und Kunstgeschichte, Kitsch und Kanon gegeneinander, und aus der Spannung zwischen den ganzen Gegensätzen entsteht der eigenartige (auch abstoßende) Reiz dieser Werke. 

Für Diet Prada aber geht das nicht in Ordnung. Nach Meinung der Macher sollte Conway an dem Verkauf des Werks beteiligt werden, immerhin nehme seine Landschaftsdarstellung 50 Prozent der Leinwand ein. Und schließlich hängt "The Unknowable" in Damien Hirsts Newport Street Gallery, da muss es ja um viel Geld gehen.

Was man aber nicht bei Diet Prada erfährt: Das Motiv des Kirschbaumes auf dem Kliff ist allgegenwärtig im Internet: Wer "cherry tree on a cliff" bei Google sucht, sieht es als Stockfoto, T-Shirt und sogar als Stickvorlage, die man bei Amazon bestellen kann. Malen nach Zahlen also. 

"Das digitale Bildmotiv, das ich im Hintergrund von 'The Unknowable' verwendet habe, stammt von einem Blog", sagt Martin Eder auf Monopol-Anfrage. "Ich habe es vor Jahren zufällig gefunden als eines dieser unzähligen Trash- und No-Name-Images aus dem Internet in meinem Atlas. Es hatte keinen Namen oder Autor, es war überall zu finden, es gab keinen erkenntlichen Urheber." 

Eder habe das Werk ohnehin Hirst geschenkt und nicht verkauft. "Es beschreibt den kalten Blick ins Jenseits, den Tod. Eine ältere Dame steht nackt – wie sie geboren ist – auf dem Balkon und blickt auf ein Bild, hinaus in eine collagierte vermeintlich unverständliche Welt. Eine Dystopie, der hässliche Abgrund – welcome to the other side. Sie fragt sich: Das soll das Jenseits, das Nachleben sein, das Paradies, für das es sich gelohnt hat, so lange zu leben? Nein, danke! Sie starrt in den Abgrund einer Copy/paste-Kitschwelt, die von einem chinesischen Geschenkpapier stammen könnte. Ich habe ganz bewusst dieses Motiv gewählt, denn ich fand es anonym und unfassbar hässlich. Genau richtig, um es in mein Werk zu integrieren, als Hintergrund, als Zitat, Bild im Bild."

Zu sagen, dass er das Bild einfach geklaut habe, stimme nicht so ganz: "Das wäre der Fall, wenn ich es einfach abmalen würde und meinen Namen darunter schreiben würde."

Aber wäre nicht selbst das in Ordnung? Die Kunstgeschichte hat sich über Jahrhunderte vom Zwang der Originalität freigearbeitet. Zitate, Kopien, Überschreibungen, Umdeutungen haben die Kunst wahrscheinlich weiter vorangebracht, als es die Idee der authentischen Schöpfung aus dem genialen Künstler-Ich je hätte tun können. Spätestens in der Appropriation Art der 70er-Jahre hat sich gezeigt, dass bewusst ausgeführte, exakte Eins-zu-eins-Kopien so viele interessante Fragen nach Autorenschaft, Freiheit und dem heutigen Individuum aufwerfen, dass sie unbedingt als künstlerischer Ausdruck wertvoll sind.

Zum rechtlichen Status dieser Praxis gab es in den vergangenen Jahren verschiedene Auslegungen durch die Gesetze verschiedener Länder. Am prominentesten wurde das Thema juristisch immer wieder am Appropriation-Art-Pionier Richard Prince durchgespielt. Daniel Conway behauptet, sein Bild, das er bislang nur als Abbildung vorweisen kann, 2013 gemalt zu haben. Aber ist er der Urheber? Oder hat er es aus der Joghurt-Werbung? Oder aus dem Universal-Film von 1998 "What dreams may come true"?

Aber um juristische Abwägungen geht es Diet Prada ohnehin nicht, sondern um Erregung und Skandalisierung. In der schnelllebigen Modewelt erprobt, ist diese Methode des Anklagens äußerst erfolgreich. Man muss Martin Eders Werk gar nicht mögen, aber sein Fall macht es erneut überdeutlich: Die Kunst ist gerade durch ihren Zweifel und ihre Schwäche größer als der tägliche aus einer anderen Richtung hereinwehende Shitstorm. 

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