Bildband

Epische Körper

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Ein neues Buch versammelt Pola Sieverdings Fotografien aus einem Berliner Wrestling Club

Während viel über Geschlechter, Ambivalenzen, Körper und Repräsentation gesprochen wird, redet komischerweise kaum jemand vom Wrestling. Diese Show-Kampfsportart wird verlacht als kuriose Endstation, die letzte Karrierestufe abwärts, das Dschungelcamp für Profisportler.

Dabei ist Wrestling eine Beschäftigung, in der viele aktuelle Fragen auf engstem Raum zusammenfließen. Die Künstlerin Pola Sieverding ist wochenlang immer wieder hingegangen zu den Veranstaltungen des Berliner Wrestling Clubs. In einem Zirkuszelt sitzen die Zuschauer dicht um den Ring herum, der Arena und Bühne ist für einen inszenierten Zweikampf zwischen Gut und Böse. Über mehrere Episoden entspinnt sich ein – genau einstudiertes – Gefecht. "Mich interessiert daran das klassische Körperideal und wie es gebrochen wird", sagt Pola Sieverding. "Es ist das Bild vom starken heterosexuellen Mann, zugleich gibt es diese harlekinesken Kostüme aus Spandex." Vor Pola Sieverdings Kamera werden aus Muskeln Skulpturen und aus den Choreografien Bilder wie Gemälde Alter Meister.

Besonders aufgeladen sind ihre Fotografien dann, wenn nicht mehr klar ist, ob es jetzt martialischer Kampfgeist ist oder schon zärtliche Umarmung, Haut auf Haut. Auf der Suche nach dieser Intensität suchte sich Pola Sieverding zwei Boxer, die sie für ein Video gegeneinander antreten ließ. Sie selbst umfuhr die beiden mit dem Kamerawagen und filmte sie mit 200 Bildern pro Sekunde ab – Material für einen dichten, fast physisch überwältigenden Film in epischer Zeitlupe. Wie die beiden im Clinch liegen, kurz von Gegnern zu Partnern werden, die Erschöpfung teilen, um dann wieder von vorne loszuschlagen, ist mehr als Kampfsport. "The Epic" wurde der Titel ihrer Schau im Aachener Kunstverein, zu dem Hatje Cantz jetzt den Katalog herausgebracht hat. Einige der vollflächig gezeigten Bilder sind auf zweierlei Papier gedruckt – Hochglanzpapier einerseits und fast haut-ähnliches raueres andererseits geben der Ambivalenz des Ganzen auch formal Ausdruck.

Bereits während ihres Studiums an der UdK in Berlin stellte Pola Sieverding mit der Kamera Rollenzuschreibungen und Körperbilder auf den Kopf, einer ihrer ersten Filme war die Vier-Kanal-Installation "Girls with Guns", für den sie vier Kommilitoninnen und Freundinnen mit Schusswaffen ausstattete und sie ohne weitere Anweisung damit posieren ließ. Wie geht ihr Interesse für Architektur damit zusammen? Gerade steuert sie in Wien zu einer Ausstellung über den Architekten Gustav Peichl künstlerische Architekturbilder bei. In zwei früheren  Videos, "Close to Concrete I+II", filmte sie Fassaden von Wohnblocks in Lissabon und Berlin ab, suggestiv unterlegt mit elektronischen Loops. Pola Sieverding geht es um das Organisieren von Körpern –  sei es in ihren Behausungen, oder buchstäblich auf der Straße: Für ein nächstes Projekt wird sie sich im Sommer das Düsseldorfer Rotlichtviertel vornehmen. Ein Laden dort, erzählt sie, war über die Jahrzehnte zunächst Lebensmittelgeschäft, dann Eckkneipe, Sexshop und Milieu-Treffpunkt mit Boxring. "Mir geht es darum", sagt die Künstlerin, "was es heißt, den Körper einzusetzen, um über die Runden zu kommen."

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