Marie Tomanovas "Young American"

Eine Jugend, die sich nicht mehr verschwenden will

Sie ist nicht die erste, die die "Cool Kids" von New York inszeniert: Doch die Fotografin Marie Tomanova zeigt eine Jugend, die anders jung und frei sein will als ihre Vorgänger

"Ich wünschte Amerikas ganze Jugendkultur sähe so aus wie in Maries Fotos aus Downtown New York, so divers und inklusiv", schreibt Ryan McGinley im Vorwort zu "Young American", dem Katalog zu Marie Tomanovas wichtigster Arbeit bisher: eine Porträtserie junger Menschen zwischen Lower East Side und Bushwick. Für McGinley sind sie die Zukunft, "frei von Geschlechterbinarität und überkommenen Schönheitsidealen".

Das war Anfang 2019 und ungefähr zur selben Zeit moderierte das amerikanische "Interview"-Magazin ein Gespräch zwischen Tomanova und McGinley. Das Doppelinterview wirkte wie eine offizielle Übergabe: Ryan McGinley, Chronist der Jugend Downtown New Yorks in den Nuller- und frühen Zehnerjahren, kürt seine Nachfolgerin. So empfindet das auch der anwesende Journalist, der später von der "Weitergabe des Staffelstabs" schreibt. Eine neue Generation ist angetreten, anders jung und frei zu sein als ihre Vorgänger, so die These.

Betritt man Marie Tomanovas aktuelle Ausstellung "Live For The Weather" im Tschechischen Zentrum in Berlin (UPDATE 31. Oktober: wegen der Coronamaßnahmen frühzeitig beendet), fallen dann auch als erstes die großformatigen Prints der Serien "Young American" und "New York New York" auf. Das Prinzip ist dasselbe: junge Menschen, die meisten keine Teenager mehr, aber eben noch jung genug, um nicht per se langweilig zu sein. Das Ergebnis ist ein maximal diverser Mix aus den unterschiedlichsten Charakteren, jeder für sich wahnsinnig interessant und supergutaussehend.

Beim Fotografieren kommt Tomanova ihren Subjekten physisch oft sehr nah. Gerade ihre "Young American"-Reihe ist geprägt von der daraus entstehenden Intensität: Die Augen der Modelle sind meist in die Kamera gerichtet, einige lächeln, aber so richtig Spaß haben die wenigsten. Wer will, liest aus vielen Blicken eine Anklage. Wollte man weiter den seelischen Zustand der "Cool Kids" von New York mit nur einem Wort beschreiben, käme man wohl auf "desillusioniert".

Marie Tomanova, "It Was Once My Universe", seit 2019
Foto: © Courtesy of Marie Tomanova

Marie Tomanova, "It Was Once My Universe", seit 2019

Marie Tomanovas Blick auf diese New Yorker ist der einer Immigrantin. 2011 ging sie nach einem Malereistudium im tschechischen Brno in die USA. Zunächst landete sie als Au-pair in North Carolina, überrascht, dass es dort ganz anders aussah, als sie es von Bildern aus New York oder der Westküste kannte. Diese Naivität, verbunden mit dem Blick einer Außenseiterin, ist wahrscheinlich die Grundbedingung für ein Generationenportrait wie "Young American".

Einen interessanten Bezugspunkt bekommen Tomanovas amerikanische Arbeiten, wenn sie wie im Tschechischen Zentrum Aufnahmen gegenübergestellt werden, die die Fotografin in ihrer Heimat gemacht hat. Die Kleinformate der Serie "Live for the weather" stammen aus den Jahren 2005 bis 2010 und sind mit den Handykameras jener Zeit aufgenommen. Es sind Fotos von WG-Partys in der tschechischen Provinz, Bilder vom alkoholisierten jugendlichen Miteinander und großer, oft auch intimer Nähe.

In diesen Bildern gemeinsam erlebter Abstürze scheint auf den ersten Blick mehr Leben als in vielen der späteren Portraits. Aber so richtig kann man die beiden Serien eh nicht miteinander vergleichen: Tomanova spricht ihre New Yorker Modelle auf der Straße an – und die Stadt ist bekanntermaßen keine lustige Wohngemeinschaft. Trotzdem fällt auf, dass Tomanovas junge Amerikaner fast gänzlich ohne Ekstase und die unbedingte Funbereitschaft auskommen, die noch in McGinleys Fotos steckte. Und es scheint ihnen auch die große Kaputtheit rund um Nan Goldins Clique aus den 1980ern komplett abzugehen.

Vielleicht ist das ja das Neue in diesen Portraits: Hier zeigt sich eine Jugend, die sich nicht mehr verschwenden will. Marie Tomanova – inzwischen selbst eine "Young American" – und ihre New Yorker Bekanntschaften haben gecheckt, dass man mit Partymachen allein nicht die Welt verändert. Ihre Rebellion ist die wie selbstverständlich wirkende Überwindung jener -ismen, an denen sich ihre Vorgänger bloß abgekämpft haben.