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Jeff Koons in Oxford

Es zieht im Kopf

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Jeff Koons behauptet, er halte nichts von Perfektionismus. Eine Ausstellung in Oxford zeigt jetzt das Gegenteil

Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau. Der US-Konzeptkünstler Jeff Koons, seines Zeichens teuerster lebender Künstler der Welt, nennt etwa seine Mutter als Einfluss. In ihr und ihrem Staubsauger, mit dem sie in seinen Augen verschmolz, habe er zum ersten Mal den Lebensatem erblickt, den er zu einem seiner Hauptmotive machte. Seitdem zieht es in Koons' Kopf und in seinem gesamten Werk. 17 seiner Variationen des Spiels mit heißer Luft sind bis Juni im Ashmolean Museum Oxford zu sehen, zum Beispiel in Form stählerner Ballonfiguren mit kleinen Fake-Ventilen zum Aufblasen oder als blaue "Gazing Balls" aus spiegelndem, mundgeblasenen Glas.

Das sind auch schon die wichtigsten Bausteine von Koons' Kunst. Die Ausstellung stellt mit nur drei Räumen eine Retrospektive seiner gesamten Karriere dar. Er wolle nicht, dass Historie und künstlerische Technik gegen den Betrachter verwendet werden, sagt er, und kreuzt dafür auf seiner Robin-Hood-Mission die Hoch- mit Ramschkultur, auch gegen ihren Willen. Koons' Werke werden vom Aufwind dieser Leichtfertigkeit getragen, mit der er Motive auswählt, seien es nun kitschige Ornamente aus dem Haus seiner Großeltern oder beliebte amerikanische Garten-Accessoires wie die blauen "Gazing Balls". Der "One Ball Total Equilibrium Tank" ist noch ein Beispiel dafür. Ein Basketball hängt da schwerelos in seinem eigenen Aquarium, destilliertes Wasser und eine Salzlösung halten ihn wie durch Superkraft in der Schwebe. Eines Tages wird die scheinbar taschenspielernde Magie nachlassen, wenn sich die Flüssigkeiten vollständig gemischt haben.

In Wahrheit mussten Physiker die Methode dazu austüfteln. 37 Stunden dauerte die Installation in situ, für die das Exponat Tropfen für Tropfen mit der Lösung befüllt wurde. Überhaupt hat das Museum schwer geschuftet, um die Ausstellung einzurichten, deren Stücke teilweise über eine Tonne wiegen. Viele hatten zuvor nie amerikanischen Boden verlassen. Studierende der University of Oxford brachten das Projekt ins Rollen, indem sie Jeff Koons einen Ehren-Preis verliehen, den er sich glatt persönlich abholte. Beim wine and dine wurde der Plan zur Retrospektive gefasst, um alles weitere kümmerten sich dann das Museum und Kurator Norman Rosenthal. Koons gab akribische Zeichnungen und Anweisungen an die Hand, wie einzelne Stücke genau zu präsentieren seien.

Das ist typisch für Jeff Koons. Er sagt zwar, Perfektionismus sei ihm zu sehr "Fetisch", "da jagt der Hund nur seinen eigenen Schwanz" - aber was sonst jagt Koons hinterher, wenn er in seinem New Yorker Studio regelmäßig circa 360 Glaskugeln blasen lässt, auf die nur eine einzelne kommt, die ihm mal rund genug ist? Bei der riesigen "Balloon Venus" in schrillem spiegelndem Magenta zahlt sich diese irre Mühe aus: Inspiriert von einer winzigen Kalkstein-Skulptur aus der Steinzeit, wurde diese wuchtige Venus zuerst aus einem einzelnen Ballon geknotet, der dann dem Stahlobjekt wiederum Modell stand. An den zum Bersten gespannten Wülsten dieses falschen Ballons ist das Trompe-l’œil so perfekt, dass man das Plastik fast quietschen hören kann.

Dabei ist nicht immer klar, was seine aufwändige Appropriation Art erreichen soll. Die nachgemalten Öl-Gemälde aus dem 16., 17. oder 19. Jahrhundert, vor denen Koons seine Gazing Balls anbringt, die Bild und Betrachter reflektieren, wurden ihrerzeit mit enthusiastischem, unbändigem Pinselstrich geschaffen. Koons ließ sie pedantisch Millimeter für Millimeter replizieren, bis hin zu den Rissen in der Lasur - aber die Textur bleibt dabei natürlich auf der Strecke. Seine Objets trouvés entstammen ähnlich wie die Andy Warhols dem Wahnsinn der Konsumwelt, aber werden bei Koons massengeschustert, von seinen über 100 Assistenten oder eigens beauftragten Spezialisten auf der anderen Seite des Erdballs.

Geht das als Ironie durch? Die überlebensgroßen, zarten "Ballerinas", die für ihn ebenfalls Venusgöttinnen seien und einander im zweiten Raum voller Vagina-Graffiti gegenseitig die Balletschuhe binden, bedienen mehr niedere Triebe, als das entfremdete Playboy-Logo "Rabbit" subversiv thematisieren könnte.

Das Ashmolean Museum präsentiert eine Ausstellung, in der an keiner Stelle verschleiert werden soll, dass diese hochpolierten Stahloberflächen vordergründig raffinierte Spiegel sind. Jeff Koons geht offen damit um, dass er fremde Kunst entwendet und bei sich integriert - und lässt sich zu mal mehr, mal weniger Eigenleistung hinreißen. Er sehe sich wie in einer DNA-Doppelhelix mit allen anderen Künstlern verbunden und wünscht sich merklich in die Renaissance zurück, als das Kopieren noch zum guten Ton gehörte. Seine riesige Ballerina vor dem New Yorker Rockefeller Centre wurde 2017 dafür gescholten, dass es sich dabei offensichtlich um ein Design der ukrainischen Bildhauerin Oksana Zhnykrup handelte, was nie kenntlich gemacht wurde. Im Ashmolean Museum in Oxford hat es Zhnykrups Name nun immerhin mit auf die Plakette geschafft.

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