Helmut Newtons Akte

Persönlichkeit stört nur

Helmut Newtons Sumo-Buch von Taschen wird 20, wirkt aber heute wie aus einer anderen Welt. Soll man da gratulieren?

Als er sich im Berlin der 30er Jahre für 3,50 Mark eine Zeiss Box Tengor inklusive Film kaufte, war Helmut Newton (1920 - 2004) zwölf Jahre alt und wollte rasender Reporter werden. Bis zuletzt mochte er die Arbeit im Studio nicht und inszenierte zumeist mit kleiner Ausrüstung und nur einem Assistenten seine Bilder anderswo: In Palästen, auf Jachten, in Abbruchhäusern oder Hotel-Waschküchen. Seine bekannteste Serie entstand trotzdem im Studio: "Big Nudes", nackte Models auf High Heels in Schwarz-Weiß.

Alice Schwarzer nannte seine Bilder sexistisch, rassistisch und faschistisch. Helmut Newton antwortete, das "Fräulein Schwarzer" sei ihm unbekannt, er habe aber gehört, dass sie nicht sehr hübsch sei. Und kam damit davon, immerhin im Jahr 1994, auch wenn es sich eher wie die Achtziger anfühlt. Auf den Faschismus-Vorwurf ging er sogar ein: den könne man im Ausdruck seiner "Big Nudes" sehen, allerdings nur in ästhetischer Hinsicht. Und berief sich wenige Jahre später doch lieber auf die RAF-Fahndungsfotos, die ihn zu den rigorosen Schwarz-Weiß-Bildern der "Wonder-Women" in riefenstahliger Untersicht inspiriert hätten. Seitdem streiten sich die Geister, ob es sexistisch ist, Frauen so zu fotografieren, oder ob es im Gegenteil ihre Stärke und Überlegenheit betont, wie er selbst sagte.

Schaut man sich die 1999 veröffentlichte große Newton-Monografie von Taschen heute noch mal an, kann man, ohne die Feierlichkeiten allzu sehr zu stören, behaupten, dass Newton die Menschen in seiner Fotografie ziemlich egal waren.

Seine Modestrecken für die französische und italienische "Vogue" waren bahnbrechend für das Genre: mit ihrer offensiven Erotik und ihrem erzählerischen Potenzial inszenierte Newton Sexfantasien mit Yves-Saint-Laurent-Roben. Heimliche Entkleidung im Foyer, berstende Dekolletees im Salon, Prothesen, Schnürungen, küssende Frauen im Smoking, Pelz auf nackter Haut. Grelles Knistern.

Ausstrahlung, die unter der Linse verschrumpelt

"Nur als Modefotograf konnte ich mein eigenes Universum entwerfen und die Models einen bestimmten Typ Frau spielen lassen“, sagte er selbst. Brachten die Fotografierten so etwas Störendes wie eine eigene Persönlichkeit mit, klappte es nicht.

Seltsam, wie die Ausstrahlung von Nadja Auermann unter seine Linse verschrumpelt, wie peinlich Claudia Schiffer in Monte Carlo im Dirndl aussieht, wie wenig besonders die überirdisch schöne Iman zur Nacktheit verdammt vor seiner Kamera wirkt, und wie viel besser die Porträts von Andy Warhol sind, die andere Fotografen von ihm machten.

Catherine Deneuve? Legte er auf den Boden und ließ eine Pistole auf sie richten. Unter seiner Regie wurde selbst Kate Moss zu einer kaum erkennbaren, deplatzierten Fantasy-Geisha. Für das Porträt von Helmut Kohl für "Vanity Fair" von 1990 wendete er seinen heroisierenden Kamerawinkel von schräg unten an, trotzdem sieht Kohl aus wie ein fülliger Beamter, der nicht weiß, wo er hinschauen soll. Liz Taylors Porträt ist einfach gehässig: Ihre Make-Up-Farben finden sich im Gefieder eines Papageien wieder, außerdem hat der Großmeister der erotischen Inszenierung sie bis zum Kinn im Pool versenkt, wie man es in Hollywood schon immer mit Frauen machte, wenn sie ein bestimmtes Alter erreicht hatten.

Anerkennen statt verwenden? Not his job

Helmut Newton kannte sich am besten mit seinen eigenen Obsessionen aus, und in deren Bildwerdung machte ihm natürlich niemand etwas vor. Und irgendwann sagte ihm sicher auch niemand mehr die Wahrheit. Es gibt ein Bild aus Hugh Hefners "Projection Room", ein Kriegsfilm läuft, in die Projektion hatten sie neben einen deutschen Offizier auf der Leinwand ein blondes nacktes Model gestellt, im Publikum legen Männer im Anzug Hände mit Zigarren auf nackte Schultern von Frauen.

Es ist eines der schlimmsten Bilder von Newton, eins der schlimmsten der Modefotografie. Da schmoren die Drähte auf so vielen Ebenen durch, dass auch seine Formel, mit der er sich gegen Vorwürfe aller Art in Stellung brachte, nicht mehr hilft: Newton verbat sich stets jede Art von "Gedankenpolizei", da er vor einem faschistischen Regime geflohen war. Und erlaubte sich alles, machte aber nicht alles, was ihm möglich gewesen wäre: Etwas Starkes aus seinem Gegenüber herausholen? Frauen nicht nur "verwenden" (O-Ton), sondern anerkennen? Not his job.

In den Titeln seiner Bilder sind sie verzeichnet unter "Playmates", "Tied Torso", "The Redhead" oder "Como, Italy". Zu Topverdienerinnen und Superstars mit eigenen Namen wurden Frauen währenddessen bei seinem Konkurrenten Peter Lindbergh.