"The Joy of Painting"

Herr Ross sucht das Glück

Millionen schlummerten selig zu seinen TV-Kursen ein. Bob Ross verstand Malerei als Breitbandtherapeutikum. Warum ist "The Joy of Painting" bis heute so erfolgreich? Seine Geschäftspartnerin Annette Kowalski weiß es

Was immer man gelernt hat, von guter Kunst erwarten zu dürfen – Originalität oder Komplexität, individuellen Ausdruck oder gesellschaftlichen Bezug, Humor oder Selbstreflexion –, bei Bob Ross wird man nichts davon finden. Am 11. Januar 1983 tritt der Fernsehmaler erstmals vor die Zuschauer des öffentlichen amerikanischen Senderverbunds PBS und überbringt eine andere, sehr viel einfachere Botschaft: Freude.

"The Joy of Painting", so der Titel von Ross’ Show, zeigt das Malen als kinderleichten, meditativen Akt. Ross vermittelt seinem Publikum, wie man mithilfe einer von ihm entwickelten Nass-in-Nass-Technik idyllische Waldlandschaften, schneebedeckte Berge oder romantische Sonnenuntergänge zaubert – in nur 26 Minuten. "Alles, was wir brauchen, ist ein Traum in unserem Herzen und der Wunsch, ihn auf die Leinwand zu bringen", haucht Ross mit einer sanften Stimme, die kein Ich kennt, sondern nur jenes Wir, mit dem sich Prediger an ihre Gemeinde wenden.

 

Ross malt "happy little clouds" in den Himmel, neben einem Gebirgsbach entsteht ein Nadelbaum – oder besser zwei, denn: "Everybody needs a little friend." Und hin und wieder springt dem Tierliebhaber mitten in der Sendung ein kleines Eichhörnchen aus der Tasche. Der Alltag mag komplex und verwirrend sein, im engen, dunklen Studio von "The Joy of Painting" ist alles friedlich und einfach: die pastoralen Landschaften, das Malen, die Kameraeinstellung, Ross’ stets gleiche Kleidung, der Vollbart und sein Lockenkopf, die zusammen mit seiner Stimme und seinen Wendungen schnell zu einem Markenzeichen werden.

Was das Magazin "Landlust" für den Journalismus, ist "The Joy of Painting" für die Kunstwelt. Nur um ein Vielfaches erfolgreicher. Bis 1994 – ein Jahr bevor Ross mit 52 Jahren einer Krebserkrankung erliegt – entstehen mehr als 400 Episoden, die in den USA und bald auch international ausgestrahlt werden. Nach Berechnungen des "Wall Street Journal" erreicht die Sendung im Jahr 2004 bis zu 500 Millionen Haushalte in 20 Ländern, darunter die Niederlande, Deutschland, Türkei, Iran und Japan. Nie war eine Malereisendung erfolgreicher.

Ross selbst wird zu einer ikonischen Figur: verehrt von Marlon Brando und den Slackern der Generation X, zu Gast in der Comedyshow "Saturday Night Live", beim Musiksender MTV und, posthum, in der Zeichentrickserie "Family Guy". Im Internet finden sich Dutzende Hommagen (und Persiflagen), Nintendo vertreibt Bob-Ross-Videospiele, Google ehrt ihn zum 70. Geburtstag 2012 mit einem Doodle-Logo, und in den Niederlanden soll eine Blume nach ihm benannt worden sein. Hierzulande widmen ihm der Schriftsteller Christian Kracht und der Lebenskünstler Rafael Horzon ein Theaterstück. Auch postmoderne Zyniker finden bei Bob Ross Trost.

 

Trotz oder vielleicht auch wegen seines Massenappeals schlägt dem Mann, der mehr Bilder als Picasso malte, und das offenkundig ohne jede Mühe, vonseiten der Künstler überwiegend Spott und Verachtung entgegen. Was ihn für jene, die die Malerei als nicht ganz humorfreien Raum verstehen, umso attraktiver macht. "Auf Bob Ross bin ich vor circa 15 Jahren durch ein Bob-Ross-Geschäft in Berlin-Mitte gestoßen, das es schon seit Längerem nicht mehr gibt", sagt der Künstler Anselm Reyle. "In diesem Laden wurden neben Bob-Ross-Artikeln auch Malkurse angeboten. Die Vorstellung, so ein richtiges Bild malen zu können, also mit Sachen darauf, die man auch erkennt, fand ich sehr verlockend. So etwas hatte ich nämlich in meinem Studium nicht gelernt. Auch toll fand ich, dass so ein Bild in zwei bis drei Stunden fertig ist und man es dann mit nach Hause nehmen kann. Also ein größtmöglicher Effekt in kürzestem Zeitraum, das kam mir sehr entgegen."

Ross selbst kommt völlig ohne Ironie aus: Hinter der Ernsthaftigkeit und Zuversicht, mit der er in die Kamera strahlt, lauert kaum das Denken von Susan Sontag, Andy Warhol oder Jeff Koons. "The Joy" ist vielmehr ein universelles Phänomen amerikanischer Prägung: Von Ross’ Tellerwäscher-zum-Millionär-Biografie (Sohn eines Zimmermanns, frühe Scheidung der Eltern, er verpflichtet sich als 18-Jähriger beim Militär und geht nach Alaska, wo er Touristen erste selbst gemalte Bildchen schneebedeckter Berge verkauft) über seine Wildwest-Motive bis zum gut gelaunten Unternehmergeist – Bob Ross hat den pursuit of happiness in die Malerei getragen. Und ihn vorsichtshalber auch gleich patentieren lassen. Seine Nass-in-Nass-Technik ist rechtlich geschützt. Bob Ross Incorporated mit Sitz in Sterling im US-Bundesstaat Virginia vertreibt spezielle Farben und Malereiutensilien, DVDs, Kaffeebecher und T-Shirts, und rund 3000 zertifizierte Bob-Ross-Teacher bieten weltweit Malkurse an.

Ohne Annette Kowalski hätte es "The Joy of Painting" nie gegeben. Die Amerikanerin lernte Ross Anfang der 80er-Jahre kennen und wurde zu seinem größten Fan, seiner engsten Freundin und Geschäftspartnerin. Gemeinsam mit ihrem Mann Walter engagierte sie Bob Ross, organisierte erste Kurse und schuf so die Grundlage für die Fernsehsendung. In der Kleinstadt Chantilly in Virginia gründeten die drei 1982 die Firma Bob Ross Inc., deren Geschäftsführerin Kowalski bis heute ist.

Frau Kowalski, warum glaubten Sie, dass Bob Ross eine Fernsehsendung haben sollte?
Annette Kowalski: Die Geschichte beginnt eigentlich in Deutschland. Ein in Berlin lebender Maler namens Wilhelm Alexander kam während des Zweiten Weltkriegs nach Amerika und wurde später als Bill Alexander ein ziemlich bekannter Fernsehmaler. 1980 sah ich eine seiner Sendungen und entschied mich, einen Malkurs bei ihm zu besuchen. Bei seiner Firma erfuhr ich dann, dass Bill keine Kurse mehr gab – er aber von einem jungen Kollegen namens Bob Ross ersetzt wurde. Ich war bitter enttäuscht, denn der Name sagte mir nichts.

Aber Sie haben die Klasse dann doch besucht?
Ich befand mich damals in einer schweren Zeit. Mein Kind war gerade gestorben, und mein Mann Walter versuchte alles, um mich aufzuheitern. Also fuhr er mich die 1000 Meilen von Washington D.C. nach Florida, wo der Kurs stattfand. Bob beeindruckte mich sehr. Nicht nur wegen seiner Art zu malen, sondern wegen des Effekts, den er auf sein Publikum hatte. Nach einer langen depressiven Phase fühlte ich wieder so etwas wie Glück. Ich lud ihn ein, zu mir nach Washington zu kommen und dort zu unterrichten. Das tat er, und die Kurse liefen gut. Also probierten wir es auch in anderen Städten, fuhren mit unserem Wohnmobil nach Baltimore Philadelphia, Boston … die ganze Ostküste entlang. Der Anfang unserer Freundschaft und unserer Zusammenarbeit.

Wie groß war Ihr Publikum damals?
Überschaubar. Wir mieteten Klassenzimmer oder Konferenzräume in kleineren Hotels. In Philadelphia hatte sich ein einziger Student angemeldet. Ich wollte den Kurs absagen – schließlich zahlte ich Bob das Gehalt, und wir verloren immer mehr Geld. Aber Bob wollte davon nichts wissen. Der Student war sehr beeindruckt von Bob, und als er von unseren Problemen erfuhr, bot er mir eine Million Dollar an – mit der Bedingung, dass die Hälfte aller künftigen Einnahmen an ihn ging. Wir lehnten ab. Aus heutiger Sicht eine gute Entscheidung. Damals bedeutete es, dass wir weiter am Abgrund kratzten.

Stimmt es, dass auch Ross’ ikonischer Haarschnitt aus der Not geboren wurde?
Seine Idee war: Wenn ich mir eine Dauerwelle mache, muss ich die Haare nicht so oft schneiden lassen und spare Geld. Aber um wirklich voranzukommen, mussten schon andere Maßnahmen her. Also rief mein Mann bei einem Lokalstudio des staatlichen Senderverbunds PBS an, um einen Werbetrailer für uns drehen zu lassen. Als die Fernsehleute Bob sahen, waren sie begeistert. Sie mochten Bill Alexander, und sie erkannten, dass Bob etwas ganz Besonderes war. Und so bekamen wir unsere eigene Sendung.

Und Bob Ross behielt den Haarschnitt …
Das musste er, weil die Fernsehshow angelaufen war und wir zusätzlich damit begonnen hatten, Farbtuben und andere Malereiartikel mit seinem Konterfei darauf zu vertreiben. Er hasste die Dauerwelle, aber weil sie zum Markenzeichen geworden war, blieb er dabei.

Wie erklären Sie sich den Erfolg der Show?
Ich denke, es hat vor allem mit Bobs Persönlichkeit zu tun. Der Tatsache,´dass er Menschen den Glauben gibt, dass sie malen können. Bob vermittelt uns das Gefühl, dass wir gemeinsam lernen. Er stellt sich nicht hin und sagt: "Jetzt zeige ich Ihnen mal, wie es geht." Er benimmt sich nicht wie ein typischer Lehrer.

Er nimmt einem die Angst?
Die Angst und das Gefühl, dass er es besser wüsste.

Leidenschaft ist wichtiger als Talent?
Absolut.

Wie viele der Zuschauer malen tatsächlich?
Ich schätze vielleicht einer von 1000.

Warum schauen die übrigen 999 zu?
Es hat sicherlich ebenfalls mit Bobs Wesen zu tun. Seine Stimme hat einen sehr beruhigenden, tröstenden Effekt – das war ja auch, was mich anfangs so fesselte. Und ich glaube, dass die Malerei an sich Menschen unterhält. Bob schafft eine ganze Menge in 26 Minuten. Magie auf der Leinwand! Bob sagte immer: "Ich spreche sehr langsam, und ich male sehr schnell." Was mindestens so schwer ist, wie sich zugleich auf den Kopf zu klopfen und den Bauch zu streicheln.

Für viele war "The Joy of Painting" auch ein perfektes Einschlafmittel.
Bob wusste davon. Und es hat ihn nicht gestört.

Wendungen wie "Happy little clouds" oder "We don’t make mistakes, in our world we only have happy accidents" wurden berühmt: Waren die einstudiert, oder kam so etwas spontan?
Bob hat nie etwas aufgeschrieben, und es gab auch keinen Teleprompter. Aber er hat sich sehr gründlich vorbereitet. Ein oder zwei Tage vor Aufnahme einer Sendung zog er sich zurück und dachte bis ins Detail über die Show nach.

Die Sendung wirkt völlig mühelos, als sei sie live aufgenommen.
Wir kamen eigentlich immer mit einer Aufnahme aus, mussten auch nachher nichts schneiden. Einmal mussten wir die Aufnahme unterbrechen, weil Bob ein Eichhörnchen in seiner Hosentasche hatte, das in die Farbe gesprungen war, und sehr selten geriet Farbe auf die Kamera – aber das waren Ausnahmen. Die Bilder wurden tatsächlich in 26 Minuten fertiggestellt – der Zuschauer sieht genau das, was im Studio vor sich ging.

Wie war Bob Ross privat?
(Lacht) Das wollen Sie nicht wirklich wissen! Er war ein Perfektionist. Bob und seine Frau, mein Mann Walt und ich hatten die Firma zu viert gegründet, aber er wachte genau darüber, dass alles nach seiner Nase lief. Wir wussten gut ein Jahr vor seinem Tod, dass wir ihn verlieren würden. Ich erinnere mich, wie Bob und ich in dieser Zeit stundenlang beieinandersaßen und bis ins Detail besprachen, wie es mit der Sendung nach seinem Tod weitergehen sollte. Er machte sich große Sorgen um sein Vermächtnis.

Wie hat er gelebt? In einem Landhausidyll wie auf seinen Bildern?
Die meiste Zeit wohnte er in einem Wohnmobil. So konnten wir die vielen Reisen bewältigen. Bob hat nie wirklich ein Haus besessen.

Was hat er mit seinem Geld angefangen?
Das weiß ich nicht. Vermutlich ging viel an seine Frau.

Er machte sich nichts aus Geld?
Wirklich interessiert hat er sich nur für Malerei und Tiere.

In der Kunstwelt stieß Bob Ross auf wenig Gegenliebe. Dort wurde er als gedankenloser, uninspirierter Geldscheffler bezeichnet. Seine Kunst wurde "Pizzeria-Art" genannt.
Ich kenne die Kritik.

Können Sie sie nachvollziehen?
Für jemanden, der jahrelang Kunst studiert hat, stellt Bob Ross möglicherweise ein Ärgernis dar. Aber ich glaube nicht, dass Bob traditionelle Regeln der Kunst oder die Prinzipien des Bildaufbaus ignorierte. Es ist ja nichts falsch an seinen Bildern.

Die Kritik zielt eher darauf, dass er ein konservativer Kitschmaler ist und nicht eben zeitgenössisch.
Bob sagte selbst, dass man seine Bilder sicherlich nie in ein Museum hängen würde. Und er war seinerseits bestimmt auch kein Anhänger der zeitgenössischen Kunst.

Er hat Jackson Pollock verspottet und verkündet: "Wenn ich etwas male, will ich nicht erklären müssen, was es ist." Störte ihn das Elitäre der Kunstwelt?
Ich glaube einfach, er bevorzugte Realismus.

Haben Sie Gespräche geführt über zeitgenössische Künstler, über Andy Warhol oder Jeff Koons zum Beispiel?
Den zweiten Künstler, den Sie erwähnten, kenne ich nicht. Aber Andy Warhol sagt mir etwas.

Gingen Sie denn gern ins Museum?
Dafür hatten wir kaum Zeit, weil wir so viel reisten und arbeiteten und später dann die Bob-Ross-Lecturer ausbildeten.

Lässt die Popularität von "The Joy of Painting" heute, 30 Jahre nachdem die Sendung anlief und 18 Jahre nach Ross’ Tod, allmählich nach?
Nicht ein bisschen. Es geht einfach weiter und wird eher noch größer. Manchmal denke ich, Bob rechnete damit, dass der Erfolg anhalten würde. Es rufen auch immer noch Zuschauer an und wollen mit ihm sprechen. Viele Menschen wissen bis heute nicht, dass er tot ist – auch weil die Sendung noch immer läuft.

Und Sie arbeiten weiterhin im Unternehmen?
Vollzeit – wenn auch von zu Hause aus. Zurzeit arbeite ich an einem neuen Buch, dem vierten für Random House in Deutschland.

Wie lautet der Titel?
Lassen Sie mich nachsehen. Es steht hier auf Deutsch: "Freude am Malen". Was bedeutet das auf Englisch?

Happy Painting!
Wunderbar! Happy Painting auch Ihnen!

 

Dieser Artikel erschien in Monopol 9/2013