Street Parade in Zürich

Lost in Lust

Wer arbeiten kann, kann auch feiern: Das zeigt sich jedes Jahr auf der Street Parade in Zürich. Eine kleine Geschichte des Exzesses in der calvinistischen Schweiz

Zürich ist die Hauptstadt der Selbstkontrolle. Wer nach 9 Uhr in der Innenstadt joggt, gilt als Arbeitsloser oder Tourist. Und mehr als 500 Gramm Übergewicht signalisiert Unterschicht. An unbetreuten S-Bahnen klebt ein grafisches Auge: Wo der Zugbegleiter weggespart wurde, ist man selbst für sich und seinen Fahrschein verantwortlich. Überwache dich selbst.

Das Gegenstück zur Kontrolle ist der Exzess. Deshalb sind die Grenzüberschreitungen in Zürich so intensiv, wie man auch an diesem Wochenende wieder bei der alljährlichen Massen-Technoanbetung Street Parade beobachten konnte.

Von Rom aus gesehen liegt Zürich im fleißigen Norden, von Stuttgart aus sieht man das Mittelmeer – die Stadt ist das europäische Vexierbild zwischen Lust und Disziplin. In welcher Stadt, außer Amsterdam in den 80er-Jahren, wird so offen gekifft wie hier? Jugendliche und Zürcher, die auf Reisen gehen, müssen seit Jahrzehnten lernen, dass man in Italien oder Spanien besser drinnen pafft.

Was die Drogenszene angeht, ist die Exzesstoleranz Zürichs bemerkenswert. In den frühen 90er-Jahren kauften jeden Tag 3000 Süchtige Heroin mitten in einem Quartier voller Schulen. Heute spielen dort, im Letten unter der Kornhausbrücke, Halbnackte Volleyball, ihre Nadelstiche sind aus dem Tattoostudio, und die Gesichtsfarbe ist rosig statt bleich. Man muss sich den Herointourismus von früher wieder vor Augen führen, wenn man gegen die Gentrifizierung dieser Gegend wettert. Der Kreis 5 hinter dem Bahnhof mit den Neubauten Richtung Escher-Wyss-Platz ist für viele unerschwinglich geworden, aber das frühere Drogenelend möchte niemand zurückhaben.

Die Junkiemassen sind verschwunden, doch der Rausch ist noch sichtbar. Ausgerechnet im teuren Escher-Wyss-Quartier hat sich eine After-Hour-Szene etabliert. An der Geroldstrasse, wo sich die Taschen aus Lkw-Planen im Tower der Firma Freitag stapeln, torkeln noch am Sonntagnachmittag die Verpeilten aus den Technoclubs.

Zürich ist eine Techno-City, das erste deutschsprachige Buch zum Thema, schlicht "Techno" benannt, erschien hier 1995. Später gab es im Escher-Wyss-Quartier Orte wie die Spider Galaxy oder die Dachkantine, in denen der Exzess ein Dauergast war. Die Stadtregierung blieb gelassen: Lassen wir die Tanzverrückten gewähren, so schlimm wie das Heroin kann es nimmer werden, dachten sie. Und die Verpeilten gehen am Montag wieder arbeiten.

Zürichs dichte Clubkultur ist auf den Trümmern der Straßenschlachten des Jahres 1980 gewachsen: Nach einem Konzert von Bob Marley marschierte die Jugend vor das Opernhaus und schmiss Brandsätze gegen die Hochkultur, die Kämpfe dauerten mehr als ein Jahr und formten eine ganze Generation. Erst die sogenannte Bewegig hat die Stadt Zürich dazu gebracht, alternative Kultur zu fördern. Und zwar so erfolgreich, dass man mittlerweile sehr viel arbeiten muss, um sich das alles noch leisten zu können.