Galerie-Initiative "Sunday Open"

Kunstsonntag

Marte Eknæs "Associate", Detail, gebürstetes Aluminium, Anti-Stress-Ball, 2020
Foto: Fotografin Marjorie Brunet Plaza / Courtesy Marte Eknæs und Efremidis, Berlin

Marte Eknæs "Associate", Detail, 2020

Ja, ein Wochenendausflug mit viel Kunst ist möglich. Am Sonntag öffnen die Berliner Galerien mit der Initiative "Sunday Open" wieder ihre Türen. Ein Rundgang

Dass Einkaufen noch geht, in einer Zeit, in der so vieles andere im Teil-Lockdown nicht geht, kann man ziemlich daneben finden. Doch die Priorisierung des Einzelhandels führt ganz praktisch auch dazu, dass man trotz Schließung von Museen und anderen Kulturorten ziemlich viel Kunst anschauen kann: in den kommerziellen Galerien. In Berlin haben diese sich auf Initiative der Kunst- und Kalenderplattform Index zusammengeschlossen, und viele von ihnen öffnen am kommenden Sonntag, 6. Dezember, zum "Sunday Open" wieder von 12 bis 18 Uhr ihre Türen. 

Wer das mit dem vorweihnachtlichen Einkaufen ernst nehmen möchte, findet in der Galerie BQ am Rosa-Luxemburg-Platz den Kunst-Shop "Very Open Very Closed" des Briten David Shrigley. Die eigentliche Ausstellung endet am Samstag, 5. Dezember, die Kunst-Merchandise-Artikel sind aber noch bis zum 19. Dezember erhältlich - vielleicht auch als Geschenke für Menschen mit Faible fürs Skurrile. Fast nebenan in der Linienstraße lässt sich bei Dittrich & Schlechtriem noch ein Hauch Art Cologne aufspüren. "2020 Year of the Rat" hat der Galerist die Gruppenausstellung genannt, für die er geplante Messe-Arbeiten mit weiteren Werken von Künstlerinnen und Künstlern aus der Galerie (und Gastkünstler Roger Ballen) ergänzt. Wenn man so will, schlüpft die Kunst in der Schau symbolisch in die Rolle der Ratte, die im chinesischen Kalender tatsächlich das Jahr 2020 bestimmt und dort Kreativität, Intelligenz und Resilienz verkörpert – ganz im Gegensatz zur westlichen negativen Wahrnehmung des Tieres.   

Im neuen Suhrkamp-Gebäudekomplex an der Torstraße sind in der McLaughlin Galerie noch bis zum 23. Dezember die New Yorker Künstlerporträts des Fotografen Ashkan Sahihi zu sehen. Von 15 bis 17 Uhr wird dieser am Sonntag außerdem das dazugehörige Buch "The New York Years" signieren. Die Galerie verspricht Glühwein (mit Abstand). Der Distanz Verlag, in dem der Bildband erschienen ist, betreibt in der Torstraße 73 gleichzeitig einen Pop-up-Store, in dem es neben Kunstbüchern auch Kunst-Editionen geben soll. Thema Weihnachtseinkäufe. 

Menschlichkeit wird ein Verb

Um die Oranienburger Straße bieten sich Abstecher zu Billy Childish bei Neugerriemschneider (der Wolf ist zurück) und Cindy Sherman und Andrea Zittel bei Sprüth Magers an. Sherman, die Königin der Selbstporträts, zeigt dort eine neue Werkserie, die sowohl auf Gender-Ebene als auch in ihrer Medialität auf Ambiguität setzt. 

Auf der Potsdamer Straße feiert die Galerie Tanja Wagner ihr zehnjähriges Bestehen mit einer Gruppenausstellung unter dem Titel "How To Human". Menschlichkeit ist hier ein aktives Verb. Die Frage nach der Zukunft des Zusammenlebens wird derzeit immer drängender und zieht sich auch durch die gezeigten Werke. Danach lassen sich fußläufig Isa Melsheimer bei Esther Schipper und Thomas Helbig bei Guido Baudach erreichen. 

Als Zwischenstopp auf dem Weg nach Charlottenburg bietet sich die Galerie Efremidis am Ernst-Reuter-Platz an. Dort zeigt die Künstlerin Marte Eknæs ihren virtuosen Umgang mit Stadtarchitektur. Poller oder Armlehnen für Bänke  werden zu minimalistischen Skulpturen, verblasste Vogel-Warn-Sticker auf Glasscheiben bergen eine Ahnung von den Geschichten, die im öffentlichen Raum erzählt werden. 

Bei Meyer-Riegger nahe des Kurfürstendamms kann man dann bestaunen, wie hintersinnig der Künstler Jonathan Monk den Fotografen Helmut Newton zum 100. Geburtstag auseinandernimmt. Die Schau ist Teil einer Kooperation mit der Galerie Friese und Kicken Berlin. Auch dort treten zeitgenössische Künstler in einen Austausch mit Newton-Werken. 

Zum Schluss könnte noch ein Besuch bei Buchholz in der Fasanenstraße den Horizont in der derzeitigen Corona-Beschränktheit des Alltags weiten. Wolfgang Tillmans hat in den Räumen der Galerie neue Fotografien und unbekannte Arbeiten aus älteren Serien installiert, die die Besucher auf eine Reise schicken, von New York bis nach Addis Abeba und vom Kiez bis zum Mond, von Körpern zur Abstraktion und von der Clubnacht bis zu den kleinen großen Rätseln des Universums. Man kommt aus dieser Ausstellung heraus und fühlt sich ein wenig befreit. Und hat sich vielleicht sogar für die nächste Etappe des Teil-Lockdowns ein nachhaltiges Kunstpolster angefressen.

Alle am offenen Sonntag teilnehmenden Galerien finden Sie hier.