Insta-Watchlist: Gretchen Andrew

Die Suchmaschinen-Künstlerin

Gretchen Andrew manipuliert Google und erschafft sich so eine imaginäre Karriere. Die US-Künstlerin nutzt die Unfähigkeit der Suchmaschine aus, Wünsche lesen zu können

Gretchen Andrew, laut Google waren Sie auf dem Cover von "Artforum" und Sie haben den Turner Prize gewonnen. Wie haben Sie das geschafft?

Ich nenne mich selbst "Search Engine Artist" und "Internet Imperialist". In meiner künstlerischen Praxis erstelle ich so genannte Vision Boards, in denen es inhaltlich um meine Zukunft als Künstlerin geht. Es geht um Ziele, Hoffnungen und Träume. Diese Arbeiten auf Leinwand gestalte ich absichtlich sehr girly. Wenn ich dann online mit Meta-Daten und SEO arbeite, erscheinen diese Vision Boards als Top-Suchergebnisse bei Google. Wenn Sie also nach den Titelgeschichten von "Artforum" suchen, sehen Sie meine Vision Boards, die deutlich machen sollen, dass es sich um eine künstlerische Arbeit handelt. Wir Menschen können den Unterschied erkennen. Die Maschine erkennt das nicht und gibt mir jetzt schon, was ich mir für meine Zukunft wünsche.

Ist das für Menschen wirklich so offensichtlich? Menschen glauben erst einmal, was sie sehen.

Ich bin besser darin geworden, mit meinen Bildern deutlich zu machen, dass das Suchergebnis ein Fake ist. In der Vergangenheit gab es durchaus Verwirrungen. Ich nutze die Unfähigkeit der Suchmaschine, Wünsche lesen zu können. Ich möchte einmal auf dem Cover von "Artforum" sein, ganz klar. Menschen verstehen, dass man etwas erreichen möchte und können diesen Wunsch meinem gezeichneten Titel von "Artforum" entnehmen. Das Internet kennt nur Relevanz.

Ihrer Biografie habe ich entnommen, dass Sie für Google gearbeitet haben. Haben Sie dort die Dinge gelernt, die für Sie heute als Search Engine Artist wichtig sind?

Vor acht Jahren habe ich für einige Zeit bei Google in der Personalabteilung gearbeitet. Den Job habe ich wegen meines Studiums der Informationswissenschaften bekommen und dieses Studium ist auch heute für mich als Künstlerin wichtig. Meine Zeit bei Google war ein kurzes Zwischenspiel in meinem Leben. Aber natürlich denken die Leute jetzt, dass ich mehr Informationen als andere über Google habe. Das ist aber wirklich nicht so. Ich habe mir das alles selbst beigebracht und mit der Zeit werde ich besser. Ich nutze Tools, mit denen E-Commerce-Unternehmen arbeiten, nur setze ich diese Tools nicht ein, um Produkte zu verkaufen. In meinem Job war ich nicht glücklich. Die Tech-Industrie ist nicht gut darin, selbstkritisch zu sein. Als ich mich dazu entschieden habe, etwas ganz anderes zu machen, hat mich die Kunstwelt angezogen. Natürlich gibt es auch in der Kunstwelt viele Probleme, Kritik zu üben, das gehört hier aber dazu.

Wirken sich die Google-Suchergebnisse auf Ihre Karriere als Künstlerin aus?

Ja, absolut. Ich nenne mich zwar Search Engine Artist, aber eigentlich resultiert aus meiner performativen Arbeit im Internet eine Performance irl. Wir beide sprechen gerade über meine Ziele als Künstlerin und gleichzeitig wird ein Teil dabei Realität. Das Kunstmagazin Monopol berichtet über mich. Bald eröffnet meine Ausstellung in London in der Galerie von Annka Kultys, in wenigen Wochen eröffnet meine Einzelausstellung im Monterey Museum of Art. Dort werde ich genau die Werke zeigen, in denen es um meine Zukunftsvisionen für meine künstlerische Karriere geht und ein kleiner Teil wird damit schon erfüllt. Jeder, der über meine Kunst berichtet oder meine Kunst ausstellt, wird Teil dieser Performance.


Bei Ihnen auf Instagram habe ich gesehen, dass "Artforum" reagiert hat. Ist das wirklich passiert?

Na ja, ich habe mir selbst ein Abo geschenkt. Man kann entscheiden, welche Nachricht auf der Geschenkkarte steht. Also habe ich mir selbst eine Nachricht geschrieben und mir Glückwünsche zukommen lassen. Die Nachricht kam von "Artforum", ja, aber ich habe um genau diesen Inhalt gebeten. Es ist real, in der Zukunft kann es so sein. "Artforum" weiß davon nur noch nichts. Das Monterey Museum of Art wird eine Anzeige mit meinem Cover schalten. Ich komme meinem Ziel also immer näher.

Was sind weitere Ziele von Ihnen?

Ich habe das Buch "7 Days in the Art World" von Sara Thornton gelesen, das ist mein Guide. Es geht darin um Kunstmessen, Kunstpreise und Kunstmagazine. Damit werde ich mich weiter befassen und schauen, wo ich als Künstlerin präsent sein sollte.


Kürzlich haben Sie auf Instagram auf Ihr neues Projekt hingewiesen. Sie haben dazu aufgefordert, dass man in die Google-Suche "Next American President" eingibt. Was passiert, wenn man Ihrer Aufforderung folgt? Mit Kanye West hat das vermutlich nichts zu tun.

Wenn Sie nach "Next American President" suchen und zu den Ergebnissen der Bildersuche gehen, werden meine Vision Boards angezeigt. Ich zeige, was ich mir vom nächsten amerikanischen Präsidenten wünsche, was beispielsweise seine Werte sein sollten. Statt das Gesicht eines Kandidaten zu präsentieren, zeigen meine Visions Boards, was wir als Gesellschaft vom nächsten Präsidenten erwarten könnten. Funktioniert das auch in Deutschland?

Ja, ich sehe viel Trump, Hillary Clinton und weiter unten Ihre Vision Boards.

Die Ergebnisse hängen natürlich auch vom Standort ab. Mein Projekt läuft aber gerade erst an. Im Herbst werden meine Bilder ganz oben angezeigt werden. Das Timing muss stimmen. Wie bei Magritte, "Dies ist keine Pfeife", beispielsweise geht es bei mir auch um Bild und Repräsentation. Ich arbeite jetzt eben mit dem Internet.

Sie brauchen die analogen Arbeiten, Ihre Vision Boards, damit Ihre Search Engine Art verstanden werden kann. Brauchen Sie für Ihre Arbeit Instagram? Sie lösen dort beispielsweise Ihre Projekte auf oder kündigen neue an, mir sind Sie auf Instagram aufgefallen.

Mein Instagram reflektiert, was es bedeutet eine ernsthafte Künstlerin, eine Technologie-Pionierin und eine Frau in der Kunstwelt zu sein. Erfolgreiche Frauen machen auch Selfies. Starke, kluge und erfolgreiche Frauen, die mich inspirieren, ja, auch sie teilen Bilder von sich selbst. Zeit, die ich auf Instagram verbringe, ist keine verschwendete Zeit. Ich lerne dort, ich vernetze mich und ich tausche mit Freunden und Freundinnen aus. Meine Vision Boards greifen die mädchenhafte Ästhetik auf, die unter dem Begriff Selfie-Feminismus in den vergangenen Jahren bekannt geworden ist. Ganz zu Beginn habe ich es mit Ölmalerei versucht, ich habe bei Billy Childish viel über Malerei gelernt. Ich dachte, wenn ich in Öl male, ganz traditionell, werde ich ernst genommen als Künstlerin. Kunst muss nicht ernst aussehen, um ernste Inhalte zu vermitteln.