Museumsdirektor Frédéric Bußmann

"Wir sind geschlossen, weil sich eine Minderheit nicht impfen lassen möchte"

Frédéric Bußmann, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Chemnitz
Foto: Jürgen Lösel

Frédéric Bußmann, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Chemnitz

Aufgrund der Corona-Lage schließen in Sachsen bis mindestens 12. Dezember wieder die Kulturhäuser. Eine Reaktion von Frédéric Bußmann, Generaldirektor der Kunstsammlungen Chemnitz


Herr Bußmann, es fühlt sich ein bisschen wie ein Déjà-vu an: Seit dem heutigen Montag sind in Sachsen die Kultureinrichtungen wieder für vorerst drei Wochen geschlossen. Mit welchem Gefühl haben Sie die Tür zugemacht? 

Es ist natürlich eine schwierige Situation für die Museen, erneut geschlossen zu werden, aber gleichzeitig musste die Landesregierung etwas tun. Die Inzidenzen sind so hoch, dass es unverantwortlich gewesen wäre, nichts zu tun. RKI-Präsident Lothar Wieler hat in einer Videokonferenz letzte Woche mit dem sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer die Notlage sehr deutlich dargestellt. Wir sind hier schon sehr alarmiert. 

In den vergangenen Monaten wurde von der Politik oft wiederholt, dass es keine Lockdowns mehr geben soll. Waren Sie überrascht, dass die Museen in Sachsen nun doch wieder dicht sind? 

Ich war schon ein wenig überrascht von diesem Teillockdown, auch wenn ich es wie gesagt richtig finde, dass gehandelt wird. Ich hätte mir gewünscht, dass die Regierung früher etwas getan hätte, dann hätten die Maßnahmen vielleicht weniger weitreichend ausfallen können. Freilich überzeugt es mich nur so halb, dass wieder die Museen und Kultureinrichtungen undifferenziert geschlossen werden, aber Museen sind selbstverständlich solidarisch und tragen die Maßnahmen mit, nur bitte dann mit umfassenden, aber zeitlich sehr begrenzten Maßnahmen.

Sie sind Mitglied im sächsischen Kultursenat, einem Gremium, das die Landesregierung berät. Haben Sie schon ein Stimmungsbild Ihrer Kolleginnen und Kollegen? Und wurden Sie vorher konsultiert?

Ich habe die Vorsitzende des Kultursenats angeschrieben, aber bisher noch keine Antwort bekommen. Ich denke schon, dass sich der Kultursenat zur Situation verhalten sollte, im Augenblick ist das aber noch nicht passiert. Ich bin erst seit Kurzem in dem Gremium, sodass ich nicht ausschließen kann, dass vorher Gespräche stattgefunden haben. Ich fürchte aber, dass das jetzt nicht der Fall war. 

Sind Sie jetzt eigentlich besser auf die Schließung vorbereitet, weil es das dritte Mal seit dem Frühjahr 2020 ist, oder schlechter, weil es eigentlich nicht mehr dazu kommen sollte? 

Ich würde sagen, dass wir gut vorbereitet sind, aber das ist gar nicht der Punkt. Es ist eher eine Frage der Perspektive für die kommende Zeit. Das Schwierigste vor einem Jahr beim vorherigen Lockdown war, dass er sich so lange hingezogen hat und dass nicht konsequent gehandelt wurde. Ich würde mir sehr wünschen, dass das jetzt ein kurzer, effektiver Eingriff ist. Wir müssen jetzt entschlossen handeln, und meiner Meinung nach auch über eine Impfpflicht sprechen, auch wenn das ein schwieriges Thema ist. Es darf jetzt nicht wieder alles über Monate verschleppt werden. Wenn wir sagen, wir machen in drei oder vier Wochen wieder auf, weil die Zahlen sich hoffentlich bessern und alle ihren Anteil dazu beigetragen haben, dann finde ich das richtig.

Das lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt ja nicht garantieren.

Nein, aber das ist mein Appell an die Politik. Jetzt nicht zu sehr Rücksicht zu nehmen auf politische Stimmung oder populistische Tendenzen und wirklich zu sagen: Die Wissenschaft hat uns ins Gewissen geredet, und wir müssen jetzt handeln und radikal die Kontakte einschränken. Da werden die Museen auch mitmachen, obwohl wir inzwischen genau wissen, dass wir keine Pandemietreiber sind. Dazu gab es eine Studie der TU Berlin, nach der das Risiko, sich anzustecken, im Museum weitaus niedriger liegt als etwa im Supermarkt

Während des letzten Lockdowns haben viele Museumsdirektorinnen und -direktoren darauf hingewiesen, dass Museen mit ihrem Besuchermanagement Entlastungsorte gegen den Lockdown-Koller sein könnten. Wurden sie nicht gehört?

Ich glaube, das wurde schon gehört, aber man wollte die Diskussion wohl nicht zu sehr verkomplizieren und differenzieren. Es ist völlig richtig, dass Museen weniger Gefahren in sich bergen als andere Orte und auch in psychologisch belastenden Zeiten Erholung bieten können. Wenn es jedoch darum geht, wirklich effizient Kontakte zu reduzieren, ist es folgerichtig, das gesamte öffentliche Leben für eine kurze Zeit herunterzufahren.

Gehen Sie nun wieder ins Digitale?

Im Moment sind wir ein bisschen unentschlossen. Ich glaube, viele Leute sind frustriert vom Digitalen. Museen sind reale Orte. Das heißt nicht, dass wir nicht auch digitale Zusatzangebote machen können, trotzdem ist unsere Hauptaufgabe die physische Begegnung mit der Kunst im Raum. Es hat sich zumal gezeigt, dass viele Menschen die Erwartung haben, im Netz Inhalte kostenlos zu bekommen. Auch da muss ich sagen: Kunst und Kultur sind nicht umsonst zu haben, und Künstlerinnen und Künstler verdienen eine Bezahlung für ihre Arbeit. Das gilt auch für die Angebote von Museen. Ich finde es gut, Dinge auszuprobieren und eventuell auch ein neues Publikum anzusprechen, aber das Digitale ist sicher keine Alternative zu unserer Arbeit vor Ort. 

Apropos physischer Raum: Wie haben Sie den Zugang zum Haus vor der Schließung gehandhabt?

Für Besucherinnen und Besucher galt 2G, also geimpft oder genesen, für unsere Mitarbeitenden 3G, also geimpft, genesen oder getestet. 

Gab es dagegen Proteste?

Nein. Es gibt in unseren Häusern sicher auch Menschen, die nicht unbedingt Anhänger des Impfens sind, aber Proteste in dem Sinne gab es nicht. Ich denke, jeder Mensch, der evidenzbasiert handelt, kann verstehen, dass es eine nötige Maßnahme ist. Und da sollte man auch keine Rücksicht auf Verschwörungstheorien oder diffuse Ängste nehmen. Wenn man die individuelle Freiheit, die wir durch diese Maßnahme verlieren, gegen das aufwiegt, was wir sonst gefährden – die Kinder, Kranke, die Kultur insgesamt, die Wirtschaft – komme ich zu dem Schluss: Wir brauchen eine Impfpflicht, auch wenn das rechtlich natürlich erst geklärt werden muss.

Andererseits könnte man auch sagen, dass Museen für alle da sein sollen. In den letzten Jahren wurde immer wieder gefordert, dass Kultur nicht ausschließen soll. Passt das für Sie mit der 2G-Regel zusammen?

Es geht nicht ums Ausschließen. Beziehungsweise kann man sich fragen, wer gerade wen ausschließt. Wie Sie sehen, machen wir jetzt komplett zu, weil eine kleine Gruppe von Menschen sich nicht impfen lassen möchte und die Intensivstationen überlaufen. Man muss das im Verhältnis sehen. Es geht hier nicht um einen Normalzustand, in dem wir Menschen ausschließen oder diskriminieren wollen. Wir befinden uns in einer Notlage, und es geht um Spielregeln für eine begrenzte Zeitdauer. Wenn man die Optionen abwägt, ist es mir lieber, wenn wir unter halbwegs sicheren Umständen aufhaben können als dass wir komplett geschlossen werden. Und dass sich die Leute impfen lassen, am liebsten aus Überzeugung und Verantwortungsbewusstsein heraus.

Welche Unterstützung wünschen Sie sich jetzt von der Regierung?

Am dringendsten wünsche ich mir Konsequenz, Effizienz und Transparenz. Es ist mir nicht verständlich, warum die Innengastronomie geöffnet ist, aber die Museen geschlossen sind. Sowas ist schwer nachzuvollziehen. Über finanzielle Hilfen muss auch wieder gesprochen werden. Wir wissen aus dem letzten Jahr, dass viele Kultureinrichtungen und Künstlerinnen und Künstler große Schwierigkeiten haben, solche Schließungen ökonomisch durchzuhalten. Wir arbeiten so gut es geht normal weiter – wobei uns nun wieder Personal für das Pandemiemanagement abgezogen werden wird und wir damit unsere Arbeit nur eingeschränkt werden gewährleisten können –, aber für die freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Vermittlung oder für die Aufsichten, die immer wieder nach Hause geschickt werden, ist es hart. Deshalb kann ich nur noch einmal appellieren: Wenn Lockdown, dann entschlossen und kurz.