Zehn Jahre "The Artist Is Present"

Schweigen als Spektakel

Marina Abramović in "The Artist Is Present", 2010
Foto: Imago

Marina Abramović in "The Artist Is Present", 2010

Vor zehn Jahren eröffnete Marina Abramovićs Performance "The Artist Is Present" im MoMA. Das Blickduell mit der Künstlerin gehört für viele Besucher zu den emotionalsten Erfahrungen ihres Kunstlebens. Warum eigentlich?

Im März 2020 wäre Marina Abramovićs Ausdauer-Performance "The Artist Is Present" ein virologischer Alptraum. Menschenmassen, die ins Museum drängen, stundenlanges Herumsitzen in großer Gruppe und eine dreimonatige Darbietung, die hauptsächlich auf menschlicher Nähe basiert. Doch vor zehn Jahren war Corona noch ein mexikanisches Bier, dem man eine Limettenspalte in den Flaschenhals stopfte. Menschen schliefen im New Yorker Frühling dicht gedrängt auf dem Bürgersteig vor dem Museum of Modern Art (MoMA), um morgens die ersten in der Schlange zu sein und im Idealfall einer schweigenden Künstlerin in die Augen zu schauen. 

Es gibt kaum eine Liste der wichtigsten Kunstwerke der 2010er-Jahre, auf der "The Artist Is Present" von Marina Abramović nicht auftaucht. Was auf den ersten Blick ein wenig verwundern mag, denn formal gehört die Performance zu den simpelsten Versuchsanordnungen der vergangenen Dekade. "The art of placing two chairs too far away from each other", kommentierte zum Jahreswechsel ein unbeeindruckter Instagram-Nutzer auf dem Monopol-Account. Für ihre MoMA-Retrospektive, die am 14. März 2010 eröffnete, hatte Marina Abramović eine einzige neue Arbeit konzipiert: Für die gesamte Ausstellungsdauer saß sie sechs Tage die Woche je sieben Stunden lang schweigend auf einem Stuhl mit Notfall-Pipi-Behälter. Gegenüber stand ein zweiter Stuhl (zuerst mit Tisch dazwischen, später ohne), auf dem Besucher und Besucherinnen Platz nehmen konnten. Die charismatische Künstlerin in royaler Robe verwickelte ihre Gäste in einen stummen Austausch. Sie schaute, jemand schaute zurück, beide Blickende ließen sich voneinander bewegen - und das Publikum schaute beim Schauen zu.

Eine ganze Karriere läuft auf einen Moment zu

Es war jedoch nicht nur die Meta-Ebene dieser Blickduelle - die Verschränkung aus Popstar-Verehrung einer Künstlerin, Schweigen als Spektakel und dem Museum als Gefühlsachterbahn - die die Inszenierung im kollektiven Kulturgedächtnis platziert hat. Es war auch eine Kombination aus Umständen, die diesen Erfolg einzigartig machen. Marina Abramovićs ganze Karriere scheint auf diese Performance zuzulaufen. Der Körper, der in früheren Arbeiten so oft im Namen der Kunst strapaziert und geschunden wurde, musste nun - anstrengend genug - nur da sein, um seinen Zauber zu entfalten. Das, was er für die Etablierung der Performancekunst und den Diskurs um Weiblichkeit getan hatte, war ihm eingeschrieben und wurde vom Publikum eingesogen. Die Künstlerin ruhte sich nicht auf ihrem Erfolg aus, ihr Ruhen wurde vielmehr zum größten Erfolg. 850.000 Menschen sahen die Ausstellung oder Teile davon. 

Auch mediengeschichtlich hat Kurator Klaus Biesenbach - bewusst oder unbewusst - genau den richtigen Zeitpunkt abgepasst. Soziale Medien waren schon so weit, dass sich die Begeisterung der Besucher digital verbreiten konnte und immer mehr Publikum anlockte. Ein Flickr-Account mit allen Blickpartnern der Künstlerin (darunter Prominenz wie James Franco, Björk und Rufus Wainwright) wurde hundertttausendfach angeschaut. Das MoMA bot einen Live-Stream an und brachte Kunst global nach Hause. Gleichzeitig war die Geburt von Instagram noch einige Monate entfernt und viele Besucher hatten Nokia-förmige Handy-Kästchen. Eine so konzentrierte Besuchermenge im Museum ohne ständiges Smartphone-Checken ist zehn Jahre später kaum noch denkbar. 

Nacktheit einer "jugoslawischen Provokateurin"

Dass sich der konservative US-Sender "Fox News" über die Nacktheit in den älteren Arbeiten "dieser in Jugoslawien geborenen Provokateurin" echauffierte, war wohl ebenfalls der Sache dienlich. So ganz ohne empörte Reaktion macht Transgression ja auch keinen Spaß. Heute würde sich wohl niemand mehr so prominent über ein paar Entkleidete im Museum aufregen. Zehn Jahre können lang sein, und körperbetonte Performances gehören inzwischen in den meisten Häusern zum guten Ton.   

Der Moment, als Marina Abramović in Tränen ausbricht, weil sie plötzlich ihrem Ex-Partner Ulay gegenübersitzt, ist ein perfektes Kunst-Meme, bevor Memes eine eigene Kommunikationsform wurden. Ein erhabener Moment, in dem man sich mit hochkulturell gutem Gewissen an einer dramatischen Lovestory erfreuen konnte. Dass der kürzlich verstorbene Ulay nicht wie oft behauptet plötzlich nach Jahren des erbitterten Rechtsstreits auf diesem Stuhl auftauchte, sondern bereits in die Vorbereitungen der Ausstellung eingebunden war, tut dem keinen Abbruch.

Dass das Künstlerpaar bereits in den 80er-Jahren gemeinsam eine ähnliche Performance namens "Nightsea Crossing" entwickelte, bei der sie sich schweigend an einem Tisch gegenüber saßen, fand ebenfalls selten Erwähnung. Ulays erste Ausstellung in Amsterdam Anfang der 70er-Jahre hieß übrigens - genau - "The Artist Is Present." 


Marina Abramović und Ulay sind ein seltenes Beispiel für eine Mann-Frau-Kollaboration, aus der die Frau als die Bekanntere hervorgegangen ist und den Mann zum kunsthistorischen Statisten gemacht hat. Abramović hat erst nach der Trennung die glamourösen Bühnen der Kunst-, Mode- und Popwelt betreten - und sie beherrscht den großen Auftritt bis heute.

Interessanterweise hat sich ihr künstlerisches Verhältnis zur Anwesenheit geändert. Ihre lizensierten Körperperformances werden meist von anderen Personen ausgeführt - was bei der großen Zahl von Ausstellungen natürlich eine Notwendigkeit ist. Auch bei der institutionellen und ökonomischen Verwertung von Performancekunst hat Marina Abramović Standards gesetzt. Ihr Abramović Institute, an dem man Kurse besuchen kann, ist so etwas wie eine Kaderschmiede für junge Künstlerinnen - in der Aufmachung eine Mischung aus Achtsamkeitsseminar, empowerment und Audienz am Hof der Performance-Königin. 

Zuletzt hat sich die Künstlerin in die virtuelle Welt gestürzt und mehrere VR-Arbeiten geschaffen, in denen die Betrachter einer digitalen Marina Abramović begnen. The Avatar Is Present, sozusagen. Aber auch, wenn man über die virtuelle Interaktion staunen kann, rührt sie die Beteiligten wohl eher nicht zu Tränen. Wo heute das Digitale in der Kunst immer wichtiger wird, erscheint "The Artist Is Present" als maximal menschlicher Moment mit einfachsten analogen Mitteln. Ein "Jetzt und Hier", das drei Monate dauerte. Wie Ulays Tod gezeigt hat, leben die Bilder und Erinnerungen nun in den sozialen Medien weiter. Und das ist sogar in Zeiten des Coronavirus unbedenklich.