"Kunst und Jazz seit 1920" in Stuttgart

Pop vor dem Pop

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Die Stuttgarter Schau "I Got Rhythm" zeigt, wie der Jazz die Kunst beschwingte

Links und rechts Huren, Kriegskrüppel, das Elend der Straße. Dazwischen die Parallelwelt einer Bar. Die Farben glühen, eine Swingkapelle spielt zum Tanz. Otto Dix, der selbst gern tanzte, malte sein Triptychon "Großstadt" zwischen 1927 und 1928. Das Bild ist ein Hauptwerk in der Sammlung des Kunstmuseums Stuttgart und ein zentrales Exponat seiner großen Themenschau "I Got Rhythm. Kunst und Jazz seit 1920".

Die Datierung im Titel stimme nicht ganz, sagt Sven Beckstette, gemeinsam mit Markus Müller und Direktorin Ulrike Groos ist er Kurator der Ausstellung. Schließlich belegten bereits Gemälde mit Tanzszenen von Ernst Ludwig Kirchner (1911) und dem Futuristen Gino Severini (1913) die frühe Wirkung der im Süden der USA entstandenen Musikrichtung. Jazz war der Pop vor dem Pop, so lautet die Hauptthese der Schau. Als erste international rezipierte Kulturleistung der Vereinigten Staaten wurde der Jazz zum Massenphänomen und beeinflusste dabei natürlich auch bildende Künstler.

Das Stuttgarter Museum möchte zeigen, wie produktiv diese erstmalige Verbindung zwischen populärer Kultur und Kunst war. Dazu lassen sich auf 1100 Quadratmetern die Auswirkungen der Jazzbegeisterung bis in die Gegenwart nachvollziehen. Bis heute ist etwa die afroamerikanische Sängerin und Tänzerin Josephine Baker eine Ikone der Moderne geblieben. Ihre Choreografien inspirierten Alexander Calder zu Drahtskulpturen, Adolf Loos und Le Corbusier entwarfen Häuser für sie. Bis hin zu Kara Walker und Marlene Dumas werden die Spuren des Weltstars verfolgt.

Piet Mondrian, für den der Jazz eine besondere Rolle spielte, schwärmte für Boogie-Woogie. Es heißt, dass er oft mit Lee Krasner tanzte – die 1945 Jackson Pollock heiratete. Auf Pollocks Plattenspieler drehten sich wiederum Swingplatten, wenn er an seinen Dripping-Bildern arbeitete. In den USA waren Jazz und abstrakte Kunst während des Kalten Krieges Aushängeschilder für Freiheit und Demokratie. Doch gerade afroamerikanische abstrakte Maler wie Norman Lewis, Rose Piper oder Joe Overstreet – die jetzt in Stuttgart gewürdigt werden – hatten das Nachsehen. Beckstette erklärt das mit "Rassismus einerseits und mangelnder Wertschätzung in der schwarzen Community andererseits".

Aus der zeitgenössischen Werkauswahl ragt die Videoinstallation "Luanda-Kinshasa" (2013) heraus, in der Stan Douglas eine Gruppe Musiker eine fiktive Miles-Davis-Platte der frühen 70er aufnehmen lässt – in historischer Kluft und in einem täuschend echten Nachbau der New Yorker Columbia-Studios. Ausgerechnet die Trompete fehlt, Miles Davis’ Part ist nicht besetzt.

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