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Neu im Kino: "Alexander McQueen"

Einsamkeit, der kein Erfolg beikommen kann

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Alexander McQueens kometenhafter Ruhm war teuer bezahlt. Wie es zum Absturz des britischen Modedesigners kam, erzählt ein neuer Dokumentarfilm. Eine bittere Lehrstunde in Sachen Selbstüberforderung

Zu dick, zu dünn, euphorisch, deprimiert, redselig, wortkarg, liebenswürdig, cholerisch, solidarisch, egozentrisch – dieses Porträt zeigt sein Objekt wahrlich in allen Kontrasten. Möglich ist das nur, weil Alexander McQueen schon zu Lebzeiten dafür sorgte, dass irgendjemand stets in seiner Nähe – ob im Atelier, zu Hause, im Urlaub oder hinter dem Laufsteg – die Kamera laufen ließ. Mitunter kommentierte der Schulabbrecher, der sich gegen jede Wahrscheinlichkeit seiner Herkunft als Überflieger seines Fachs erwies, die gerade entstehenden Aufnahmen amüsiert als zukünftiges Legendenmaterial. Er behielt recht. Umsonst wurden die trashigen Home-Videos nicht aufgenommen.

Innerhalb der überaus empathischen, aber auch schonungslosen Collage aus Interviews mit Familienmitgliedern, Mitarbeitern, Konkurrenten und Kennern der Szene, den fantastischen Show-Aufzeichnungen und der die fünf Kapitel opulent akzentuierenden Musik von Michael Nyman bilden sie den Nukleus einer Hommage, die von Anfang an fesselt. Sprachlos machen immer noch die Dokumentationen der ersten, vor morbiden Einfällen überbordenden Skandal-Shows "Jack the Ripper Stalks His Victims" (1992) und  "Highland Rape" (1995). Es sind hochdramatische Inszenierungen, die mit ihrer barocken Wucht den Grundstein für McQueens Einzug in die Haute Couture legten. McQueen selbst fasste sie unter einer simplen, aber bestechenden Philosophie zusammen: "Meine Shows handeln von Sex, Drugs und Rock 'n' Roll. Mir geht es um Aufregung und Gänsehaut. Ich will Herzinfarkte. Ich will Rettungswagen."

Zunächst wies wenig darauf hin, dass der "unscheinbare, ungepflegte, unattraktive Junge", so charakterisiert ihn Bobby Hillson, seine Lehrerin an der St. Martins School of Art, verwertbares Potential in sich trüge. Sein unorthodoxer Zugang zur Literatur, Film und Kunst entpuppte sich aber in ihren Augen als Glücksfall, denn "er interpretierte mit seinem ungefilterten Blick die Dinge neu" und stellte ungewöhnliche Verbindungen her – wozu auch schon mal die Verwendung von Blut, Fleisch und Menschenhaaren gehörte.

1993 wagte McQueen den Sprung ins eigene Label, eigentlich viel zu früh, denn erleidet wurde der Schritt mit der Selbstausbeutung sämtlicher Mitarbeiter, inklusive McQueen, der die hochwertigen Stoffe mit seinem Arbeitslosengeld finanzierte. Wenn auch dieses ausging, kam Frischhaltefolie zum Einsatz, oder Reifenabdrücke, die  Muster simulierten. Unbemerkt blieb die Kamikaze-Taktik nicht. Eine seiner ersten Fürsprecherinnen war die exzentrische "Vogue"-Mitarbeiterin Isabella Blow. Sie wurde zur Muse und Mentorin, die nach der eigenen schweren Kindheit McQueens Trauma eines Missbrauchs durch den Schwager zu lindern wusste. Die innige Verbindung hielt allerdings nicht ewig. Als sich der Erfolg auch an der Seine einstellte, verweigerte McQueen seiner Königsmacherin die Teilnahme an der aus seiner Sicht allein verdienten Anerkennung. Ihr späterer Selbstmord traf ihn trotzdem schwer und verstärkte den eigenen Lebensüberdruss.

1997 steigt das zunehmend launische Genie beim Luxus-Label Givenchy in die Welt der Haute Couture ein. Der Druck nimmt zu, die Modebranche verwandelt sich gerade in ein Netz aus Weltkonzernen, Fehltritte sind nicht vorgesehen. McQueen setzt auf dem Laufsteg Roboter ein und rotiert selbst zwischen London und Paris, um das eigene Label nicht zu vernachlässigen. Den Spagat schafft er nur mit Hilfe von Drogen, die irgendwann Depressionen und Paranoia nach sich ziehen. Beziehungen zerbrechen. Zwischen den 14 Shows im Jahr fällt er in ein schwarzes Loch, seine Persönlichkeit verändert sich. Kündigt jemand aus Erschöpfung, nimmt er es als Verrat wahr. Diente ihm sein Äußeres lange als punkige Provokation, saugt er sich plötzlich Fett ab und hungert. Die Abwärtsspirale beginnt.

Dass McQueen diese düsteren, einsamen Phasen als Inspiration nutzte, kann kaum kalt lassen. Die Kollektion "Voss" platzierte er in eine futuristische Gummizelle. Die Models trugen Verbände, das Publikum schaute sich selbst im Spiegel an. Die Show endete mit einem Crescendo, das ihm bis heute keiner so schnell nachmacht. Eine voluminöse Frau, umschwärmt von Motten, lag auf einer Chaiselongue, angeschlossen an ein Atemgerät, als gelte es die Fotografien von Joel-Peter Witkin zum Leben zu erwecken. Nach dem Schnitt folgt McQueens aufschlussreicher Kommentar: "Mode ist eine große Blase. Manchmal will ich sie platzen lassen."

Irgendwie rappelte sich der inzwischen an Aids erkrankte Getriebene, der seine über 50 Mitarbeiter nicht im Stich lassen wollte, wieder auf, schaffte noch einige Meisterwerke. Mal ließ er seine Models Sydney Pollacks Filmklassiker "Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss" von 1969 nachspielen. Sie taumelten bis zur Erschöpfung in einem imaginären Tanzsaal und man kommt nicht umhin, an McQueens eigenes Hamsterrad zu denken. "Für mich ist das Leben ein bisschen wie die Märchen der Gebrüder Grimm", sagte er einmal sarkastisch. Ob er zu den monströsen Bösewichten oder den von ewigen Prüfungen Erlösten gehören wollte, ließ er offen. Die Show "Plato’s Atlantis" von 2009 suggerierte ein letztes Mal einen Neustart, unter fischähnlichen Aliens mit Schlangenschuppen, auf einem fremden Planeten, wo das digitale Zeitalter den Modekosmos erreichte. Fürs Abheben reichte es nicht mehr. Die Lösch-Taste triumphierte: Alexander McQueen erhängte sich im Februar 2010.

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