Kunsthistoriker W.J.T. Mitchell über digitale Bilder

"Die ästhetische Distanzierung passt perfekt in unsere Zeit"

Wie verändert das Betrachten von Ausstellungen im Internet unsere Auffassung von Kunst? Der Kunsthistoriker W.J.T. Mitchell sieht den Fokus aufs Digitale in der Corona-Krise als Verlust und Chance zugleich

Professor Mitchell, schauen Sie sich zur Zeit Ausstellungen online an?

Gerade diese Woche habe ich eine Ausstellung im Sharjah Museum in den Vereinigten Arabischen Emiraten mit dem Titel "The Age of Anxiety" – das Zeitalter der Angst – mit vielen bedeutenden zeitgenössischen Künstlern gesehen. Es ist eine Ausstellung, die nie eröffnen wird. Aber sie existiert. Der Kurator, Omar Kalif, hat mich gebeten, einen Aufsatz für den Katalog zu schreiben. Ich musste den Aufsatz aufgrund meiner Online-Erfahrung schreiben und so ist es ein ziemlich anderer Aufsatz geworden, als wenn ich ihn unter anderen Umständen geschrieben hätte.

Inwiefern?

Ich konnte natürlich nicht anders, als über die mediale Vermittlung der Ausstellung schreiben. Omar Kalif hat es sehr gut geschafft, online das Gefühl der Beklemmung herzustellen, das die Ausstellung im Museum wohl auch vermitteln sollte. Es geht ja schließlich um Angst. Aber es war natürlich trotzdem ein ganz anderes Erlebnis.

Was passiert mit der Kunst, wenn wir sie im Internet anschauen?

Wenn man sich fragt, ob es einen großen Unterschied macht, sich Kunst unmittelbar anzuschauen oder im Internet, dann kommt es doch sehr auf die Art von Kunst an, über die man redet. Wenn zum Beispiel ein Videkünstler einen Bildschirm in einer Galerie installiert, dann geht natürlich bei der Übertragung ins Netz viel weniger verloren, als bei einer Installation, die mit der körperlichen Präsenz des Betrachters verbunden ist. Nehmen wir Performance-Kunst, es gibt bei der Performance eine Mystik der Anwesenheit. Wenn man das online anschaut, dann wird das zu so etwas wie Fernsehen. Andererseits hat Performance-Kunst natürlich auch eine lange Geschichte der medialen Aufzeichnung und Verbreitung. Es gibt viele berühmte Performances aus den 60er- und 70er-Jahren, die ich mir nie hätte anschauen können und die ich nur als Aufzeichnungen kenne. Es gibt also nicht eine einzige, griffige Antwort auf die Frage, wie die digitale Erfahrung die Kunst verändert.

Dann fangen wir doch mit der Malerei an. Wie verändert sich die Rezeption der Malerei, wenn wir sie online konsumieren?

Wir hatten hier in Chicago kürzlich eine Blockbuster-Ausstellung von Andy Warhol. Ich habe mir die Ausstellung pflichtschuldigst angeschaut. Aber wie das immer bei solchen Ausstellungen ist, man wird von den Massen durch die Räume geschoben und steht Ellbogen an Ellbogen mit anderen Leuten. Da wird man dann doch sehr skeptisch, ob etwas Wesentliches verloren geht, wenn man nicht persönlich in der Präsenz des Werkes ist. Manchmal ist die unmittelbare Erfahrung eines Werkes sehr unbefriedigend.

Sie sind ein großer Befürworter der Versenkung und der sehr genauen Betrachtung eines Werkes. Im Falle einer überfüllten Ausstellung, wie der Warhol-Schau, würde also die Online-Betrachtung das Studium erleichtern?

Ich muss da an Walter Benjamins Aufsatz über das "Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" denken. Benjamin spricht über den Verlust der Aura einerseits, aber auch über die Wiedererlangung der Aura auf einer anderen Ebene. Online können beispielsweise wesentlich mehr Leute die Kunst sehen als nur die, die sich eine Eintrittskarte ins Museum oder allein die Reise dorthin leisten können. Wenn ein Bild berühmt wird, wie etwa die "Mona Lisa", dann wird es zu einem Star-Objekt. Es hat dann nicht mehr die Aura der Unmittelbarkeit, sondern eine ganz andere Art von Aura: die Aura der spektakulären Zirkulation. Benjamin schreibt auch von Hollywood-Stars, die ja meist fad und enttäuschend sind, wenn man sie persönlich kennenlernt. Eine Aura haben sie nur auf der Leinwand. Also ist manchmal die Vermittlung durch ein anderes Medium essentiell und macht das Werk erst zu dem, was es ist.

Was schaut man sich denn dann an, wenn man sich die "Mona Lisa" im Internet betrachtet?

Es kommt drauf an. Manch einem reicht es, zu sagen, "jetzt habe ich sie gesehen, jetzt habe ich einen Haken dahinter gemacht". Man kann sich die "Mona Lisa" aber online auch ganz anders anschauen. Man kann sie zum Beispiel online gemeinsam mit tausenden anderer Porträts betrachten. Oder man kann sie im Kontext der unzähligen Imitationen sehen, darunter zahlreiche Parodien und Karikaturen, einige davon mit Sprechblasen. Es gibt eine herrliche Geschichte über die "Mona Lisa". Sie wurde 1911 einmal aus dem Louvre gestohlen und Berichten zufolge sind wesentlich mehr Leute gekommen, um sich den leeren Fleck an der Wand anzuschauen, als je Leute da waren, um sich das Gemälde zu betrachten.

Sie haben sich also nur die Aura angeschaut, ohne das, was die Aura trägt. Ist das das gleiche, wie sich die "Mona Lisa" online anzuschauen?

Vielleicht. Nehmen wir an, die "Mona Lisa" würde morgen wieder gestohlen. Man könnte eine Kamera aufstellen und sich online den leeren Fleck an der Wand betrachten. Oder man schaut sich eine der Imitationen an. Das Gemälde kann gestohlen werden, das Bild nicht.  

Sie würden also niemals so weit gehen, apodiktisch zu sagen, dass etwas verloren geht, wenn man nicht in der physischen Präsenz eines Werkes ist.

Nun, es gibt schon Dinge, die verloren gehen. Man muss wirklich den Einzelfall betrachten. Es findet eine Verwandlung statt und man muss in jedem Einzelfall schauen, was der Gewinn und was der Verlust ist. Ich habe mir beispielsweise letztens gemeinsam mit Freunden eine Videoaufzeichnung einer Theateraufführung in London angeschaut, und wir haben nachher online darüber diskutiert. Das war ein wunderbarer Abend, aber natürlich nicht dasselbe, wie wenn ich tatsächlich im Theater gesessen hätte. Es gab einen Verlust und einen Gewinn. Es geht mir darum zu sagen, dass die physische Präsenz nicht der einzige Wert ist, der von einem Kunstwerk ausgeht.

Aber es ist ein Wert.

Es kommt immer darauf an. Wenn wir vom Woodstock-Festival reden – da muss man sicher dort gewesen sein. Bei der Erfahrung ging es ja nicht nur um die Musik. Wenn ich ein Gerhard-Richter-Gemälde studiere, sehe ich aber online vielleicht viel mehr und kann viel genauer hinschauen, als wenn ich davor stehe.

Sie haben den Begriff des Metabildes geprägt – eines Bildes, das einen Diskurs über Bilder im Allgemeinen enthält. Wird jedes Bild ein Metabild, wenn wir es uns online anschauen?

Für mich ist jedes Bild potenziell ein Metabild, wenn es in dem entsprechenden Kontext steht. Der Kontext kann das Internet sein, aber zum Beispiel auch ein philosophischer Diskurs. Wenn Heidegger etwa über das Van-Gogh-Bild der Arbeiterschuhe spricht, dann wird es zu einem Metabild. Als ich den Begriff des Metabildes entwickelt habe, habe ich an etwas ganz Bestimmtes gedacht, an ein Bild, das innerhalb eines Bildes sich selbst enthält, eine mise en abyme. Aber je mehr ich darüber nachgedacht habe, desto weiter ist der Begriff geworden. Es gibt so viele Arten, auf die ein Bild zu einem Metabild werden kann.

Sie sagen, jedes Bild kann zum Metabild werden. Was passiert bei diesem Übergang?

Nun, ein Metabild ist ein Bild, in dem das Medium thematisiert wird. Die Frage, die ich meinen Studenten immer als erstes stelle, ist, was ist Unmittelbarkeit? Diese utopische Auffassung der Präsenz, was ist das eigentlich? Oft sagen Studenten, dass Unmittelbarkeit ist, wenn man von Angesicht zu Angesicht steht. Dann hake ich nach und sage – ist das Gesicht denn ein transparentes Medium? Dann kommen wir schnell dahin, dass das Gesicht selbst ein Medium ist. Das werden Ihnen viele Generationen von Porträtisten bestätigen.

Wenn ich nun also ein Gemälde online anschaue, was sehe ich dann?

Nun ich schaue mehrere Dinge an, ich schaue mir das Bild an, kann aber nicht ignorieren, durch welches Medium es zu mir transportiert wird. Die Medien sind aber voller Widersprüche. Das kann eine desorientierende, beängstigende Qualität haben.

Das passt ja zu unserem gegenwärtigen Augenblick, wir sind alle sehr desorientiert ...

Ja, das habe ich auch in meinem Aufsatz zu der Ausstellung in den Emiraten aufgegriffen. Ich habe mir Gedanken darüber gemacht, warum wir so desorientiert und verängstigt sind. Vieles hat mit enttäuschten Erwartungen zu tun. Wir bekommen nicht das, was wir glauben, bekommen zu müssen. Zum Beispiel die Präsenz, von der wir sprechen. Wir haben das Verlangen danach, in der Präsenz von Kunst zu sein aber auch in der Präsenz voneinander.

Was würden Sie uns also raten in diesen Zeiten? Uns einfach zu entspannen?

Bis zu einem gewissen Grad, ja. Wir müssen tief Luft holen und aus diesem Moment mitnehmen, was wir können. Wir dürfen nicht allzu sehr über den Verlust nachgrübeln, sondern sollten eher danach fragen, wie wir ihn kompensieren können. Aber es gibt ja auch eine gewisse Lust an der Angst. Bis zu einem gewissen Grad mögen wir es ja, verängstigt zu sein.

Wenn Sie Kunst online anschauen, steht sie ja auch in neuen Zusammenhängen. Sie können auf Ihrem Bildschirm eine Ausstellung im Metropolitan Museum geöffnet haben, aber gleichzeitig Ihre Netflix-Serie und die Pressekonferenz von Donald Trump.

Das verflacht natürlich die Erfahrung und verwandelt einen von einem Connaisseur in jemanden, der vielleicht seine Urteilskraft aufgibt. Einer der großen Kunsthistoriker, mit denen ich mich beschäftigt habe, ist Aby Warburg. Die jetzige Situation erinnert mich ein wenig an seinen Bilderatlas. Warburg hatte die Regel, dass in seinem Atlas nur Kopien enthalten sein dürfen, keine Originale. Außerdem durfte es keine Farbe geben. Dadurch wurden alle Bilder gleich. Warburg wollte nicht vom Affekt des Originals überwältigt werden, er wollte die Distanz des Verstehens zwischen sich und der Kunst haben. Es war eine Art Abwehr gegen das Original. Ich nenne es ästhetische Distanzierung. Das passt perfekt zu unserem Zeitalter des "social distancing".