Zum Tod von Okwui Enwezor

Eine globale Perspektive auf die Kunst

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Der damalige Direktor Okwui Enwezor 2011 bei einer Pressekonferenz im Haus der Kunst in München

Sein Intellekt war so ehrfurchterregend wie seine Erscheinung elegant. Okwui Enwezor war einer der besten Kuratoren weltweit, mit einem ehrgeizigen Ziel: den eurozentrischen Blick aufzubrechen. Jetzt ist der ehemalige Direktor des Hauses der Kunst in München mit nur 55 Jahren gestorben

Als Okwui Enwezor Ende der 90er zum Kurator der Documenta 11 berufen wurde, war er in vieler Hinsicht eine Überraschung. Er war da gerade erst Mitte 30, hatte in New York, wohin er zum Studium gezogen war, Gedichte geschrieben und ein Magazin für afrikanische Kunst gegründet, er hatte die Johannesburg-Biennale kuratiert. Und dann Kassel. Bei den Interviews, die ich im Vorfeld der Documenta mit ihm führte, fielen mir seine hervorragend sitzenden Anzüge auf, die rosafarbenen Hemden, die ihm exzellent standen - und dass es extrem schwierig war, seine Antworten zu verstehen, was nicht wirklich an seinem leichten nigerianischen Akzent lag.

Enwezor, 1963 im nigerianischen Calabar geboren, war nicht nur der erste nicht aus Europa stammende Kurator einer Documenta, er war wohl auch der mit dem intellektuellsten Auftreten. Er mutete der deutschen Öffentlichkeit noch deutlich mehr Diskurs zu als Catherine David vor ihm, setzte das Vokabular der postkolonialen Theorie voraus und ließ seine Documenta mit Symposien in Lagos und Neu-Delhi beginnen. Die postkoloniale Gegenwart, so seine Erkenntnis, sei eine "Welt der Nähe, nicht des Anderswo" – Europa müsse sich dem stellen.

Als die Ausstellung im Sommer 2002 eröffnete, jammerte ein Teil der Kritik nach mehr Sinnlichkeit und schimpfte über die „CNN“-Documenta. Doch nicht nur mit seiner globalen Perspektive, mit seiner Voraussage einer globalen, digital vernetzten Nähe, auch mit seiner Künstlerliste zeigte Enwezor direkt in die Zukunft: Hier trafen George Adéagbo, William Kentridge und David Goldblatt auf Pierre Huyghe, Dominique Gonzalez-Foerster oder Tania Bruguera, und Thomas Hirschhorn ging mit seinem „Bataille-Monument“ in die Vorstadt.

Mit der D11 verschob Enwezor die Kategorien von Zentrum und Peripherie nachhaltig und setzte damit einen Standard, zu dem die meisten europäischen Museen und Ausstellungshäuser erst jetzt aufschließen. Seine Kritik am abendländischen Begriff von der "Autonomie" der Kunst - bis heute geradezu ein Fetisch in der Diskussion – bedeutete keine Negation des  Ästhetischen, sondern zielte auf eine Verschiebung der Perspektive: Sie zeigte das  Konzept von Kunstautonomie als Ergebnis historischer sozialer und letztlich politischer Bedingungen. "Die Sphäre der Kunst ist geprägt von  den Ideologien der Institutionen", erklärte er damals im Interview. "Alle Beziehungen von Leuten in diesen  Institutionen sind von dem historischen, politischen, kulturellen und sozialen Kontext beherrscht. Das ist Politik, und jeder Kurator ist darin verwickelt."

Dieser Überzeugung blieb er auch bei seiner Venedig-Biennale 2015 treu – eine Ausstellung, die so dicht war, dass man Wochen darin hätte verbringen wollen, um alle Werke wirklich in sich aufzunehmen. Enwezor verstand "All The World's Futures" als Bestandsaufnahme der Gegenwart, in der die Giardini der Biennale als "Terrain der Trümmer" für die zerbrochenen Utopien der Moderne standen und Marx' Kapital in einer Lesung vollständig aufgeführt wurde. Für Enwezor war die Schau ein großer Kraftakt, auch angesichts der notorisch schlechten Bedingungen und viel zu kurzer Vorbereitungszeit an der Lagune: Der starke Kapitalfluss in der Kunstwelt passe nicht ganz den mangelnden Ressourcen für diese Ausstellung, sagte Enwezor damals im Monopol-Interview mit dem ihm eigenen höflichen Understatement.

Auch als Direktor des Münchner Hauses der Kunst, wo er 2011 Chris Dercon nachfolgte, war Enwezor eine Ausnahme-Erscheinung. Er dachte auf internationalem Niveau, nutzte seine exzellenten Kontakte zur Londoner Tate oder nach New York zu Kooperationen und plante mit "Postwar" eine Ausstellung, die nichts weniger wollte, als dem Kanon der Moderne den Eurozentrismus auszutreiben. Im Juni 2018 trat er wegen seiner Krebserkrankung zurück - die scharfe und teilweise auch sehr unfaire Kritik, die Teile der Münchner Öffentlichkeit an seiner Amtsführung äußerten, hat ihn sehr verletzt.

In diesen Tagen erscheint das Haus der Kunst vergoldet von den Großinstallationen El Anatsuis, der letzten Ausstellung, die Okwui Enwezor dort kuratierte. Im Juni wird in Venedig erstmals ein Pavillon von Ghana eröffnen, mit El Anatsui, John Akomfrah, Ibrahim Mahama und anderen, für den Enwezor als strategischer Berater fungierte. Er wird nicht mehr dabei sein. Für den Ausgang Europas aus seiner selbst verschuldeten Ignoranz hat er mehr getan als jeder andere.