Museumschef Volz über Brasilien

"Es herrscht große Sorge"

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Seit Anfang Januar ist der Rechtsnationale Jair Bolsonaro Präsident von Brasilien. Was bedeutet seine Wahl für die Kunst und das Miteinander? Jochen Volz, der deutsche Direktor der Pinacoteca do Estado de São Paulo, spricht im Monopol-Interview über die Stimmung im Land

Jair Messias Bolsonaro ist seit Jahreswechsel Präsident Brasiliens. Welche Veränderungen für die Künste und die Kulturpolitik zeichnen sich ab?
Das ist momentan noch unklar. Bolsonaro hat sich während seines Wahlkampfes nicht zu kulturpolitischen Fragen geäußert, Kultur kam in seinem Wahlprogramm nicht vor. Der größte Einschnitt bislang ist, dass das Kulturministerium abgeschafft und in ein sogenanntes Ministerium für Bürgerschaft eingegliedert wurde. Da muss man jetzt schauen, ob die bisherigen Strukturen und Zuständigkeiten weiter existieren.

Wie sind in Brasilien die kulturpolitischen Kompetenzen zwischen nationaler und regionaler Ebene geregelt, wer ist für die Museen zuständig?
Unser Museum, die Pinacoteca do Estado de São Paulo, ist ein Landesmuseum, wir sind dem Land São Paulo unterstellt. Brasilienweit werden etwa 30 Museen auf Bundesebene verwaltet, der überwiegende Teil aber liegt in der Zuständigkeit der Kommunen oder Länder. Was anders ist als in Deutschland: Eines der wichtigsten Kulturförderinstrumente sind die sogenannten Leis de incentivo, das heißt Förderung durch Sponsoren, die steuerlich absetzbar ist. Für alle Institutionen ist diese Form der Unterstützung extrem wichtig; im Fall unseres Museums macht sie etwa 40 Prozent des Jahresbudgets aus. Bei den Sponsoren kann es sich um Firmen, aber auch um Privatpersonen handeln. Der Knackpunkt ist, dass die Entscheidung über die Anerkennung der steuerlichen Absetzbarkeit auf der Bundesebene liegt.

Steht diese Regelung zur Disposition?
Das Sponsoren-Gesetz ist im Wahlkampf immer wieder kritisiert worden, auch von Bolsonaro und seinen Unterstützern. Hauptkritikpunkt war immer, dass große Firmen dadurch Steuerzahlungen umgehen können. Und dass viele dieser Mittel allein den großen Zentren zugutekommen. Eine Firma, die in São Paulo ein Museum unterstützt, hat natürlich viel mehr Sichtbarkeit, als wenn sie eine Institution in einem kleinen Ort im Landesinneren sponsert. Dieser Aspekt der Kritik ist durchaus nachvollziehbar, man sollte Mechanismen einführen, um die Gelder gerechter zu verteilen. Aber eine komplette Abschaffung der Regelung würde das Aus für viele Kulturinstitutionen bedeuten.

Sie waren von 2005 bis 2012 künstlerischer Direktor am Zentrum für Gegenwartskunst Inhotim des Privatsammlers Bernardo Paz, der kürzlich wegen Geldwäsche verurteilt wurde. Spielt dieser Fall den Rechtspopulisten in die Hände?
Bernardo Paz wurde in erster Instanz verurteilt, momentan läuft das Berufungsverfahren – ein endgültiges Urteil steht also aus. Man muss sich klar machen, dass Bolsonaro Frucht eines seit Jahren anwachsenden Rechtspopulismus ist, der eng verbunden ist mit den evangelikalen Kirchen, die in Brasilien viel Zuspruch erhalten. Sie werben damit, dass sie konservative Tugenden und klassische Familienwerte hochhalten. Da ist die zeitgenössische Kunst, die über Freiheiten nachdenkt und die Frage, wie man leben und sich ausdrücken möchte, natürlich ein Dorn im Auge. Dementsprechend ist die Kunst seit geraumer Zeit Ziel von rechtpopulistischen Attacken gewesen. Man kann schon vermuten, dass auch die Anklage gegen Bernardo Paz eine Folge davon ist.     

Wie nehmen Sie die Stimmung unter den Künstlern vor Ort wahr?
Die Stimmung ist angespannt, wobei es gar nicht unbedingt um die Zukunft der Kunst geht, sondern eher um Themen, die unser aller Zusammenleben betreffen. Wie geht es weiter mit dem sozialen Miteinander? Als einer der ersten Maßnahmen hat Bolsonaro das Waffenrecht gelockert. Auch die Umstrukturierung der Ministerien ist sehr umstritten – die Zusammenlegung des Umwelt- und des Landwirtschaftsministeriums hat potentiell große Auswirkungen auf die Umweltpolitik. Wie geht es weiter mit dem Klimaschutz? Wie wird der Regenwald künftig geschützt? Wie geht es weiter mit den über 300 indigenen Kulturen? Viele Künstler setzen sich seit Jahren mit den indigenen Völkern Brasiliens auseinander, auf der Suche nach neuen Modellen des Zusammenlebens und der Verantwortung gegenüber der Natur. Wie geht es mit der Bildung weiter? Wie werden sich die religiös-fanatischen Ansichten einiger Regierungsmitglieder auf die Lehrpläne der Schulen und Universitäten auswirken? Es herrscht große Sorge.

Bei allem, was Bolsonaro bekämpfen will: Gibt es auch etwas, wofür er ist? Gibt es ein ideelles, ein kulturelles Leitbild?
Eigentlich nicht. Man muss schon sagen, es ist erstaunlich, dass fast alle Ministeriumsposten vergeben wurden an Leute, die überhaupt keine Fachqualifikation aufweisen. Der Essayist Olavo de Carvalho gilt als eine Art ideologischer Einflüsterer Bolsonaros, er verbreitet die Verschwörungstheorie einer drohenden kommunistischen Weltrevolution. Aber ein kulturelles Leitbild kann ich nicht erkennen. Auch politisch wirkt Bolsonaro sehr sprunghaft. Er prescht ständig vor mit irgendeinem Vorschlag, der wird dann widerrufen von irgendeinem Minister, dann aber wird der Minister wieder disautorisiert, und am Ende kommt ganz was anderes dabei raus. Das sieht nach totaler Inkompetenz aus, vielleicht ist es aber auch Strategie, ähnlich wie bei Donald Trump: In alle Richtungen schießen, den Rahmen des Sagbaren erweitern, Rauch um Nichts herstellen, während man andere Dinge unbemerkt durchdrückt.

Auf der diesjährigen Venedig-Biennale werden Bárbara Wagner & Benjamin de Burca Brasilien vertreten. Was erwarten Sie von Ihnen?
Ich habe mit beiden auf der São-Paulo-Biennale 2016 zusammengearbeitet, ich halte sie für ein großartiges Künstlerduo. Sie haben in der Vergangenheit hochinteressante Arbeiten zur brasilianischen Musikkultur und zu neuer Religiosität gemacht. Ich bin mir sicher, dass ihr Venedig-Beitrag den aktuellen gesellschaftlichen Zustand des Landes zeigt.

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