Ars-Viva-Preisträger in Düsseldorf

Die Wirklichkeit, die wir uns machen

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Die drei diesjährigen Ars-Viva-Preisträger rufen in ihrer Ausstellung im Düsseldorfer Kai 10 die blinden Flecke unserer Gesellschaft auf

Was man leider immer wieder vergisst: Ohne Fiktionen würde die Wirklichkeit humpeln wie ein angeschossener Labrador. Die drei Ars-Viva-Preisträger rufen in ihrer Ausstellung im Düsseldorfer Kai 10 die blinden Flecke von Massenmedien, Wissenschaft und Wirtschaft ins Gedächtnis: Es sind eigene Setzungen und Annahmen, die diese gesellschaftlichen Systeme am Laufen halten.

Am deutlichsten legt Niko Abramidis & NE das Märchenhafte eines scheinbar auf Rationalität basierenden Bereichs offen. In seinen Zeichnungen, Installationen und Videos parodiert der Münchner Unternehmenswelten, indem er typisches Angeber-Design, -Architektur und -Jargon wie Zeugnisse einer untergegangenen Hochkultur aus­sehen lässt. Der Herrschaftsanspruch von Konzernen wird krass überzeichnet, doch die Bildwelten des Künstlers sind dann wieder zu erratisch, um als reine Satire durchzugehen. Dass sie bei der Preisträgerschau einer vom Kulturkreis der deutschen Wirtschaft ausgelobten Auszeichnung zu sehen sind, ist eine schöne Pointe.

Von diesem Mythenreich ist es nicht so weit zu Keto Loguas 3-D-Drucken und Computergrafiken, die auf wissenschaftlichen Modellen und Vorstellungen von prä- und überhistorischer Natur beruhen: die schon von Goethe imaginierte Urpflanze, die Visualisierung einer urzeitlichen Landschaft, eine Skulptur aus Bienenstock­elementen. Natürlich ist auch die vermeintlich objektive Wissenschaft von Fiktionen durchzogen. Statt Bilder einer überzeitlichen Natur pro­duziert sie Bilder von "Natur" – die in jeder Zeit anders aussehen.

Diese Schau hat kein übergreifendes Thema, doch auch Cana Bilir-Meiers Arbeiten triggern erkenntniskritische Überlegungen, in diesem Fall zum medialen Konstrukt des "Fremden". Zu sehen ist das bedrückende Video "Semra Ertan" über die Tante der Künstlerin. Die Schriftstellerin verbrannte sich Anfang der 80er-Jahre aus Protest gegen das Bild vom "Ausländer", das in den Medien gezeichnet wurde, selbst. Die Wirklichkeit, die wir uns machen, kann tödlich sein.

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