Schöttle im Interview über 50 Jahre als Galerist

"Es ist wesentlich anstrengender geworden"

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Seit unfassbaren 50 Jahren prägt Rüdiger Schöttle als Galerist den deutschen Kunstmarkt mit. Im Monopol-Interview spricht er über die Entwicklungen in seiner Branche

Herr Schöttle, Sie haben 1968 eine Galerie gegründet. Hatten Sie keine Lust auf Revolte, auf Protest gehabt?
Das lief immer so mit. Das war Hintergrund. Man ging auch nach Berlin aus anderen Gründen als heute.

Hatte die Stimmung im Land Einfluss auf die Galeriegründung?
Natürlich. Viel war improvisiert. Man las Adorno und Horkheimer, das färbte auf die Themen ab, mit denen man sich beschäftigte.

Die Proteste richteten sich auch gegen Kommerz und Konsum.
Die Galerien waren damals nicht so kommerziell ausgelegt wie heute, da aber auch die Verfügbarkeit der Ressourcen eingeschränkter waren.  

Was waren die ersten wichtigen Schritte, die Sie unternommen haben?
Ich habe Arnulf Rainer und Hermann Nitsch ausgestellt. Der Kontakt war aus dem relativ kleinen Bekanntenkreis rausgekommen. Da hat man natürlich etwas verkauft, aber es war nie so prägend.

Wann hatten Sie das Gefühl, es geht langsam aufwärts? Hatten Sie zuerst eine Durststrecke?
Nein, wir hatten gar keine so großen Erwartungen. Man ging zwar auf Messen, aber das war nie so wichtig.

Welche waren die prägenden Künstlerbegegnungen?
Danach haben wir die amerikanische Konzeptkunst gezeigt: Lawrence Weiner, On Kawara, Douglas Huebler. Und dann kamen die Foto-Künstler: Jeff Wall und James Coleman. In den 80ern Thomas Ruff, Thomas Struth Candida Höfer und viele andere.

Wie kam es zu dem Schwerpunkt Fotografie?
Das war immer ein Thema bei uns, weil die Fotografie innerhalb der Concept Art ein wichtiges Medium war.

Sie wurde ja eher spät als Kunstform anerkannt.
Das war natürlich immer ein wenig mühsam. Erst durch die großen Formate hat sie einen gewissen Durchbruch bekommen. Bei der Westkunst zeigten wir 1981 Jeff Wall und seine Leuchtkästen zusammen mit Thomas Schütte.

Nach der Wende haben Sie auch Künstler aus Osteuropa ins Programm genommen.
Wir haben die Region bereist und haben dann einige polnische Künstler ausgestellt, darunter die in London lebende Goshka Macuga, mit ihr arbeiten wir seit zehn Jahren.

Was hat Sie dort hingetrieben?
Es war für uns ein Neuland. Es war Neugierde.

Welches ist für Sie das Land mit dem meisten Potenzial?
In Polen und Rumänien gibt es einiges. Aus Rumänien zeigen wir zum Beispiel Alex Mirutziu. Und seit einigen Jahren interessiert uns, was in China passiert. Den Künstler Chen Wei zum Beispiel haben wir kürzlich in einer dritten Einzelausstellung gezeigt.

Sie nehmen im Jahr an drei Messen teil?
Leider mehr. Bis zu fünf.

Auch die Art Basel/Hong Kong?
Die haben wir schon viermal gemacht. Wir lieben Hongkong. Auch die Artissima, die FIAC, die ARCO oder die Art Berlin haben wir mal gemacht.

Was hat sich über die Jahre geändert in dem Geschäft?
Es ist wesentlich anstrengender geworden durch die ganze Ökonomisierung.

Bedauern Sie das?
Hilft ja nichts. Ob man es bedauert oder nicht. Es ist ein Fakt.

Sie bleiben trotzdem dabei?
Man kann ja unters Bett kriechen, aber das hilft auch nichts. Wir versuchen, uns über Wasser zu halten.

Wie sieht die Zukunft der Galerien aus?
Viele suchen das ganz große Glück, das sich an Geld bemisst. Aber da muss man sehr viel aufgeben. Es ist ganz gut, wenn man hinter die Kulissen schaut, wie man dann leben muss. Wenn man wachsen will, sitzt man nur noch im Flugzeug. Wir bleiben lieber eine mittelständische Galerie mit vier bis sechs Mitarbeitern.

Sie sind schon sehr lange in München. Wie schätzen Sie den Standort ein?
Wir sind sehr zufrieden. Wir waren von 1991 bis 1994 auch in Paris. Heute weiß ich, dass London besser gewesen wäre. Dann hatten wir mit Jörg Johnen die Verbindung mit Köln.

Sie haben sich dann getrennt.
Die Trennung ging nicht von mir aus. Ich bin eigentlich eine treue Seele. Aber Jörg Johnen wollte seine eigene Privatheit wieder zurückhaben.

Was macht einen guten Galeristen aus? Wie halten Sie die langen Arbeitsbeziehungen?
Oft ist man befreundet, wie mit Thomas Ruff oder Goshka Macuga. Wenn man gefragt wird, gibt man auch gerne einen Ratschlag. Ich dränge mich aber nicht auf. Die Künstler geben einem sehr viel.

Sie gelten als jemand, der Künstler entdeckt. Wer hat zuletzt Ihre Neugier geweckt?
Da wäre der chinesische Maler Ma Ke. Ihn  habe ich vor drei  Jahren auf der Messe in Hongkong gesehen, auch bei Kollegen in Peking, und fand seine Sichtweise, die sich von der westlichen unterscheidet, immer hoch interessant. Die jungen Positionen von Toulu Hassani und Raphael Weilguni/Viola Relle sind sehr spannend. Aktuell zeigen wir die Berliner Künstlerin Sophie Reinhold, die uns bei einer Ausstellung in München aufgefallen war. Ab und zu schreibe ich auch.

Und wo erscheinen Ihre Texte?
Mein Verleger heißt Walther König. Ich schätze ihn sehr. Das beruht auf Gegenseitigkeit. Das neue Buch erscheint dann im Herbst.

Können Sie den Titel verraten?
Es heißt "Variationen über das Theater der Grausamkeit".

Ein Begriff, der ja auf Antonin Artaud zurückgeht. Darf man es auch trotzdem als Zeitkommentar interpretieren?
Das können Sie gerne als Schlusswort nehmen.

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