Berliner Brutalismus-Bau

"Der Mäusebunker hat utopische Strahlkraft"

Das ehemalige Tierversuchslabor der Berliner Charité ist einer der exzentrischsten deutschen Brutalismus-Bauten. Dass die Kunstwelt ihn nun retten will, liegt auch an den Architekturexperten Gunnar Klack und Felix Torkar. Ein Gespräch

Der "Mäusebunker" in Berlin-Lichterfelde löst starke Gefühle aus – "Brutalismus gegen Mensch und Tier", schreibt ein Rezensent bei Google. Andere sehen in der seit den 2010er-Jahren ungenutzten Tierversuchsanstalt der Charité Potenzial für eine kulturelle Nachnutzung. Der pyramidenförmige Koloss wurde 1981 nach vielen Verzögerungen auf dem Campus Benjamin Franklin der Charité eröffnet, wie eine verspätete Zukunftsvision. Formal und zeitlich haben Gerd und Magdalena Hänska einen Ausreißer aus der Brutalismus-Ära gebaut, der gemeinsam mit dem Institut für Hygiene und Umweltmedizin von Fehling + Gogel ein Ensemble bildet, das schon verloren schien – bis Gunnar Klack, Architekt und Autor, und Felix Torkar, Architekturhistoriker, im Frühjahr 2020 eine Petition zu seiner Rettung starteten.

Nun läuft ein Modellverfahren, um die Bewahrung sicherzustellen. Unterdessen hat der "Mäusebunker" prominente Unterstützer aus der Kunstszene gefunden, die nicht nur Denkmalschutz fordern, sondern auch über eine Nachnutzung nachdenken. Im Interview erklären Klack und Torkar, was den Bau so besonders macht, was man in Zukunft damit tun könnte und warum Brutalismus heute so attraktiv ist

Felix Torkar, Gunnar Klack, lange war er in Gefahr, aber jetzt sieht es eigentlich ganz gut aus für den "Mäusebunker". Wie kamen Sie dazu, sich für diesen Bau zu interessieren?

Felix Torkar: Ich habe im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt bei der Ausstellung "SOS Brutalismus: Eine internationale Bestandsaufnahme" als kuratorischer Assistent gearbeitet. Dort ist uns auch der "Mäusebunker" begegnet, und Gunnar Klack war unser Katalogautor zu diesem Bau. Wir haben ihn zu den zehn repräsentativsten deutschen Bauwerken gezählt, aber damals wussten wir schon, dass seine Zukunft unsicher ist.

Gunnar Klack: Ich habe mich selbst überhaupt nicht als Aktivist gesehen und bin immer davon ausgegangen, dass dieses Gebäude so besonders ist, dass der Denkmalschutz gegen den Abriss protestieren wird. Ein wichtiges Artefakt der Nachkriegsmoderne!

Das ist ein merkwürdiger Bau, und mir fällt kein Gebäude ein, das so aussieht. Für das, was man sonst unter Brutalismus versteht, ist er auch ein bisschen spät. Wofür ist der denn repräsentativ?

FT: Das stimmt, es gibt wenige Vergleichsbauten. Der Mäusebunker ist spät – aber eben, weil er spät fertiggestellt wurde. Die Entwürfe gingen schon Mitte bis Ende der 1960er los. Wäre alles glattgegangen, wäre das Gebäude 1971 eröffnet worden. Aber alles ist teurer geworden als geplant, und alles ist ein bisschen aus der Form und der Zeit geraten.

GK: In Ihrer Frage steckt schon die Logik, die auch der Denkmalpflege zu Grunde liegt: Man sucht sich das erste und beste Beispiel aus einer architektonischen Bewegung. Das ist natürlich richtig, wenn dieses Vorbild einen ganzen Trend auslöst. Aber der Mäusebunker ist ein totaler Außenseiter. Er stellt eine Extremform dar, die diese Architektur hätte annehmen können.

Viele Bauten, die man gemeinhin dem Brutalismus zuordnet, sind ja öffentliche Gebäude: Krankenhäuser, Bibliotheken, Verwaltung. Die sind dann oft geschwungen, ein bisschen organisch, aus Schalbeton, sie kommen aus dem Westeuropa der 60er und 70er, stehen für den Sozialstaat. Der "Mäusebunker" ist hingegen kantig und abweisend.

GK: Das Verrückte an dieser Zeit ist ja, dass gerade die sozialdemokratische "Top-Down-Planung" als abweisend und autoritär empfunden wurde. Der Mäusebunker symbolisiert das, was dieser Architektur nachgesagt wird.

FT: Er sieht gruselig aus, hat aber auch so eine unheimlich utopische Strahlkraft, gerade gemeinsam mit dem Hygieneinstitut. Er sollte auch zeigen, dass es im Westen die bessere Wissenschaft gibt, um zu sagen: Wir erfinden hier die Zukunft.

GK: Aber über Brutalismus als Stil hat man damals gar nicht so viel geredet. In der Planung ging es eher darum, das Budget pragmatisch zu realisieren. Maximale Leistung, maximale Nutzfläche: daher die Hülle aus Sichtbeton.

FT: Die speziellen Anforderungen diktieren alle gestalterischen Entscheidungen. Um Versuche machen zu können, brauchte man stabile Temperaturen. Man musste getrennte Bereiche schaffen: Einen zur Tierzucht, mit Überdruck, um die Sterilität zu gewährleisten, sodass keine Erreger hereinkommen. Wo die Versuche stattgefunden haben, herrscht hingegen Unterdruck, damit die Erreger nicht hinauskommen. Weil das technisch so kompliziert ist, wurde die Lüftungstechnik über das Gebäude verteilt. Mit den markanten Rohren wird die Frischluft möglichst weit von der Gebäudehülle entfernt nach innen geleitet. Wegen der monofunktionalen Anforderung ist die Lösung so ungewöhnlich. Aber den Hänskas ist etwas gelungen, das darüber hinausreicht. Es ist eine fantastische Großskulptur entstanden.

Dabei weiß man doch heute, dass der Zusammenhang von Funktion und Form nicht die letztgültige Wahrheit der Architektur ist.

GK: Die Devise form follows function ist zwar prima als grobe Orientierung, sie ist nur wahnsinnig unspezifisch und lässt sich derart vielfältig auslegen, dass es irgendwann auch wieder beliebig wird. Ich habe mit dem Sohn von Gerd Hänska gesprochen. Der sagte, die Idee war, die Dachfäche so stark wie möglich zu minimieren, weil das Dach am Bau das teuerste ist. Eine Böschform wie diese ist aber eben auch ein Klassiker der Wehrarchitektur. Vielleicht hat Hänska das unbewusst mitgedacht.

FT: Dazu kommt die Beschäftigung mit Schiffsformen in der Moderne, spätestens seit Le Corbusier! Der Mäusebunker ist die Science-Fiction-Fassung davon.

Dahinter steckt ja auch ein bestimmtes Denken über das Zusammenleben von Menschen und Tieren – bloß welches?

FT: Tiere als Ressource und zur Verwertung. Aber es ging auch um optimale Bedingungen, damit die Tiere gut leben. Gleichzeitig muss man thematisieren, dass dort sehr viele Tiere zu Schaden gekommen und gestorben sind.

Die Tiere sind jetzt, nachdem die Nutzung zu Ende gegangen ist, schon wieder eingezogen. Der Mäusebunker wird jetzt von Vögeln bewohnt.

GK: Der intellektuelle Reiz liegt ja darin, dass die Verwertung von Tieren durch Menschen an diesem Ort ein Ende gefunden hat, aber die Tiere hatten den längeren Atem und heute sind sie die Hauptnutzer des Baus. Diese Revanche ist eine schöne Idee. Wir haben Architektur gelernt als Abgrenzung der menschlichen Räume gegen Naturräume. Dabei ist diese scharfe Grenzziehung die dümmste Art, Architektur zu betreiben.

Das Gebäude erfüllt so eine spezifische Aufgabe. Eigentlich kann es genau eine Sache. Und dafür hat es diese engen Räume, viele tragende Wände und eine niedrige Geschosshöhe.

FT: Es stimmt, dass so ein spezifischer Bau schwierig nachzunutzen ist. Man könnte aber die Haustechnik etwas entschlacken, Durchbrüche und Lichthöfe schaffen. Die Statik ist so massiv berechnet, dass der Bau schon einiges aushält und Elemente entfernt werden können.

GK: Wenn man sich ideale Szenarien vorstellt, wünscht man sich, dass es öffentlich ist, dass es eine kulturelle Nutzung gibt, und dass die Geschichte des Verhältnisses von Mensch und Tier reflektiert wird. Als Denkmalpfleger wünscht man sich allerdings auch, dass möglichst wenig Substanz weggenommen wird. Die Baugeschichte ist aber voll von Beispielen, die schwierig zu nutzen sind. Sobald sie dann wertgeschätzt werden, sind auf einmal die tollsten Sachen möglich.

Der Architekt Arno Brandlhuber betont das ja auch immer: Man könne alles nachnutzen.

FT: Im Prinzip ist das schon gut, dass jemand wie der Galerist Johann König und der Architekt Brandlhuber in die Diskussion geht und sagt: Wir machen das. Von anderen Seiten kommt sonst oft das Argument, eine Nachnutzung wäre unrealistisch, weil unbezahlbar.

Was macht man denn, wenn einer der Akteure versucht, seine alleinige Vision umzusetzen?

GK: Das ist ja das Schöne am Kulturerbe: Niemand hat darauf ein Monopol. Wir haben nicht mehr Berechtigung, etwas darüber zu sagen als andere. Wir haben die Petition gestartet, der Architekt Ludwig Heimbach hat eine Ausstellung gemacht, Brandlhuber und König kaufen das – vielleicht.

Wie erklären Sie sich eigentlich die Popularität von Brutalismus über Fachkreise hinaus?

FT: Es ist eine fotogene, spektakuläre Architektur, die aber relativ unbekannt ist. Wenn man das auf Instagram sieht und sich ein bisschen interessiert, dann versetzen einen viele Bauten ins Staunen. Schon die alten Fotos kurz nach der Fertigstellung sehen heroisch aus, was auch kein Zufall ist, denn damals lief die Popularisierung von Architektur über Magazine. Der Stil hat auch eine retrofuturistische Ästhetik. Bei fast jedem Entwurf ist man überrascht, was sich die Architekten ausgedacht haben, und was die Verantwortlichen durchgewinkt haben.

GK: Alle möchten das noch unbekannte, aber total verrückte Gebäude von der Kreissparkasse entdecken. Ich glaube aber auch, dass der Begriff Brutalismus so wahnsinnig unscharf ist. Jeder und jede kann was mit Sichtbeton fotografieren und das zu Brutalismus erklären.

FT: Das unbequeme Wort hilft natürlich auch, weil es so eingängig ist. Der englische Architekturkritiker Reyner Banham schrieb 1955, der Begriff kommt von béton brut, aber ihm war schon bewusst, dass da brutal drinsteckt, die kompromisslose Art des Entwerfens.

GK: Wenn man es zuspitzt, läuft es darauf hinaus, dass Brutalismus nur das sein kann, was zwischen 1953 und 1954 in Großbritannien gebaut wurde, und worüber Banham geschrieben hat. Die andere Definition lautet: alles was ein Stück Sichtbeton hat. Es gibt also die enge und die phänomenologische, ästhetische Definition. Beide sind irgendwie falsch.

FT: Diese verkopfte Theoriedebatte der 50er in England wurde ohnehin schnell von der Realität überholt. Viele haben so gebaut, ohne Traktate darüber zu schreiben.

Jenseits von der Medialisierung von Architektur, solche Bauten sind aber auch Zeugnisse einer Zeit vor staatlich geduldeter Verelendung – bevor sozialer Wohnungsbau und der Sozialstaat abgebaut wurden.

GK: Das ist eine Erinnerung, dass es mal eine Gesellschaft gab, wo der Staat richtig viel Geld in die Hand genommen hat. Brutalismus ist die Architektur des Sozialstaats.