London

Kunstgeschichte umschreiben: Künstlerinnen in der Tate

"Pauline Bunny" (1997) von Sarah Lucas
Foto: Handout/Sarah Lucas/Tate/dpa

"Pauline Bunny" (1997) von Sarah Lucas

Die Tate-Museen in Großbritannien preschen bei der Gleichstellung von Mann und Frau in der Kunst voran. In einem neuen Projekt sollen die Männer sogar vorübergehend von den Wänden verschwinden

Als die Literaturwissenschaftlerin Maria Balshaw zur ersten weiblichen Direktorin in der 120-jährigen Geschichte der renommierten Tate-Museen ernannt wurde, sagte sie zu ihrer Berufung: "Es ist nicht wichtig und doch sehr wichtig." Nach knapp zwei Jahren im Amt als Nachfolgerin von Nicholas Serota weht in allen vier Häusern der Tate-Familie frischer Wind: Die Mission ist, bei Ausstellungen eine Geschlechtergleichheit von 50:50 zu erreichen, die Vielfalt der Kunst von allen Kontinenten und Ethnizitäten zu vermitteln und neue Schichten von Besuchern anzuziehen. "Wir müssen die gesamte Gesellschaft ansprechen", sagte Balshaw (49) dem "Guardian."

Mit ihrem jüngsten Projekt macht die Tate Britain nun Schlagzeilen: Im Mutterhaus der Gruppe, wo britische Kunst von 1500 bis heute gezeigt wird, werden in der Sektion Zeitgenössische Kunst der letzten 60 Jahre männliche Künstler abgehängt. In "Sixty Years" wird über neun Räume die Geschichte weiblicher Künstler von 1960 bis heute erzählt: von Bridget Riley bis Rachel Whiteread, Sarah Lucas und Tomma Abts. Sie hoffe, die Besucher merken es gar nicht, wie Balshaw zu der Umhängung sagte, die am Ostermontag (22.4.) bei freiem Eintritt in der Ständigen Sammlung startet und mindestens ein Jahr zu sehen sein soll.

Andrea Schlieker, Ausstellungs-Direktorin in Tate Britain, hält das Projekt für zeitgemäß, will in ihm aber "keine explizit feministische Schau" sehen. "Uns geht es darum, die Internationalität in der britischen Kunstentwicklung aufzuzeigen", sagte Schlieker der Deutschen Presse-Agentur. Unter anderem sind Werke der Video-und Installationskünstlerinnen Susan Hiller und Mona Hatoum zu sehen sowie ein Gemälde der deutschen Künstlerin Tomma Abts, die 2006 den Turner-Preis gewann. 

"Wir wollen den internationalen Aspekt von 'Britishness' betonen, besonders zu dieser aufwühlenden Zeit des Brexit", sagte Schlieker. "'Britishness' ist für uns eine Mischung aus ganz verschiedenen Nationen, die sich als ein Teil dieses Landes fühlen, auch wenn sie keinen britischen Pass haben."

In der thematisch angelegten Serie von rund 60 Arbeiten von 30 Künstlerinnen werde auch der Dialog zwischen älteren und jüngeren Generationen von Künstlerinnen herausgestellt sowie Fragen von 'politischer Geografie'", Identität, Farbe und Geschlechtern angesprochen. So zeigt die britisch-afro-karibische Künstlerin Sonia Boyce nicht ohne Humor ihre Fotoserie, in denen verdutzte Passanten auf unterschiedlichste Weise auf das Aufsetzen einer Afro-Perücke reagieren.

Im nächsten Jahr wird mit weiteren Soloschauen von Frauen, darunter Anthea Hamilton, Cornelia Parker und Paula Rego, noch einmal zugelegt. Außerdem plant die Tate Britain eine Umhängung ihrer gesamten Sammlung "von unten her", mit der Neuschreibung von Bildtexten und der Präsentation bislang zu wenig beachteter Kunst, wie Schlieker sagte. Dabei solle nicht nur das koloniale Erbe der Sammlung kritisch unter die Lupe genommen werden, sondern auch Fragen wie Gender und Hautfarbe neu bewertet werden. "Wir versuchen, alles aufzumischen und die Kunstgeschichte weitgehend umzuschreiben."

In der Tate Modern, dem Schwesternhaus für Moderne Kunst, verfolgt Direktorin Frances Morris seit ihrer Übernahme von Chris Dercon 2016 dasselbe Gleichheitsprinzip mit einer nicht abreißenden Kette von Soloschauen für weibliche Künstler - von Anni Albers bis Dora Maar und Dorothea Tanning. Nicht ohne Stolz wird in der Tate darauf hingewiesen, dass in drei ihrer vier Häuser Frauen die Direktion führen und dass der begehrte Turner-Kunstpreis in den vergangenen acht Jahren sechsmal an Frauen vergeben wurde. "Wir leben in einer positiven und fruchtbaren Zeit für die Frauenkunst", sagt Balshaw dazu dem Fernsehsender "Sky News".

Die Tate Britain wurde 1897 von dem Zuckerfabrikanten Henry Tate als die Nationalgalerie für Britische Kunst gegründet. Seitdem entstanden die Tate Modern, die Tate Liverpool und die Tate St. Ives in Cornwall mit insgesamt mehr als 8 Millionen Besuchern jährlich.