Interview mit Regisseur Petzold

"Die Figuren im Kino sind immer Gespenster"

Paula Beer in Christian Petzolds Film "Undine"
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Paula Beer in Christian Petzolds Film "Undine"

Christian Petzolds neuer Film "Undine" läuft im Wettbewerb der Berlinale. Im Interview spricht der Regisseur über die Ermächtigung einer Nixe und die Mythen einer Stadt - und kritisiert das Berliner Humboldt Forum 

Er ist einer der verlässlichsten Regisseure des deutschen Kinos, gerade was künstlerische Qualität angeht: Christian Petzolds Filme sprechen eine schnörkellos-knappe Sprache, haben aber dennoch großen Zauber und Tiefgang. Mit "Undine" geht Petzold, schon zum fünften Mal im Berlinale-Wettbewerb dabei, auf Tauchgang in die europäische Sagenwelt. Wobei seine Hauptfigur (neben Paula Beer ist auch Franz Rogowski aus "Transit" wieder dabei) zwischen Nixen- und Realexistenz hin und her gerissen ist.

Zu Undine gehört immer ein Hans, der sich zum Elementarwesen hingezogen fühlt, dann aber bei der Wasserfrau bleiben muss. In Petzolds Film heißt er Johannes (Jacob Matschenz) und macht mal eben Schluss mit ihr. Wenn er es sich nicht anders überlegt, muss Undine ihn ertränken, so will es der Fluch. Aber als sie den Industrietaucher Christoph (Rogowski) kennenlernt, will Undine ihr Märchenschicksal abschütteln. Was nicht so mir nichts dir nichts gelingt, logisch. Fast hätte die "Undine"-Weltpremiere im Berlinale-Palast ohne den Regisseur stattfinden müssen. Und auch das Vorab-Interview wäre beinahe geplatzt. Aber nachdem er am Vortag einen Nierenstein loswurde (Petzold: "Man muss irre viel trinken, und zwar Alkohol – warmes Bier"), konnte das Gespräch in Kreuzberg stattfinden – mit einem sehr erleichterten Christian Petzold.

Christian Petzold, in Ihrem neuen Film "Undine" lebt die Frau aus dem Märchen im heutigen Berlin. Undine ist eine Historikerin, die im Märkischen Museum jobbt. Zugleich ist sie das mythische Wasserwesen, das einen Fluch zu erfüllen hat: den Mann zu töten, der ihre Liebe verrät. Wie sind Sie auf Undine gekommen?

Mich hat an der Geschichte immer gestört, dass sie aus männlicher Perspektive erzählt wurde, auch in den wenigen Verfilmungen – "Undine" von Eckhart Schmidt oder "Ondine – Das Mädchen aus dem Meer" mit Colin Farrell. Als ich vor 20 Jahren "Toter Mann" mit Nina Hoss und André Hennicke drehte, haben wir beim Proben "Cleo – Mittwoch zwischen 5 und 7" angesehen, den Agnès Varda 1961 gemacht hat. Es gibt da diese Szene im Park: Cleo, die eine Krebsdiagnose fürchtet und ein Fremder, der am nächsten Tag als Soldat nach Algerien muss, reden über die Liebe. Zwei Menschen stehen am Abgrund, und für den Moment des Gesprächs überbrücken sie den Abgrund. Varda erzählt in Echtzeit – zwischen 17 und 19 Uhr – wie eine begehrte Sängerin vom Objekt zum Subjekt wird. Sie entzieht sich den Männerblicken, beginnt selber zu schauen. Am Ende hat sie auch die Angst vor dem Krebs überwunden. Das hat mir wahnsinnig gut gefallen, und das ist in Ingeborg Bachmanns kurzer Erzählung "Undine geht" ähnlich. Bei Bachmann wird Undine von den Männern gerufen, aber sie ist es, die erzählt – und die Männer als "Schweine" verflucht. Dieser Text gab den Ausschlag. Aus Undines Perspektive konnte ich die Geschichte erzählen.

Im Märkischen Museum erläutert Undine Modelle von Berlin. Wie hängt das Märchen mit Stadtgeschichte zusammen?

Die Frage, wie wir mit Geschichten und Sagen umgehen und die Frage, was Stadtplaner mit der Stadt anstellen, sind gar nicht weit auseinander. Wollen wir retro leben, uns also zum Beispiel ein Stadtschloss bauen, obwohl keiner so recht weiß, wozu diese Humboldt Forum-Hülle dann gut sein soll? Wollen wir andererseits "Manufactum-Filme" drehen, um uns einer scheinbar guten alten Zeit zu vergewissern? Als Undine verkörpert Paula Beer für mich eine moderne Haltung, indem sie sagt: Ich steig’ jetzt aus. Und sie tötet den Mann nicht, der am Anfang mit ihr Schluss macht. Dementsprechend wäre meine Utopie für Berlin: Keine Schlossfassaden mehr, keine Townhäuser oder Architekturkatastrophen wie den verfluchten Potsdamer Platz.

Schon in Ihrem Berlin-Film "Gespenster" von 2005 war es so, dass Sie elegant an der Siegessäule oder dem Brandenburger Tor vorbeifilmten. In "Undine" sieht man zwar das Humboldt Forum oder den Strausberger Platz, aber eben nur als Modell aus dem Märkischen Museum.

Wieso sollte ich das Brandenburger Tor oder die Oberbaumbrücke herausstellen und damit sagen: Guck mal, Berlin!? Wer hier lebt, was ich ja seit 1981 tue, verschickt keine Ansichtspostkarten. Wir gleiten durch die Stadt, wir mixen sie, wir haben Rhythmen, Wege und Strukturen. Deshalb war ich so froh, dass wir für eine Szene diesen Weg für das Liebespaar – Paula Beer und Franz Rogowski – zwischen Kanzleramt und Hauptbahnhof gefunden haben, an der Spree entlang. Man sieht Berlin, ohne dass es penetrant ins Bild gesetzt wäre. Es ist eine Passage. Städte sind so. Am französischen Kino kann man lernen, wie man Städte filmt. Zum Beispiel bei François Ozon – dem ich damals bei den deutschen Dialogen für "Frantz" ein bisschen geholfen habe und dabei auch Paula Beer kennengelernt habe. Ich habe jetzt wieder Ozons "Rückkehr ans Meer" von 2009 angesehen und war einfach fasziniert davon, wie er Paris oder die Atlantikküste filmt. Da gibt es nichts Ausgestelltes, das sind Lebensräume. Man muss das Organische des Sprechens, Gehens, Lebens in der Stadt zeigen.

Die Geschichte geht ja zwischen Berlin und einer ländlichen Gegend in Nordrhein-Westfalen hin und her. Warum der Ortswechsel?

Berlin hat kaum Mythen, außer den "Goldenen Zwanzigern" natürlich. Berlin ist eher ein Importeur der Sagen, die Leute, die im Schwarzwald, in Freiburg oder wie ich im Sauerland aufgewachsen sind, kommen nach Berlin und bringen ihre Geschichten mit. Also habe ich den Industrietaucher Christoph, den Franz Rogowski spielt, an eine Talsperre im Sauerland geschickt. Diese Stauseen sind ja alle mythenbehaftet. Unter dem Wasserspiegel liegen oft Dörfer, und nachts hört man angeblich die Glocken läuten oder Orgelmusik.

 In "Undine" gibt es eine Szene, in der im Café im Märkischen Museum ein Aquarium explodiert. Wie wurde das gedreht?

Ich bin kein Fan von Computertricks, weil die oft sehr schnell altern. Modelle mag ich aber, nicht nur die Modelle von Berlin, wie wir sie im Film haben, sondern auch die animierten Modelle von Ray Harryhausen aus der alten Trickkiste – die haben viel mehr Zauber als CGI-Effekte. Also musste das 1200-Liter-Aquarium real in die Luft fliegen, was sehr aufwändig zu drehen war. Aber es ist eben auch ein wichtiger Moment am Anfang des Films, wenn Undine feststellt: Ihr Ex – Jacob Matschenz – ist weggegangen, obwohl sie ihn vor dem Fluch, ihn töten zu müssen, gewarnt hat. Es ist auch der Moment, in dem Undine spontan beschließt, dass sie den Fluch nicht mehr erfüllen will. Da platzt Franz Rogowski herein, der ihr nicht auf die Brüste guckt oder so, der ihren Vortrag toll fand. Er mag sie als Person, das ist neu für sie. Die Explosion des Aquariums ist eine Warnung der Unterwasserwelt: Undine soll ihre Pflicht erfüllen. Aber sie rettet den Mann, der sozusagen aus dem Weg gesprengt werden soll, sie werden ein Paar. Ich habe mit Paula Beer und Franz Rogowski ja schon in "Transit" zusammengearbeitet und finde es toll, dass es bei den beiden so "funkt".

Es ist aber auch eine traurige Liebesgeschichte.

Ja, sehr melancholisch. Aber dadurch, dass Undine Christoph am Ende noch einmal rettet, macht sie auch die unglaubliche Erfahrung der Freiheit. Sie hat dem Mythos sozusagen einen wunderbaren Moment abgetrotzt, den ihr keiner nehmen kann. Ich finde es auch extrem wichtig, dass der letzte Blick des Films ihr gehört.

Ich hoffe, wir verraten nicht zu viel. Eine wichtige Figur in "Undine" ist ein riesiger Wels, der im See lebt. Warscheinlich konnten Sie da keinen echten Fisch filmen oder à la Spielberg ein hydraulisches Modell in Bewegung setzen.

Nein, das ist tatsächlich ein im Computer erzeugter Fisch. Aber wir hatten einen tollen CGI-Spezialisten, der eine lebendige Illusion schaffen konnte: wie elegant der Wels durchs Wasser gleitet, seine traurigen Augen. Der Wels wird als riesiges Muskelpaket gezeigt, aber ein Monster ist er nur in der Möglichkeitsform. Wenn Undine im Film mit dem Wels so einen Unterwassertanz vollführt, dann sieht man zwei verfluchte Wesen. Mir gefallen traurige Monster. Spielbergs Weißer Hai oder King Kong, das sind ja furchtbar einsame Figuren, die haben keine Freunde, die werden gejagt. Kinder lieben diese Monster.

Es gibt viele Tauchszenen in Ihrem Film. Waren Sie auch unter Wasser?

Nein, einer musste ja unbedingt oben bleiben und das Ganze organisieren. Wir hatten viele, viele Drehtage in Babelsberg in einem riesigen Studiobecken. Ich saß oben – einsam wie der Wels eigentlich, nur über Wasser!

"Undine" erinnert nicht wenig an Ihren Film "Yella" (2007), der auch viel am Wasser spielt, an der Grenze zwischen Leben und Tod. Und auch Nina Hoss als Yella stemmt sich gegen ihr Schicksal, sucht zumindest eine Alternative.

Vielleicht sind sich die Filme wirklich ähnlich. Allerdings träumt Yella, was auf Undine nicht zutrifft. Paula Beers Figur ist realer. Aber der eigentliche Punkt ist, dass ich von diesen Gespenstergeschichten nicht loskomme. Und Undine ist wohl auch ein Gespenst. Das fing bei mir damit an, als ich von der Jugendbuchabteilung der Stadtbücherei in die Erwachsenenliteratur wechselte. Statt Enid Blyton und "Die drei Fragezeichen" fing ich an, britische gothic stories zu lesen. Noch heute ist für mich das Kino der Ort, an dem ich mich hinsetze und das Licht geht aus, dann bin ich weg und gleichzeig da. Das ist nicht viel anders als in der Stadtbücherei zu sitzen und Gespenstergeschichten zu lesen. Es ist immer noch so, dass die Figuren, die ich im Kino sehe, für mich Gespenster sind. Und wir Zuschauer werden auch zu Gespenstern.