"The French Dispatch"

Tortenschlacht in Pastell

In "The French Dispatch" malt sich US-Regisseur Wes Anderson eine fiktive Zeitschrift und ihren wilden Redaktionsalltag in einem Bilderbuch-Frankreich aus. Der Episodenfilm weckt Sehnsucht nach einer Zeit, als Manifeste, Studentenproteste und Kunstkritik noch geholfen haben

Zwei Leute, die miteinander reden, das kann schon einen aufregenden Film ergeben. Zum Beispiel "Mein Essen mit André", den Louis Malle 1981 mit zwei Hauptdarstellern plus Kellner und Barkeeper drehte. Der texanische Filmregisseur Wes Anderson macht es dagegen selten unter einem Dutzend Stars. Und über den Sparvorschlag, sich mit einem einzigen Filmset zu begnügen – etwa dem Restaurant, in dem André und Wallace ihr Abendessen einnehmen – würde Anderson wohl die Nase rümpfen.

Sein jüngstes Lichtspiel "The French Dispatch", bis in die kleinsten der zahlreichen Rollen mit Stars besetzt, verteilt seine diversen Episoden über den gesamten Stadtraum der fiktiven französischen Stadt Ennui-sur-Blasé. Weil davon auszugehen ist, dass Frances McDormand, Owen Wilson und Co. einige Zeit vor dem Greenscreen verbrachten, um das teils nur aus Algorithmen gebaute Bilderbuchstädtchen zu bevölkern, war der Film womöglich nicht einmal so teuer, wie er aussieht.

Das Hochglanzmagazin "The French Dispatch" ist mehr oder weniger "The New Yorker", den Anderson in seinem Originaldrehbuch nach Frankreich versetzte. Bill Murray spielt einen an den "New Yorker"-Gründer Harold Ross angelehnten Chefredakteur, und auch zu weiteren Figuren und Ereignissen um sie herum sind reale Entsprechungen vorhanden. Wobei Anderson sein Personal liebevoll karikiert und die Szenen operettenhaft ausschmückt. Visuell neigt der Episodenfilm zum Tableauhaften in einer von Primär- und Pastelltönen dominierten Farbskala.

Bunt, spritzig, harmlos

Während sich Stars wie Elisabeth Moss, Willem Dafoe, Christoph Waltz oder Edward Norton eher stichwortgebend die Klinke in die Hand geben, dürfen sich Benicio del Toro oder Timothée Chalamet in umfangreicheren Szenen einrichten. In drei zentralen Episoden präsentiert Anderson Beispiele journalistischer Tätigkeit, die über klassische Recherchearbeit weit hinausgehen. Logischerweise, denn für Andersons Plot-Turbulenzen wäre der real existierende Journalismus viel zu langweilig.

Im Kapitel "The Concrete Masterpiece" verkörpert Tilda Swinton mit fachspezifischer Hochnäsigkeit und künstlichem Überbiss die Kunstjournalistin J.K.L. Berensen, hinter der Züge von Rosamond Bernier aufscheinen, die bildender Kunst im US-Fernsehen breite Popularität verschaffte. Im Film erzählt Berensen von ihrem größten Coup, der Entdeckung eines Knast-Malgenies (del Toro), dessen Riesenfresko mitsamt der Gefängniswand in ein Privatmuseum nach Kansas transportiert wird.

In "Revisions to a Manifesto" recherchiert die fürs Politikressort zuständige Lucinda Krementz (mürrische Miene, hungriges Herz: Frances McDormand) in Sachen Studentenproteste, lernt den um einiges jüngeren Revoluzzer Zeffirelli (Chalamet) kennen und landet mit ihm im Bett, wo sie ihm (nicht nur) ein ausgereiftes Manifest in die Maschine tippt. Am bezeichnendsten für die Soufflé-Haftigkeit des Films ist die Episode "The Private Dining Room of the Police Commissioner": Restaurantkritiker Roebuck Wright (Jeffrey Wright) wird mit einem Porträt des Meisterkochs Nescafier (Steve Park) beauftragt – und findet sich in einem Kriminalfall wieder, bei dem der Sohn des Polizeipräsidenten entführt wird und der Koch sich als Undercoveragent entpuppt, zu dessen tödlichsten Waffen Dessertkreationen zählen.

Reicht es am Ende für drei Sterne? Geschmackssache. "The French Dispatch" ist ein Feuerwerk: bunt, spritzig, aber auch harmlos. Hochspannung kommt nicht auf – ist wohl auch nicht vorgesehen auf den feuilletonistischen Streifzügen durch Ennui-sur-Blasé. "Ennui" heißt übrigens "Langeweile". Davon kann hier zwar keine Rede sein. Aber mitunter läuft Andersons funkensprühende Verschwendungssucht ins Leere. Wie wäre es mit einem Filmprojekt, das die Erwartungen an eine Wes-Anderson-Bilderbuchfilm unterläuft? Ein kleines Dinner statt der großen Tortenschlacht, wie wär’s zur Abwechslung damit?