"Getty Challenge"

Die Mehlbüchse der Pandora

Mit der "Getty Challenge" rief das gleichnamige Museum seine Follower auf, im Lockdown berühmte Gemälde nachzustellen - mit beeindruckenden Ergebnissen. Die besten Bilder sind nun in einem Buch vereint, das Künstlern helfen soll

Als Corona die Welt im März zum kollektiven Lockdown zwang, verwandelte sich die Langeweile vieler Kunstfans in Kreativität. Mithilfe von Bettlaken, Spielzeug, Nahrungsmitteln oder auch Haustieren wurden alte Meisterwerke erfinderisch nachgestellt.

Mit drei Haushaltsgegenständen ein berühmtes Kunstwerk imitieren, so auch die Grundregeln der "Getty Challenge", die das Getty Museum aus L.A. Ende März auf Twitter ins Leben rief. Zwar hatten das bereits ein paar andere sehr originell vorgemacht - der niederländische Account @tussenkunstenquarantaine zum Beispiel, oder das Profil einer amerikanischen Vierer-WG - doch durch die Reichweite des Museums von über einer Million Follower nahm der Trend erst dann richtig Fahrt auf; über 100.000 Einsendungen soll es gegeben haben. Nun hat das Getty die fantasievollsten Neuschöpfungen für ein Buch zusammengetragen.

Der Ideenreichtum, welche Materialien sich als nützlich erweisen könnten, schien unerschöpflich zu sein. So wurden Zitronen zu Himmelskörpern in Van Goghs "Sternennacht", Legosteine zu Katsushika Hokusais großer Welle, oder eine Stoffpuppe (inklusive Miniwürstchen) zu Da Vincis vetruvianischem Mann.

Reichtum in der Quarantäne

Doch es sind auch Beiträge mit ein bisschen mehr Substanz dabei, sei es auch eine ironische. Aus Pandoras Büchse entwichen im antiken Griechenland bekanntermaßen Unheil und Krankheit in die Welt. Dass sich eine globale Pandemie in ihren Tiefen verbarg ist zwar nicht Teil des Mythos, aber wohl gar nicht so abwegig. In einer unverkennbaren Rekreation von Dante Gabriel Rossettis Darstellung der Pandora trägt sie statt der verzierten Dose einen Packen Mehl in den Händen. Dank Hamsterkäufen war das Exemplar im Supermarkt wahrscheinlich ebenso schwierig zu ergattern wie Pandoras wertvolle Büchse für allerlei Helden in Film und Fernsehen.

In einem anderen Bild fungiert ein Teebeutel als die Augenklappe der einäugigen Ana de Mendoza y de la Cerda (die ihr rechtes Auge bei einem Fechtunfall verlor). Auch hier wird mit Witz neu definiert, was als wertvoll gilt: War im 16. Jahrhundert eine schmückende Halskrause als fester Bestandteil der gehobenen Ausgehkleidung ein Symbol des Reichtums, wurde 2020 plötzlich Toilettenpapier zur neuen Wohlstandswährung. Treffend also, dass statt Spitze nun dekadente Toilettenpapierrollen den Hals der Fürstin zieren.

Politischen Unterton haben die Neuinterpretationen von historisch-konservativen (also Weißen und heteronormativen) Bilddarstellungen von Schönheit und Familie: Ein schwules Paar mit seinen Kindern verkörpert eine 700 Jahre alte Darstellung von Maria und der heiligen Elisabeth mit Jesus und Johannes dem Täufer; eine Schwarze junge Frau wird zu Vermeers "Mädchen mit dem Perlenohrring".

Memes mit gutem Zweck

Was in einem Beitrag über Auswüchse des Internets natürlich keinesfalls fehlen darf, sind Tiere. Von einer Katze mit Haube und Sonnenschirm, über ein Meerschwein als stolzen Hirsch, bis hin zu zwei grandiosen Möpsen, die Michelangelos Erschaffung Adams in Perfektion nachstellen, ist alles dabei, was das Online-Herz begehrt.

Der gesamte Gewinn aus dem Verkauf des Bildbandes wird an Artist Relief gespended, eine Initiative, die US-amerikanische Künstler in der Corona-Krise mit finanziellen und anderen Ressourcen unterstützt. So verbesserten die kreativen Neuschöpfungen nicht nur die vorherrschend miese Laune während des Lockdowns, sondern kommen nun auch einem wichtigen Zweck zugute.