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Kontroverse um Verkaufspläne

Kerry James Marshalls öffentliches Wandbild bleibt zum Glück in Chicago

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Kerry James Marshall hat in den 90ern für eine Bibliothek seiner Wahlheimat Chicago ein großes Wandgemälde geschaffen. Jetzt, da der Maler der teuerste afroamerikanische Künstler ist, wollte die Stadt das Bild auf eine Auktion geben, um mit dem Erlös die Einrichtung zu erweitern. Nach einer Kontroverse ist der Verkauf gestoppt. Ein Glück, findet Elke Buhr

Die Ärzte haben es ja schon immer gesagt: Körperliche Bewegung bringt auch das Hirn in Schwung. Beim Schwimmen kam Rahm Emanuel, Bürgermeister von Chicago, die Erkenntnis, dass er die Versteigerung eines Gemäldes von Kerry James Marshall absagen würde. "Ich dachte: Das ist nicht das, was ich will, angesichts des Engagements der Stadt für Kunst im öffentlichen Raum. Kerry ist ein Freund und ein großer Botschafter Chicagos", wird der Politiker in einer Meldung in "The Art Newspaper" zitiert. Er habe sich dann bei ihm gemeldet und gesagt: Wenn du den Verkauf nicht willst, dann lassen wir's.

Objekt der Kontroverse zwischen der Stadt und dem Chicagoer Künstler war das großformatige Gemälde "Knowledge and Wonder", das Kerry James Marshall 1995 für die Legler Bibliothek in Chicago gemalt hatte. Es wurde damals für 10.000 Doller in Auftrag gegeben. Ein anderes Gemälde aus dem Besitz der Stadt hatte erst im Mai bei Sotheby's den Rekordpreis von gut 21 Millionen Dollar erzielt, was Marshall zum teuersten lebenden afroamerikanischen Künstler machte. Für "Knowledge and Wonder" hoffe man, zwischen 10 und 15 Millionen Dollar zu erzielen, die dann für eine Erweiterung der Bibliothek verwendet worden wären.

Der Künstler selbst war allerdings alles andere als glücklich über diesen weiteren geplanten Verkauf. Erst im Vorjahr hatte die Stadt dem Künstler für ein neues Wandgemälde lediglich den symbolischen Preis von einem Dollar bezahlt – in der richtigen Annahme, dass Marshall sich für seine Heimatstadt nicht wegen des Geldes engagiert. Dass er auf der anderen Seite als Goldesel herhalten muss, hatte ihn verbittert: Die Stadt habe "allen Mehrwert aus den Früchten meiner Arbeit herausgewrungen, den sie bekommen konnte", kommentierte Marshall die neuen Verkaufspläne.

Der Künstler hat völlig Recht, wenn er das Verhalten der Stadt unverschämt findet. Ein für den öffentlichen Raum konzipiertes Kunstwerk ist mehr als eine Aktie, die auf Wertsteigerung wartet. Kerry James Marshall hat sich als einer der ersten afroamerikanischen Künstler, die sich im Kunstbetrieb durchsetzen konnten, dafür eingesetzt, dass sich Schwarze in der zeitgenössischen Kunst endlich repräsentiert finden. "Knowledge and Wonder" zeigt schwarze Kinder, die vor einer wunderbaren Wand stehen, die Wissen und Bücher darstellt. Die Bibliothek, für die es konzipiert wurde, liegt in einer armen, hauptsächlich von Schwarzen bewohnten Gegend der Stadt. Das Gemälde zeigt der afroamerikanischen Community, dass sie in der Bücherei willkommen sind und dass Bildung ihr Schlüssel zur Zukunft ist. Und diese Botschaft ist auch heute noch wichtig.

Es wäre absurd, wenn sein Erfolg auf dem Kunstmarkt nun die Intentionen des Künstlers durchkreuzte. Nicht zuletzt handelt Chicago auch im eigenen Interesse, wenn es Kerry James Marshall den Respekt erweist, den er verdient. Denn auf weitere Schenkungen ihres berühmten Sohnes müsste die Stadt sonst wohl in Zukunft verzichten.

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