Spaziergang mit Schildkröte

Gepanzerte Flaneure

Die Schildkröte ist ein Symbol für Weisheit und Entschleunigung. Fotograf Ingo van Aaren und Lyriker David Wagner spazieren für ein neues Buch mit einem sprechenden Exemplar durchs nächtliche Berlin - und wagen sich an große Fragen

Die schnellste Schildkrötenart der Welt (Lederschildkröte) kann bis zu 30 km/h erreichen, wenn sie will. Es ist also nicht zwangsläufig einfach, mit einem gepanzerten Kriechtier Schritt zu halten - wie schon Aristoteles im 4. Jahrhundert in seinem Schildkröten-Paradoxon festhielt. Kann man ein Exemplar dieser Art jemals einholen, wenn es einen Vorsprung erhält? In der Zeit, die ein Läufer braucht, um zum Ausgangspunkt des Tieres zu gelangen, ist es schließlich immer schon ein Stückchen weitergelaufen.   

In der Kulturgeschichte wurde die Spezies jedoch vor allem für ihre Robustheit und Gemächlichkeit geschätzt. Im 19. Jahrhundert spazierten Flaneure mit angeleinten Schildkröten durch Paris, um den Müßiggang und die Entschleunigung zu zelebrieren. In Michael Endes "Unendliche Geschichte" verkörpert die Uralte Morla Weisheit, felsenhafte Geduld und überzeitliches Wissen. 

Man wandelt also buchstäblich auf einem Berg von Geschichte, wenn man heute mit einer Schildkröte spazieren geht - und das wissen auch der Fotograf Ingo van Aaren und der Schriftsteller und Lyriker David Wagner. In ihrem gemeinsamen Buch "Nachtwach Berlin" flanieren Wagner und eine sprechende Schildkröte mit wechselnden Namen im Dunkeln durch die deutsche Hauptstadt. Ingo van Aaren fotografiert das Umherstreifen entlang schlafender Wahrzeichen, David Wagner steuert verspielt philosophische Dialoge zwischen Mensch und Kröte bei. Nicht immer ist klar, wer von beiden eigentlich wer ist. Und wer wen an der Leine von Westen nach Osten durch Berlin führt.

"Manchmal frage ich mich schon, wer spricht und wer was sagt. Gerät uns das durcheinander? Sprichst du am Ende mit dir selbst?"

"Oder du mit dir? Nein, du hörst die Stadt. Hier spricht Berlin", lauten einige der Auftaktzeilen des nächtlichen Rundgangs.

Entschleunigung in der urbanen Umwelt

Die Schildkröte, die man auf vielen der schummrig beleuchteten Bilder erst auf den zweiten Blick entdeckt, wird hier zur Verkörperung eines Stadtgedächtnisses, das ein manchmal sichtbares, manchmal unsichtbares Früher wachhält. Wie Fotograf Ingo van Aaren erzählt, handelt es sich bei seinem Modell um die Schildkröte Walnut, die ihm vor einigen Jahren zugelaufen ist - die aber immer mal wieder durch ein nicht-lebendiges Double ersetzt wurde. "Es war eine Abwägung aus Tierschutz, Praktikabilität vor Ort und der grundsätzlichen Umsetzbarkeit des Projektes", sagt van Aaren, der in Berlin und Paris lebt. "Aber im Narrativ, in der Geschichte ist sie natürlich immer echt".

Neben David Wagner hat der Fotograf auch andere Künstlerinnen und Künstler mit Walnut abgelichtet, um sich den Themen Zeitempfinden und Entschleunigung in einer digitalen und urbanen Umgebung zu nähern. Das Projekt der Schildkrötisierung des Alltags läuft noch. 

In den Dialogen zwischen dem Autor David Wagner und der Schildkröte geht es auch immer wieder um Panzerung und Durchlässigkeit. In einer Stadt, die so viel mitgemacht hat wie Berlin, kann es nicht schaden, geschützt zu sein. Gleichzeitig wollen die beiden Flaneure so viel wie möglich von ihrer Umgebung aufsaugen - und sich ihr ausliefern. Bei einem letzten Bier in der leeren Bar "Kumpelnest" in Schöneberg, auf Baustellen, auf der freien Stadtautobahn oder bei einem Bad im Brunnen der verwaisten Lobby im Hotel Adlon in Mitte. 

Durch die Corona-Pandemie und die Maßnahmen zur Kontaktreduzierung bekommt das einsame Herumstromern noch einmal eine neue Bedeutung. Viele Menschen haben während der Teil-Lockdowns das Spazierengehen neu für sich entdeckt. Belebte Städte zeigen sich leer wie nie, das Flanieren wird eher zur Introspektion als zum Anlass fürs sehen und gesehen werden. Und so kann man das Buch von Ingo van Aaren und David Wagner durchaus als facettenreichen Stadtführer verstehen, der zum Erkunden auffordert. Mit oder ohne Haustier der Wahl - und immer im eigenen Tempo.