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John Bocks Film "Hell's Bells" in Berlin

Spiel mir das Lied, John Bock

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Der Künstler John Bock hat einen Western mit Lars Eidinger und Bibiana Beglau gedreht, der parallel zu seiner großen Ausstellung in der Berlinischen Galerie gezeigt wird

Ach, John Wayne. Und ach, Westernromantik, glühende Gewehre, Lagerfeuer und Kavallerie, mit der in letzter Sekunde Rettung naht. Bis auf wenige Ausnahmen gilt: der Kino-Western war einmal.

John Bock hat aber einen Western gedreht. Nicht für das Kino, sondern für den Kunstbetrieb. Produziert von der Londoner Galerie Sadie Coles HQ und Anfang März dort auch uraufgeführt, läuft "Hell's Bells" jetzt im Rahmen der Soloschau "Im Moloch der Wesenspräsenz" in der Berlinischen Galerie. Das Museum reserviert dafür bis 21. August den IBB-Videoraum, wo der Künstlerfilm als Dauerschleife gezeigt wird.

Aus einem Westerndorf in der Uckermark wurde das düstere Clearwater, in dem eine wortkarge Fremde (Bibiana Beglau) gegen einen Schurken, der die Stadt beherrscht (Lars Eidinger) antritt. Das Motiv der Rächerin? Unbekannt. Die Schurkereien des Schurken? Egal. Trotz der Westernzitate – das Duell, die schmerzhafte Kugelentfernung (Doc: "Reiß dich zusammen, ich hab' ein Diplom"), Bohnenessen aus dem Blechnapf – setzt Bock nicht auf Handlung, sondern auf Stimmung.

Lars Eidinger als Prärie-Marquis de Sade ist erstklassig, wenn er sich als Solo-Performer vor der Kamera produzieren darf. Und Bock-Zeilen spricht wie diese: "Ich spreche dunkles Schwarz in meinen verrotteten Tinnitus. See the end – that I am". Ebenso egoman: Eidingers Nackttanz als Dragqueen mit vors Gesicht gebundenem Ziegenschädel. Aus dem mit Hip-Hop-Grills vergoldeten Mund quillt weißer Brei. "Das ist aber eklig", bemerkt eine seiner Saloon-Damen anlässlich einer anderen Sauerei. In die Bohnen spucken, Pickel ausdrücken, Blutbäder anrichten: "Hell's Bells" ist auch ein Splattermovie.

Bibiana Beglau, auf ihre Art brillant als Rächerin mit Häubchen, verkörpert die eindeutigere Westernfigur. Allerdings bürstet Bock die Konvention gegen den Strich, anders als die einsamen Reiter in Leone- oder Corbucci-Filmen muss die "Fremde" beträchliche Blessuren einstecken. Zudem stellt Bock ihr eine unheimliche Mädchenfigur zur Seite, deren Skrupellosigkeit die der Heldin weit übertrifft.

Dass Bock die Storyline vernachlässigt, stört weniger als sein Desinteresse an filmischer Dramaturgie und Übergängen. Im Ergebnis wirkt der Film aus statischen Tableaus gefügt. Die Saloons und Hinterzimmer sind angefüllt mit Bock-Installationen. "Hell's Bells" ist interessant, mit Liebe zum befremdlichen Detail gemacht. Es handelt sich letztlich um eine virtuelle Skulptur – das Publikum kann verweilen, solange es will. Solange man das Werk nicht mit "Kino" verwechselt, gibt es an "Hell's Bells" nichts zu beanstanden.

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