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"Parsifal" mit Baselitz-Bühnenbild in München

Lieber die Augen schließen

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Der Maler Georg Baselitz hat das Bühnenbild zur "Parsifal"-Neuinszenierung an der Bayerischen Staatsoper München gestaltet. Doch besser hört man die Oper mit geschlossenen Augen

Wenn die Musik nicht wäre! "Man hört da Orchesterklänge, die einmalig sind und ungeahnt, edel und voller Kraft", schrieb der Komponist Claude Debussy, der sonst nicht an Kritik an Richard Wagner sparte. "Das ist eines der schönsten Klangdenkmäler, die zum unvergänglichen Ruhm der Musik errichtet worden sind." Umso besser, dass "Parsifal" an der Bayerischen Staatsoper nicht bloß Denkmal bleibt. Kirill Petrenko dirigiert Wagners letzte Partitur, als wäre des Bayreuther Meisters Tinte kaum getrocknet. In flüssigen Tempi revitalisiert der Dirigent das textlich oft krude Mythenspiel um Wunden, Wunder, Erlösung und Enthaltsamkeit – und bringt es zum Leuchten. Musikalisch – auch dank einer nahezu idealen Sängerbesetzung – wirkt das so plastisch und gestaltenreich, dass man auch die Augen schließen könnte.

Man würde szenisch nicht viel verpassen. Dem französisch-libanesischen Regisseur Pierre Audi ist kaum Neues zum "Parsifal" eingefallen. Sie schnurrt harmlos ab, die Story um den erst namenlosen Knaben, der den Gralskönig Amfortas und seine Ritter erlöst, indem er dem bösen Magier Klingsor den "heiligen Speer" entreißt und der Gemeinschaft zurückgibt.

Die verteufelt schwierige Rolle der Kundry singt die Schwedin Nina Stemme mit gleißenden Spitzentönen und abgründigen Tiefen. Kundry irrt zwischen den Rittern und Klingsors Zauberwelt hin und her. Sie sympathisiert mit der Gralsgemeinschaft, hat an ihr etwas gutzumachen und ist, in den Händen Klingsors (ausdrucksvoll: Wolfram Koch), doch verflucht dazu, die Ritter doch immer wieder in den Abgrund zu ziehen.

In Wagners "Tristan" war Lust Lebenselixier, im "Parsifal" ist sie Fluch. In der Verführungszene des zweiten Aktes – Parsifal widersteht Kundry und wendet so das Blatt – hat Startenor Jonas Kaufmann als Titelheld seine stärksten Momente. Obwohl die Regie auch hier blass bleibt.

Die Sänger agieren an der Rampe, vor dem grob gemalten Mauerwerk einer Zauberschloss-Kulisse, die den Personalstil des Bühnenbildners verrät: Georg Baselitz hat "Parsifal" ausgestattet, soll heißen: Der berühmte Maler hat seine Symbolwelt für die Wagner-Oper zweitverwertet. Der Wald des ersten Aufzugs ist voller Baselitzscher Scherenschnitt-Tannen, die am Akt-Ende aus unerfindlichen Gründen dekorativ in sich zusammensacken.

Parsifals Rückkehr zu den Gralsrittern im dritte Akt findet im selben Wald statt, nur dass die Bäume kopfüber hängen. Wie die Bilder des weltberühmten Malers. Nur dass die Sänger richtigherum agieren dürfen. Auch Florence von Gerkans Kostüme sind von Baselitz geprägt: Die Ritter tragen zusammengerolltes Marschgepäck auf den Schultern, wie man es von seinen gebrochenen Nachkriegs-Helden kennt. Klingsors Blumenmädchen stecken, wenig anziehend, in faltig-üppigen Altweiberkostümen, auch das eine Baselitz-Reminiszenz. Immerhin wird, nach dem Abgang der Blumenmädchen, Kundrys Einsatz als Verführungs-Zweitwaffe schlüssig.

Aber das biedere Nacherzählen ist eben auch das Problem dieser Nicht-Deutung. Es gibt wohl keine "Parsifal"-Neuinszenierung der vergangenen Jahre, die so ideenfrei an das Stück herangegangen ist. Stefan Herheims leider früh abgesetzte Bayreuther Produktion von 2008 – als atemlose Geschichtsrevue zwischen Reichsgründung und Nachkriegszeit – bleibt unerreicht.

Aber, und hier hat München dann doch die Nase vorn, musikalisch hinkt Bayreuth seit Jahren erstaunlich hinterher. Neben Petrenko, Kaufmann und Stemme überzeugt der Bassist René Pape als souverän-klangvoller Geschichtenerzähler Gurnemanz. Als Gralskönig Amfortas bewegt sich der Bariton Christian Gerhaher arg auf den Spuren seines Lehrers Dietrich Fischer-Dieskau. Dieser Amfortas leidet recht intellektuell, mit schnarrenden Höhen und auseinanderklaffenden Registern. Das hat man schon ergreifender, musikalischer gehört. Ausgerechnet Amfortas mit seiner ständig blutenden Wunde, bei dem Pierre Audi gewisse Ansätze zu Personenregie zeigt. Ein szenisch fader Opernabend. Wenn die Musik nicht wäre.

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