Künstlerliste der "Documenta Fifteen"

Die Weltkunstschau als Schnitzeljagd

Die Documenta hat ihre Künstlerliste in einem lokalen Straßenmagazin veröffentlicht, die Namen sind hierzulande größtenteils unbekannt. Schon jetzt lässt sich absehen: Die D15 fordert die klassische Kunstwelt und ihr Verständnis von Relevanz heraus

Die Veränderung von Blickwinkeln und Sehgewohnheiten ist eine Kernaufgabe von Kunst. Und schon jetzt, ein gutes Dreivierteljahr vor ihrem Beginn, kann man der Documenta 15 bescheinigen, dass sie das Spiel mit Wahrnehmung und Erwartungen ziemlich ernst nimmt und auch ziemlich gut beherrscht. Denn dass man auf der Suche nach der Künstlerinnenliste einer Weltkunstschau einmal an einem kühlen, sonnigen Herbstmorgen um das Kasseler Ruru-Haus herumstreichen würde, in der Hoffnung, einem Verkäufer der Straßenzeitung "Asphalt" aus Hannover zu begegnen, hätte man nun nicht unbedingt erwartet. Die Namen für die Ausstellung (lesen Sie die Liste hier) erschienen exklusiv in dem Magazin, dessen Erlös Menschen in Not zugute kommen soll. Keine Pressemitteilung, kein Termin mit Strahlkraft - dafür eine kleine, leise Aktion, die eine PR-Routine zu einer Art Schnitzeljagd macht und ein soziales Projekt zur begehrtesten Publikation der internationalen Kunstwelt. 

Nach den gefälschten Einladungen zur Documenta, die vor einem Jahr kursierten und einige Künstlerinnen und Künstler bereits in kurzlebige Euphorie und dann in tiefe Enttäuschung versetzt hatten, hätte man auch die "Asphalt"-Veröffentlichung für einen Scherz halten können. Andererseits ist diese Zusammenarbeit für die D15 nur folgerichtig, denn Ruangrupas kuratorische Praxis ist einerseits global vernetzt, will aber andererseits den Blick auch auf lokale Phänomene richten und zieht das Interaktive und im wahrsten Sinne Naheliegende dem Bombastischen vor.

Zur Fußball-EM im Sommer fanden unter dem Documenta-Label in Kassel bereits kleine Public-Viewing-Runden statt, die von einem der "Lumbung"-Partner, dem Berliner ZK/U – Zentrum für Kunst und Urbanistik, organisiert wurden und bei denen über gesellschaftspolitische Aspekte des Sports gesprochen wurde. Am Ruru-Haus, dem "Hauptquartier" der D15 in einem ehemaligen Sportgeschäft in der Kasseler Innenstadt, kann man sich gerade aus einem Zettelkasten die Anleitung zu einem "Escape Game" entlang des Flusses Fulda abholen. Man muss ein wenig die Augen aufhalten, aber die D15 ist schon da.

Die Spuren im Lokalen und in den persönlichen Beziehungen

Diese Vorspiel-Aktionen zur Weltkunstschau werden in der klassischen Kunstwelt eher nicht großflächig  wahrgenommen, aber das ist vielleicht auch egal. Ihre Spuren will diese Documenta offenbar erst einmal in Kassel und in den Beziehungen der Beteiligten untereinander hinterlassen.

Und so überrascht es nicht, dass auf der Künstlerliste vor allem Personen und Gruppen stehen, die auch einem künstlerischen "Fachpublikum" größtenteils unbekannt sind. Der US-amerikaner Bildhauer, Aktivist und Documenta-13-Teinehmer Jimmie Durham, die Filmemacherin Marwa Arsanios, die bei der 11. Berlin-Biennale dabei war, und der rumänische Künstler Dan Perjovschi gehören zu den derzeit bekanntesten Persönlichkeiten, die an der D15 teilnehmen sollen. Ansonsten stehen vor allem Kollektive auf der Liste, in denen sich wahrscheinlich  weitere bekannte Künstlerinnen und Künstlern verstecken, die aber keinesfalls im Mittelpunkt stehen sollen.

Neue Entdeckungen will natürlich jede Documenta präsentieren, und für viele Künstlerinnen und Künstler ist erst die Präsenz in Kassel das Sprungbrett zu Kunstruhm (siehe beispielsweise die Vertreterinnen und Vertreter von indigenen Communitys, die 2017 auf der D14 vertreten waren und nun in prestigeträchtigen Institutionen gezeigt werden).

Doch bei den vergangenen Ausgaben der Ausstellung war trotzdem stets ein (zunehmend internationaleres) Netzwerk aus Galerien, Ausstellungshäusern und Sammlern auszumachen, das die Schau mit ihren Inhalten versorgte. Dieses Schaulaufen der klassischen Kunstwelt ist 2022 nicht in diesem Maße zu erwarten. Vielmehr soll es um kollektive Praxis, geteilte Ressourcen und eine produktive Unordnung gehen, die die Welt in Pandemie-Zeiten nötiger habe als Hochglanzkunst von großen Namen.

Kunst und Aktivismus sind nicht zu trennen

Ruangrupa zwingt den überwiegend westlich geprägten Kunstbetrieb, seine eigenen Kategorien von Relevanz zu hinterfragen. Dass die Frage nach "guter" und "schlechter" Kunst die Kuratorinnen und Kuratoren eher weniger interessiert, haben sie im Vorfeld bereits des öfteren klar gemacht. Dass sie damit im Kunstbetrieb nicht allein sind, zeigt unter anderem der renommierte britische Turner-Preis, für den in diesem Jahr ausschließlich Kollektive nominiert sind, die Kunst und Aktivismus in ihrer Arbeit vereinen. 

Das kann man befremdlich finden - oder überfällig. Und ob das Konzept schließlich zu einer interessanten Ausstellung führt, lässt sich sowieso erst im kommenden Sommer sagen. Die Betonung von interaktiven Praktiken führt leicht dazu, dass der künstlerische Prozess vor allem den Beteiligten nützt und sich dem Publikum bei einem Besuch gar nicht wirklich erschließen kann. Es ist eine große Herausforderung, die Ergebnisse von monatelangem Austausch einer eingeschworenen Gruppe in eine ästhetische Form zu bringen und nach außen zu vermitteln.

Wie gut das gelingt, wird einer der wichtigsten Kriterien sein, an der sich die D15 messen lassen muss. Wie viel Spaß die Documenta für die Besucherinnen und Besucher macht, die meist nur ein, zwei Tage in Kassel verbringen, verrät die Liste also noch nicht. Ein wenig Lust auf Entdeckungen und neue Formen von Kunst sollte man wohl mitbringen.