Kunstgeschichte des Eis

Ein Stein, aus dem Leben schlüpft

Perfekte Form und vielschichtige Symbolik: Nicht nur zu Ostern ist die Kunst von Eiern fasziniert. Wir stellen einige Werke vor, die man kennen sollte

Was hat sich denn da versteckt? Gemalt, geformt oder als überdimensionales Spiegelei auf den Gehweg gesetzt: Künstlerinnen und Künstler von Bruegel dem Älteren bis Sarah Lucas scheinen ein Faible fürs Ei zu haben. Das liegt nicht zuletzt an seiner symbolischer Bedeutung und ungewöhnlichen Form, doch es steckt noch viel mehr in diesem kleinen runden Ding. 

Als Stein, aus dem ein Küken schlüpft, ist das Ei rund um die Welt ein Symbol für den Ursprung neuen Lebens und als solches auch ein beliebter Gast bei den Frühlingsfesten verschiedener Kulturen: Sowohl für das persische Neujahrsfest Ende März als auch beim ägyptischen Sham el-Nessim werden Eier bemalt, ein Ei ist Bestandteil des Sedermahls während des jüdischen Pessachfests. Eben jenes nahm Jesus mit seinen Jüngern als letztes Abendmahl vor seiner Verhaftung durch die Römer ein. Und natürlich ist das Ei auch ein fester Bestandteil diverser christlicher Osterbräuche. Doch wieso bleibt das Ei auch in der Kunst ein Dauerbrenner?


Der Ursprung der Welt

Vor allem wegen seiner symbolischen Aufladung ist das Ei ein beliebtes Motiv. Bereits in Bildern des Renaissance-Malers Hieronymus Bosch versteckt es sich: In seinem "Garten der Lüste" klettern kleine Menschlein in das Ei hinein, aus dem sie gerade erst entschlüpft zu sein scheinen. In dem verstörenden "Weltgerichtstriptychon" wird die Eierschale zum Schutzschild für einen Kopffüßler, ein Fabelwesen ohne Rumpf, ein Pfeil bohrt sich quer durch den weißen Kalk. Kurze Zeit später setzte ein weiterer niederländischer Maler das Ei ins Bild: In einem Gemälde von 1559 setzt Pieter Bruegel der Ältere "Die niederländischen Sprichwörter" bildlich um. "Das Hühnerei behalten und das Gänseei gehen lassen", also eine schlechte Entscheidung treffen, lässt sich rechts unten im Bild entdecken.
 

Detail aus Hieronymus Bosch "Weltgerichtstriptychon", 1485 - 1505
Foto: WikiCommons

Detail aus Hieronymus Bosch "Weltgerichtstriptychon", 1485 - 1505



Für den Surrealisten Salvador Dalí, der sich bekanntermaßen sehr für die Traumdeutungstheorien der Psychoanalytiker Sigmund Freud und Carl Gustav Jung interessierte, ist das Ei ein zentrales Motiv. Auf unzähligen seiner Gemälden findet es sich wieder, meist im Zusammenhang mit Geburt und Entstehung. In dem Werk "Métamorphose de Narcisse" von 1937 entspringt dem Ei eine Narzisse, in "Eier auf dem Teller (ohne Teller)" von 1932 wird ein Spiegelei an einem Faden in den Himmel gezogen – und erinnert dabei stark an die schmelzenden Uhren in seinem wohl bekanntesten Werk "Die Beständigkeit der Erinnerung".

Doch es blieb für Dalí nicht bei Gemälden: Das Dach des Dalí-Museums in seiner Heimatstadt Figueres in Katalonien ist mit einer ganzen Reihe überdimensionaler Eier gesäumt. Von seinem Künstlerkollegen, dem Fotografen Philippe Halsman ließ sich der Surrealist sogar selbst als Embryo in einem Ei porträtieren.
 

Philippe Halsman, "Salvador Dalí als Embryo", 1941
WikiCommons

Philippe Halsman, "Salvador Dalí als Embryo", 1941


Die vollendete Form

Neben der symbolischen Bedeutung war und ist vor allem die Form des Eis spannend für die Kunst wie für die Wissenschaft. Der rumänische Bildhauer Constantin Brâncuși formte nach dem Ei gleich mehrere Skulpturen. Am nächsten an der ursprünglichen Eierform ist dabei wohl die 1924 vollendete Bronzeskulptur "Le commencement du monde" (Der Beginn der Welt). Zwar spielt der Name auf die Symbolik des Eis an, jedoch dürften es Brâncuși vor allem seine ausbalancierte Form und die glatte Oberfläche angetan haben.

Nicht nur auf die Bildhauerei übte die eigensinnige Erscheinung des Hühnereis eine besondere Faszination aus, sondern auch auf Fotografie und Design. Gerade in der Bewegung des Neuen Sehens, der unter anderem László Moholy-Nagy und Umbo angehörten, war das Ei ein beliebtes Motiv.

Die Fotografie des Neuen Sehens liebt Schlagschatten und Raumillusionen. Die ovale, eben nicht ganz runde Form des Eis bot ein spannendes Perspektivspiel. Besonders eindrücklich wird das bei der Arbeit "o.T. (drei Eier)" der Fotografin Aenne Biermann aus dem Jahr 1928, das sich heute in der Sammlung des Museum Folkwang in Essen befindet. Die Schatten der Eier auf dem Untergrund folgen den Eierspitzen. Durch eine schwarze Fläche, die das Bild diagonal von unten anschneidet, wirkt es, als kullerte das dritte Ei über eine Kante und gleich ganz aus dem Bild. Das Foto ist damit ein Paradebeispiel für die damals neue Fotografierichtung, die sich von gewohnten Darstellungsweisen und frontalen Ansichten löste.

Dass die Funktion auch mal der Form folgen darf, zeigen Beispiele aus dem Design, die sich am Ei orientieren. Die Egg-Chairs, die der Designer Arne Jacobsen 1958 entwarf, sind eine moderne Interpretation des Ohrensessels und längst ein Klassiker. Und die eierförmigen Toilettenkabinen im beliebten Londoner Lokal Sketch lassen Assoziationen zu Raumschiffkapseln aus einem Sci-Fi-Film der 1970er aufkommen.
 


Brüchige Schale, weicher Kern

Der weiche Kern des Hühnereis hat bekanntermaßen trotz des Anscheins keine allzu harte Schale. Das riesige "Cracked Egg" des Skandal-Künstlers Jeff Koons bricht zwar nicht mit dessen Vorliebe für absolut glatte glänzende Oberfläche, dafür bricht im Werk – ganz wörtlich – die Fläche selbst.

Doch auch kaputte Eier können zum Symbol werden. Steht das heile Ei für Leben und Fruchtbarkeit, wird das zerbrochene Pendant zum Zeichen ihres Verlusts. In dem Gemälde "Die zerbrochenen Eier" des Rokoko-Malers Jean-Baptiste Greuze werden diese zur Allegorie der verlorenen Unschuld – ein beliebtes Thema für Greuze und seine Zeitgenossen.
 

Jean-Baptiste Greuze, "Zerbrochene Eier", 1756
Foto: The Met Museum / Public Domain. Nachlass William K. Vanderbilt, 1920

Jean-Baptiste Greuze, "Zerbrochene Eier", 1756


Eine ganz besondere Vorliebe für schräge Eier hat auch der schweizerische Künstler Urs Fischer. Seit seinem Album-Cover für die Band Yeah Yeah Yeahs, auf dem eine Hand mit rot lackierten Fingernägeln ein rohes Ei zerquetsch und es in alle Richtungen spritzt, scheint er einen Narren an ihnen gefressen zu haben. Fischer schuf sogar eine ganze Serie aus überlebensgroßen Eierköpfen: Die Porträts zeigten alte Hollywood-Stars, deren Antlitz von ganzen, durchgeschnittenen und gebratenen Eiern überdeckt wurde.
 


Dicke Eierstöcke

Angesichts seiner Verknüpfung mit Schöpfung und Fruchtbarkeit ist es nicht verwunderlich, dass auch Künstlerinnen in der feministischen Bewegung der 1960er und -70er sich des Eis bedienten – eine Form der Rückaneignung sozusagen. In dem von Miriam Schapiro und Judy Chicago organisierten "Womanhouse", einer einmonatigen feministischen Ausstellung mit Installationen und Veranstaltungen, die im Jahr 1972 stattfand, zeigte die Künstlerin Vicky Hodgett ihre Arbeit "Eggs to Breasts". An Decke und Wänden waren künstliche Spiegeleier angebracht, die sich nach unten hin in Brüste verwandelten. Die Arbeit war ein Kommentar auf die Rolle der Frau in der damaligen Gesellschaft und die Care-Arbeit, die durch sie geleistet wird.

Dass sich die Düsseldorfer Künstlerin Cora Fisch 2006 in ihrer Hommage an die Surrealistin Meret Oppenheim gerade des Eis angenommen hat, könnte man auch als eine Spitze gegen den bekannten Tausendsassa Dalí und seine Eier-Obsession sehen. Oppenheim stellte zwar gemeinsam mit bekannten Surrealisten ihrer Zeit wie Dalí und Giacometti aus, wurde jedoch aufgrund ihres Geschlechts von ihren männlichen Kollegen oft nicht ernst genommen. Für das damalige Guggenheim Berlin kreierte Fisch in Anlehnung an Oppenheims "Déjeuner en fourrure" 2006 ein Kunstwerk samt dazugehöriger Edition bestehend aus Eierwärmern aus gebrauchten Pelzen. In das Pelzfrühstück werden bis heute sexuelle Referenzen interpretiert. Neben der offensichtlichen Referenz auf den Frühstückskontext, kann Cora Fischs Arbeit also wohl auch als Anspielung auf das dicke Fell der surrealistischen Künstlerin gelesen werden. Umso klarer ist die Bildsprache bei Sarah Lucas.

Die Londoner Künstlerin, die Teil der Young British Artists ist, thematisiert mit gleichen Anteilen Witz und Ernst patriarchale Rollenbilder und sexualisierte Körper. In einem ihrer berühmtesten Werke, ihrem “Selbstporträt mit gebratenen Eiern“ von 1996, sitzt die Künstlerin breitbeinig auf einem Stuhl, je ein Spiegelei rechts und links auf ihren Brüsten über dem T-Shirt.

 

Mit ihrer Arbeit "Future" aus dem gleichen Jahr, einem Eierkarton mit Gipseiern, in die die Buchstaben des englischen Wortes im Titel eingeritzt sind, thematisiert sie die von Frauen geleistete Reproduktionsarbeit. 2018 initiierte sie sogar ein Eier-Happening im New Museum: Sie ließ New-Yorkerinnen 1.000 Eier an eine Wand werfen – Männer, die partizipieren wollten, mussten in Drag oder als riesige Phallusse verkleidet kommen. Die Aktion spielte auf den heidnischen Fruchtbarkeits-Brauch des Eierwerfens im Frühling an.


Die Banalität des Alltags

Auch wenn das Ei als solches mit Bedeutung aufgeladen ist, ist und bleibt es ein alltäglich Ding und günstiges Nahrungsmittel. Und als solches auch fester Bestandteil von Werken, die das Alltagsleben in den Fokus nehmen. Ein Genregemälde des spanischen Künstlers Velázquez von 1618 etwa zeigt eine "Alte Frau, die Eier brät".

Ähnliches schätzte wohl auch Paula Modersohn-Becker am Ei. In ihren Bildern behandelt die Worpsweder Malerin vor allem den bäuerlichen Lebenstil auf dem norddeutschen Land sowie die Menschen, die dort lebten und denen sie mit aufrichtiger Wertschätzung begegnete. Das Ei erscheint bei ihr im Eierbecher oder in einer schlichten Bratpfanne – angerichtet, nicht drapiert.
 

Paula Modersohn-Becker: Stillleben mit Spiegeleiern in der Pfanne, um 1905, Privatbesitz
Foto: lizenzfrei

Paula Modersohn-Becker: Stillleben mit Spiegeleiern in der Pfanne, um 1905, Privatbesitz


Für den Pop-Künstler Andy Warhol müssen die in einem Pappkarton aufgereihten Eier, die auf einem seiner Fotos zu sehen sind, bereits ob ihrer Gleichheit eine Faszination ausgeübt haben. Wie beiläufig fotografierte er einen vollen Eierkarton mit noch zwei Dutzend weiteren Eiern drumherum mit seiner Polaroid-Kamera. Ein Schnappschuss, könnte man meinen, gesehen durch die Linse, vor die schon so viele Stars getreten waren. Ebenso beiläufig erscheinen auch die Eier, die gelegentlich durch die Stillleben von Wolfgang Tillmans kullern. In seiner Arbeit "Eierstapel" türmen sich Eierkartons, das grelle Licht einer herabhängenden Neonlampe bestrahlt die unzähligen Eier, die wie weiße Wesen in der Pappe sitzen. Bekannt ist der deutsche Fotograf vor allem für seine Porträts. Doch seine Bilder von Obst, Topfpflanzen, Eiern und leer gegessenen Tellern scheinen wie eine zeitgenössische Interpretation der barocken Vanitas-Gemälde.
 

Wolfgang Tillmans, "Eierstapel", 2009
Courtesy Galerie Buchholz

 

 

 

Dabei ist die Zubereitung eines Frühstückseis auch eine Kulturfrage. Der britische Fotograf Martin Parr, dessen Werke immer auf eine ironische Weise verschroben wirken, schuf mit seinen Fotos von Frühstückstellern aus verschiedenen Ländern so etwas wie eine Kulturstudie. Auf den Bildern sehen wir die Eier als Eggs on Toast, pochierte Eier und Sunny-Side-Ups, oder als Spiegelei auf einem Bett aus Bohnen.


Eier-Accessoires

Wie auch bei Cora Fisch sind nicht immer die Eier selbst das Thema des Werks. Auch die Accessoires rund ums Ei treten gelegentlich in den Fokus. Beim chinesischen Künstler He Xianygu wird der Eierkarton zum Kunstobjekt. Ähnlich zu seiner Bedeutung in westlichen Kulturen steht das Ei in der chinesischen Tradition für Fruchtbarkeit, Glück und Wohlstand. In Hes "Untitled" von 2017 wird der eigentlich wertlose Eierkarton zum Objekt der Begierde – eine Analogie der willkürlichen Aufladung von Gegenständen mit Wert. Zugleich ist die Arbeit ein Kommentar auf Chinas Ein-Kind-Politik und ein Porträt der Generation, die in dieser Zeit geboren ist. Dazu gehört auch der 1986 geborenen Künstler selbst.

Hat man sich jetzt noch nicht an all den Eiern in der Kunst sattgesehen, kann nun die Suche im Garten beginnen. Monopol wünscht frohe Ostern!
 

He Xianygu, Untitled, 2017
Foto: Boros Collection, Berlin © NOSHE

He Xianygu, Untitled, 2017