Schauspieler als Pinsel

Die Erschaffung des Lars

Für Lars Eidinger war es der härteste Dreh jemals: Die Band Deichkind hat den Schauspieler als menschlichen Pinsel benutzt, um ein monumentales Bild zu malen. Jetzt steht das 170 Quadratmeter große Gemälde zum Verkauf

Bei Yves Klein sah die Malerei mit Körpern noch so lasziv, so gemütlich aus: Zu den sogenannten Anthropometrien des französischen Künstlers, die er um 1960 entwickelte, spielten Orchester, Frauen bestrichen ihre nackten Körper mit blauer Farbe und pressten sie gegen eine an der Wand oder auf dem Boden liegende Leinwand. Klein dirigierte als Regisseur in feinem Dinner-Jacket. 

Auch wenn Kollaborateurinnen heute betonen, dass sie auf Augenhöhe mit dem Künstler arbeiteten, wirkt die Rollenverteilung – hier das bekleidete Genie, dort die nackten Frauenkörper – heute seltsam. Aber mit diesen Performance verwischte Klein die Grenze zwischen Künstler und Modell, die sich nach eigener Aussage deshalb eben nicht zu Malwerkzeugen objektiviert fühlten. Und Klein bereitete mit den Anthropometrien der Body-Art den Weg. 

Wer letzten Winter auf einem Deichkind-Konzert war, musste vielleicht beim Vorfilm und dem Bühnenbild an Yves Klein denken: Der Clip zum Beginn des Auftritts zeigte, wie der nackte Lars Eidinger, kopfüber an einem Kran hängend, in einen riesigen Bottich blauer Farbe getaucht wurde und dann auf einer riesigen Leinwand am Boden hin und her geschleift wurde. Zum ersten Mal ist dieser Film nun, auf Wunsch von Monopol, im Internet zu sehen, für eine Woche zumindest:


Das Ergebnis dieser anstrengenden Mal-Prozedur war bei den Konzerten im Hintergrund der Bühne zu sehen: ein fast neun Meter hohes und beinah 19 Meter breites abstraktes Gemälde, auf dem blaue Farbwolken die Figurenkonstellation von Michelangelos Deckenfreskos der "Erschaffung Adams" zitieren, also Adam-Arm-Finger-Finger-Arm-Gott.

"Erschaffung Lars", 2020
© Björn Beneditz, Henning Besser, Christian Rothmaler

"Erschaffung Lars", 2020

Die größenwahnsinnige Fantasie, "Herrn Meese als Pinsel und Herrn Richter als Rakel" zu benutzen, trägt Deichkind schon länger mit sich herum. Dann habe man aber statt Gerhard Richter doch Lars Eidinger angefragt, erklärt Deichkind-Mitglied La Perla. Der Schauspieler hatte nämlich gerade in Videos zum jüngsten Album mitgespielt und bewiesen, das es ihm Spaß machte, an Grenzen zu gehen. In einem Hamburger Filmstudio wurde der Mal-Akt dann an mehreren Tagen aufgenommen. 

Gemeinsam mit den Künstlern Björn Beneditz und Christian Rothmaler steuerte La Perla den Kran. Dank einer Deckenkamera hatten die drei über einen Monitor immer den Überblick über das Gesamtbild – und konnten Lars Eidinger dann tatsächlich wie einen Pinsel über die gigantische Leinwand führen. 

Eidingers Körper mit seinen immer wieder ausgebreiteten Armen wirkt dabei oft wie aus einer Kreuzigungsdarstellung. Für ihn sei es der anstrengendste Dreh gewesen, den er je gehabt habe, sagte der Schauspieler laut La Perla später. Die Leinwand habe sich angefühlt wie Schmirgelpapier und hinterließ Schürfwunden am ganzen Körper. Immerhin hat die essbare Fingermalfarbe keine Spuren hinterlassen. 

Dass Deichkind dabei Blau benutzt hat, ist natürlich kein Zufall, sondern tatsächlich Referenz an Yves Klein. Doch während bei Klein noch der menschliche Körper Maßstab war für das Bild, finden Deichkind und Lars Eidinger wieder einmal in der maßlosen Übertreibung die größte Lust. Entstanden ist eine Anthropometrie für die Mehrzweckhalle.

Jetzt wird die "Erschaffung Lars", diese bildgewordene Megalomie, im Rahmen einer Crowdfunding-Kampagne für 149.000 Euro zum Verkauf angeboten. Die Aktion zugunsten der durch die Coronamaßnahmen in der Luft hängenden Bühnencrew läuft noch diese Woche. 

Das Deckefresko "Die Erschaffung Adams" von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle​​​​​​​

Das Deckefresko "Die Erschaffung Adams" von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle