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"Vertigo"-Hommagen

Fake-News aus Hitchcocktown

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2018 wird Alfred Hitchcocks legendärer Thriller "Vertigo" 60 Jahre alt. Auf der Berlinale feiert Guy Maddins Hitchcock-Mashup "The Green Fog" Premiere, während die Medienkunst-Pionierin Lynn Hershman Leeson dem Meister mit "VertiGhost" in San Francisco aktuell Referenz erweist: Ein Filmklassiker, zwei Hommagen

Der Filmregisseur Alfred Hitchcock plünderte die Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts. Die Gegenwartskunst profitiert wiederum von Hitchcock. Cindy Sherman, Douglas Gordon, David Reed und viele andere haben sich vom "Master of Suspense" inspirieren lassen.

Nicht selten führt die Faszination für Filmklassiker wie "Das Fenster zum Hof" oder "Psycho" in die Sackgasse des Epigonalen. Hitchcockfilme sind kein Trash, aus dem sich Readymades basteln lassen, sondern schon komplexe Versuchsanordnungen an sich. Hitchcocks vielleicht bester Film ist "Vertigo". Dem Vexierspiel, das der große Manipulator hier treibt, kann man verfallen. Wie Guy Maddin, dessen trickreiche "Vertigo"-Hommage "The Green Fog" nun auf der Berlinale gezeigt wird.

Der kanadische Filmemacher und Künstler war schon öfter mit seinen skurrilen, aus der Kinogeschichte schöpfenden Geschichten zu Gast bei den Filmfestspielen, 2011 saß er in der Jury unter dem Vorsitz von Isabella Rossellini, mit der Maddin öfter zusammengearbeitet hat.

"The Green Fog" ist ein Found-Footage-Film, er ist also aus Sequenzen zusammengefügt, die Maddin nicht selbst gedreht, sondern gefunden hat. Maddin lässt die Story von "Vertigo" wiederaufleben – mithilfe diverser Szenen, die seit der Stummfilmzeit in San Francisco gedreht wurden. Das 60-minütige Mash-up ist nicht nur die fesselndste, sondern auch die witzigste Filmcollage seit Jahren.

Respektlos zerhackt der Kanadier auch die Binnenstruktur vorhandener Sequenzen. Aus diversen Dialogszenen der überwiegend drittklassigen Filme kappt er die Dialoge: Zwei Frauen treffen sich in einer Bar. "Samstag war ich im Museum" sagt die eine, dann wird kurz auf die Legion of Honor, das Museum aus "Vertigo", umgeschnitten. Dann wieder die Frauen, die sich einander nun nicht verbal, sondern nur noch mit Lächeln, Einatmen, mit zustimmenden oder verdutzten Blicken mitteilen. Hitchcock hasste Geplauder. Maddin kürzt es heraus, als wolle er dem Meister einen Gefallen tun.

Anderswo füllt Maddin Leerstellen. So lässt sich "The Green Fog" auch als Kritik an Hitchcock lesen, vor allem an der ethnischen Gleichförmigkeit seines Personals. In über 50 Hitchcock-Spielfilmen findet man zum Beispiel nur zwei dunkelhäutige Darsteller in nennenswerten Rollen, in "Lifeboat" und "Topaz". In "Vertigo" ist die chinesisch-stämmige Bevölkerung San Franciscos wie ausradiert. Anders in Maddins Version, die auch mal nach Chinatown schlendert und in der besonders viele Asiaten in Großaufnahmen gezeigt werden. Einer scheint sich sogar für die frühere Missachtung seiner Leute zu rächen: ein junger Mann mit chinesischen Wurzeln lässt Bier aus einer Getränkedose über einem Grab auslaufen.

In schnellen Montagesequenzen stellt Maddin die Verschiedenheit seiner mal schwarzweißen, mal farbigen Quellen demonstrativ heraus. Es gibt aber auch flüssigere Szenen, deren divergierende Shots Maddin mit der digitalen Beimengung des "grünen Nebels" zusammenbindet. Mit dem Titel "The Green Fog" spielt Maddin weniger auf ein lokales Wetterphänomen an, den Seenebel von San Francisco. Er meint vor allem einen speziellen Filtereffekt aus dem "Vertigo"-Finale: Madeleine (Kim Novak), Hitchcocks rätselhafteste Blondine, kommt durch einen grünen Nebelstreifen aus einem Hotel-Badezimmer geschritten, um sich als auferstandene Tote in die Arme Scottie Fergusons (James Stewart) zu werfen.

Der Kniff von "Vertigo" ist die doppelte Besetzung zweier Frauenfiguren mit Novak. Im ersten Teil des Films spioniert Scottie, der von Höhenangst geplagte Ex-Polizist, der blonden Ehefrau eines wohlhabenden Schulfreundes hinterher: Madeleine. Er rettet die angeblich Selbstmordgefährdete, indem er sie aus der Bucht von San Francisco fischt, verliebt sich in sie, kommt aber wegen seiner Phobie zu spät, als sich Madeleine vom Glockentum eines Klosters stürzt. Monate nach einem Nervenzusammenbruch trifft Scottie auf die brünette Judy (wieder Kim Novak) und beginnt, die Kaufhausangestellte in Madeleine zu verwandeln. Hitchcock verrät früh, dass Judy schon vorher Madeleine verkörperte – als Werkzeug in einem Mordkomplott. Der springende Punkt an "Vertigo" ist aber weniger diese Mordgeschichte, sondern der Wahn des männlichen Helden, er könnte die Zeit zurückdrehen und eine wirkliche Frau in seine Idee einer Frau verwandeln. Hitchcock gelingt in jener "Green Fog"-Szene im Hotel eine Gefühlsübertragung auf das Publikum, die in der Filmgeschichte einzigartig ist: Madeleine, die falsche Blondine, erscheint realer als Judy.

"Vertigo" ist Hitchcocks persönlichster Film, erstaunlich bekenntnishaft für einen Regisseur, der heutzutage Gegenstand der "MeToo"-Debatte wäre: die Schauspielerin Tippi Hedren (Debüt in "Die Vögel", 1962) ging nach Hitchcocks Tod mit der Schilderung sexueller Übergriffe seitens des Regisseurs an die Öffentlichkeit.

Auch da lassen sich bei Guy Maddin Referenzen herauslesen. "The Green Fog" gipfelt in der wahnwitzigen Interpretation des "Vertigo"-Finales als Katastrophenfilm. Vom Erdbeben-Drama "San Francisco" (1936) bis "Flammendes Inferno" (1974) gab es wohl reichlich Material. Doch Maddin trifft auch einen Kern des Originalschlusses, der die klassische Hollywoodrettung – Held schleppt Heroine aus der Gefahrenzone – beinahe als Vergewaltigung und (fahrlässige) Tötung umkehrt: Im bitteren Triumph, den Fake durchschaut zu haben, schleift Scottie Judy über die Holzstufen zurück nach oben auf den Glockenturm und trägt letztlich Mitschuld an ihrem wirklichen Tod.

Am spektakulärsten weicht "The Green Fog" von "Vertigo" in der Ausgestaltung des Alptraums ab, der in der Mitte von "Vertigo" Scotties Breakdown verursacht. Schon vorher waren Clownsmasken aus Gummi einmontiert, in der Traumsequenz lässt Maddin einen Horrorclown auftreten. Ein Verweis auf Donald Trump und das mit ihm angebrochene Zeitalter der Fake-News?

Irrige Annahmen, Betrug, falsche Narrative waren spätestens seit "Rebecca" von 1940 – eine vergötterte Tote erweist sich retrospektiv als Scheusal – fest im Hitchcock-Kino verankert. "Vertigo" kann als Vorläufer der Mindgame-Movies seit den 90ern betrachtet werden, deren Handlung durch einen finalen Perspektivwechsel auf den Kopf gestellt wird. Ein Jahr vor dem Verwirrspiel in "Die üblichen Verdächtigen" (1995) stellte Chris Marker in einem "Vertigo"-Essay sogar den Hitchcock-Klassiker auf den Kopf, indem er die These aufstellte, die Madeleine-Episoden seien wahr und die zweite Hälfte der Wunschtraum Scotties, des ohnmächtigen Zeugen eines Selbstmords, der davon träumt, wieder Herr der Lage zu sein: "A free replay", wie später in Christian Petzolds elaboriertem Mindgame-Drama "Yella" (2007).

Der wirrköpfige US-Präsident passt auch deshalb in ein Hitchcock-Mash-up, weil sich der Regisseur nach "Vertigo" – mit "Der unsichtbare Dritte" (1959) – sogar mit Schein und Sein in der Hochpolitik beschäftigte: Cary Grant, dem der Mord an einem Diplomaten angehängt wird, sucht den Regierungsagenten Kaplan, der sich als Erfindung des CIA herausstellt. Ein Phantom, dem seine Erfinder Hotelzimmer buchen. Koffer reisen herum, Anzüge hängen in Hotelschränken, aber es gibt keinen Kaplan, der sie anzieht.

Lynn Hershman Leeson, die 1941 geborene US-Pionierin der Medienkunst, setzte dieses Avatar-Prinzip in eine Langzeitperformance um. "Roberta Breitmore" wurde zwischen 1970 und 1979 von Hershman und vier anderen Darstellerinnen verkörpert. Roberta war Inhaberin eines Bankkontos, machte ihren Führerschein und traf sich mit Männern.

Bis zum 25. März zeigt Hershman ihre Multimedia-Installation "VertiGhost" in der Legion of Honor in San Francisco. Das Museum ist ein wichtiger Schauplatz in "Vertigo": Scottie folgt Madeleine in die Museumsräume, bis zum "Portrait of Carlotta", wobei dem Detektiv Ähnlichkeiten zwischen der Porträtierten und Madeleine auffallen. Das Gemälde gehörte nicht wirklich ins Museum, war nur ein extra gemaltes Filmrequisit. Nicht wenige Besucher der Legion of Honor glauben, das Bild gehöre zur Sammlung. "VertiGhost" kreist um solche Vexierspiele, "dass wir nie sagen können, was Fake und was authentisch ist", wie Hershman dem San Francisco Chronicle erzählte.

Courtesy of the Fine Arts Museums of San FranciscoCourtesy of the Fine Arts Museums of San Francisco
Lynn Hershmann Leeson "VertiGhost"

 

"Wenn die Leute sich auf die Bank der Galerie setzen, imitieren sie oft Kim Novak", sagt die Künstlerin, die 35 kurze Filmclips mit drei Madeleine-Doubles an verschiedenen "Vertigo"-Locations gedreht und in die Installation integriert hat. Ähnlich wie Maddin erweitert auch Hershman die "Vertigo"-Perspektive, indem sie Madeleine nicht nur von einer Ukrainerin – Kim Novak zum Verwechseln ähnlich – spielen lässt, sondern auch von einer brünetten Kuratorin und einer Schauspielerin, die aus Nigeria stammt. In Video-Interviews reflektieren die Darstellerinnen über ihr Rollenspiel.

Und auch das "Carlotta"-Gemälde hängt wieder an der Museumswand, nicht das (verschollene) Original, sondern den Nachdruck eines Filmbildes. Aus dem künstlich verwischten Bildnis stechen die Augen hervor, dahinter stecken Kameras, die die Betrachter aufzeichnen und zum Teil der Installation machen. Das Bild guckt zurück.

Courtesy of the Fine Arts Museums of San FranciscoCourtesy of the Fine Arts Museums of San Francisco
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