Früh verstorbener US-Künstler

Hingabe und Liebe in der Malerei von Patrick Angus

Sexclubs, schummrige Bars, Stricher und Stripper: Die Malerei von Patrick Angus war schwuler und ehrlicher, als der Kunstmarkt erlaubte. Wie der früh verstorbene US-Künstler dann aber doch wiederentdeckt wurde

Es hat lange gedauert, Lust, Sex und Genitalien aus der Schmuddelecke herauszukriegen. Künstler haben Pionierarbeit geleistet: Valie Export machte mit ihrem "Tapp- und Tastfilm" und der "Aktionshose Genitalpanik" ab den späten 60ern ihre sekundären und primären Geschlechtsmerkmale öffentlich. Robert Mapplethorpe zeigte sich mit Bullenpeitsche im Hintern, daraufhin wurde in Washington über explizite Bilder diskutiert. Künstler jüngerer Generationen profitierten von den erkämpften Freiheiten. Bei Wolfgang Tillmans, 1968 geboren, sind fotografierte Blowjobs und Masturbationsszenen in Ausstellungen keine Aufreger mehr, solange ein Schild auf den Jugendschutz verweist. Sind wir so frei?

Ganz sicher kann man sich über den entspannten Ist-Zustand nicht sein, in Deutschland wurde schon wieder über einen angeblich zügellosen Sexualkundeunterricht diskutiert. Gestritten wurde vor allem über Homosexualität, von der einige glauben, dass sie "propagiert" werden kann: Um Homophobie ging es vorgeblich nicht, man sorgt sich nur um die Kinder. Wenn man denen keine Schwulen und Lesben zeigt, so die Logik, kommen sie auch nicht auf komische Ideen. Wie hirnrissig solche Überlegungen sind, zeigt das Beispiel Patrick Angus. Die Anreize, schwul zu werden, waren dort, wo der 1953 geborene Künstler aufwuchs, denkbar gering.

Zwar kam Angus in North Hollywood zur Welt, und Kalifornien galt als der freizügigste Bundesstaat der USA. Doch erst in New York, wohin der in Santa Barbara ausgebildete Künstler 1980 erstmals zog, konnte Angus sein Schwulsein einigermaßen ausleben. Das Paradies, das er sich vielleicht ausgemalt hatte, fand der Maler in der Metropole dennoch nicht, die 1969 mit dem Stonewall-Aufstand eine Art schwul-lesbischen Unabhängigkeitstag erlebte. Angus wurde zu einem Maler der engen Nischenwelt, in der sich die Subkultur eingerichtet hatte.

"Patrick war unglaublich scheu"

Trotz der unbestreitbaren Qualität seiner Bilder konnte er am Kunstmarkt nicht reüssieren. Schuld daran waren nicht nur die Sujets – Stricher, Stripper und Nachtclubs –, sondern auch der figurative Ansatz. Was paradox ist, denn ohne das Talent des Künstlers, seine heiklen Sujets detailfreudig wie expressiv zu schildern, gäbe es solche Innenansichten ja praktisch nicht. Das Fotografieren war in den Clubs ohnehin verboten.

Die posthume Wiederentdeckung des 1992 an Aids gestorbenen Künstlers verdankt sich unter anderem dem Stuttgarter Galeristen Thomas Fuchs, dessen erste Angus-Ausstellung Anfang 2015 große Resonanz hervorrief. 2016 erschien eine Monografie mit Texten von Mark Gisbourne und Douglas Blair Turnbaugh.

"Patrick war unglaublich scheu", erzählt Turnbaugh, der Erbe und Verwalter des Angus-Nachlasses, am Telefon. Der heute über 80-Jährige, Ex-Tänzer und Ballettexperte, war "ganz benommen von den Bildern", die Angus "wie ein Teppichverkäufer" beim ersten Treffen in dessen Atelierwohnung vor ihm ausrollte, "das muss 1988 gewesen sein". Argwöhnisch sei der Maler gewesen, "er guckte dich an wie einen Eindringling. Vor allem hasste er es, wenn man die homoerotischen Aspekte seiner Bilder betonte. Er wollte schließlich keine Pornografie schaffen, sondern Maler sein." 

Angus zeigte die Realität der New Yorker Szene

Anders als der 1992 von Turnbaugh herausgegebene Band "Strip Show", von dem der todkranke Angus noch die Druckfahnen sah, enthält das jüngste Buch auch Porträts und Landschaften aus dem Privatbesitz der Mutter – die andere, bürgerliche Seite eines vielschichtigen Werks. Anders als David Hockney, den der jüngere Maler verehrte und der kurz vor Angus’ Tod noch ein halbes Dutzend seiner Bilder erwarb, schilderte Angus nicht das hedonistische Homoglück unter kalifornischer Sonne, das für die meisten ohnehin ein unerreichter Traum blieb.

Manchmal leuchtet es auf, dieses erträumte Leben. In einem Gemälde von 1990 ist es in einer pastellfarbenen Paarung am Pool versteckt – die auf der Leinwand eines düsteren Pornokinos läuft. Ein rauchender Recke am Rand der Sitzreihen variiert Edward Hoppers berühmtes Motiv der Kinoplatzanweiserin, die halb gelangweilt einer Kussszene auf der Leinwand zusieht.

Patrick Angus "Hanky Panky", 1990
Foto: Courtesy of Bortolami Gallery, New York

Patrick Angus "Hanky Panky", 1990

Angus zeigte die Realität der New Yorker Szene, die schummrigen Clubs und Bars, die Jagd nach dem erotischen Kick, er malte die Adoniskörper und die unglücklichen Männer, die sie begehrten. Angus lebte mittendrin in diesem Teufelskreis aus Sehnsucht und Selbstekel. "Wenn man seine Selbstporträts anschaut, glaubt man es kaum: Patrick fand sich unattraktiv", erzählt Turnbaugh.

In dem Quentin-CrispBiopic "An Englishman in New York" (2009) taucht Patrick Angus als Nebenfigur auf: ein jungenhafter Typ, den der übergroße Respekt vor "Mr. Right", vor dem starken, vermeintlich unerreichbaren Mann, in die Darkrooms treibt. "Nach seinem Zusammenbruch, als seine Aids-Erkrankung nicht mehr zu verheimlichen war, sagte er mir im Krankenhaus: 'Ich will nie darüber reden, das ist bloß Zeitverschwendung'", schildert Turnbaugh die Szene. "Er hatte sogar recht, damals konnte man wirklich nichts tun. Es gab praktisch keine Medikamente, es war ein Todesurteil." 

Der genannte Film, in dem John Hurt als britischstämmiger queerer Dandy Quentin Crisp brilliert, gibt einen guten Eindruck von der Stimmungslage in New York zu Beginn der Aids-Epidemie. Lästerzunge Crisp macht sich mit der Aussage "Aids ist nur eine Modeerscheinung" Feinde (gemeint war: die Gleichsetzung einer Krankheit mit schwulem Sex wird überwunden werden), kurz darauf freundet er sich mit dem knapp 50 Jahre jüngeren Maler an. In den Atelierszenen sind Originalarbeiten von Angus zu sehen.

Für den Galeristen Thomas Fuchs und seinen Partner, den Sammler Andreas Pucher, war es die erste Berührung mit den Arbeiten des Künstlers, dem am Ende seines kurzen Lebens nur ein Zipfel des Erfolgs zuteil wurde, den er eigentlich verdient hätte. Seine Kunst erschöpft sich nicht darin, Dokument einer verschwundenen Subkultur zu sein. Sie ist groß in ihrer Kraft, das Wichtigste zu zeigen: Hingabe und Liebe.