Zum Ende der "Spex"

"Man hätte sich online stärker aufstellen müssen"

Foto: Steffi von Kannemann
Foto: Steffi von Kannemann
"Spex"-Chefredakteur Daniel Gerhardt kündigte im Editorial des aktuellen Hefts das Ende des Magazins an

Erst seit Frühjahr dieses Jahres ist der Musikjournalist Daniel Gerhardt Chefredakteur des Magazins "Spex". Im Editorial des aktuellen Heftes musste er das Ende für die 1980 gegründete legendäre Musikzeitschrift ankündigen. Das Dezemberheft 2018 wird das letzte sein

Herr Gerhardt, was wird im Kulturleben fehlen, wenn es die "Spex" nicht mehr gibt?
Das ist eine gute Frage, weil das bisher zu kurz gekommen ist in den Reaktionen der letzten Tage. Es sind viele alte Recken noch einmal vorgeprescht und haben über ihre "Spex"-Phase gesprochen, auch viele Leserinnen und Leser, die in den 80ern und 90ern die "Spex" einflussreich fanden, haben davon erzählt. Dabei sollte man aber nicht vergessen, dass jetzt eine unabhängige Stimme im Popdiskurs der Gegenwart in Deutschland wegfällt, und davon gibt es nicht so viele. Es fällt ein Raum weg, in dem sich talentierte, oftmals sehr junge Autorinnen und Autoren ausprobieren können. Ein paar Mal habe ich auch gelesen und gehört, das Ende der Zeitschrift sei nicht so tragisch, weil die Leute, die sie gemacht haben, ja weiter über Pop schreiben würden. Das gilt vielleicht für das obere Prozent an Musikjournalisten, die andere Foren finden. Aber wir haben ganz tolle, noch nicht so bekannte jüngere Autoren und Autorinnen, die auf das Magazin als Raum und Diskursplattform angewiesen waren.

Die legendäre Zeit der "Spex" waren die 80er, als Diedrich Diederichsen, Jutta Koether und andere erstmals Pop als Theorie betrieben. Seitdem hat sich das Musikbusiness allerdings radikal gewandelt. Welche Kanäle bestimmen denn heute, wie Leute Musik hören? 
Das, was immer als Gatekeeper-Funktion bezeichnet wird, hat sich schon seit Längerem erledigt. Musikjournalisten und Musikjournalistinnen haben heute keinen wirklichen Informationsvorsprung gegenüber dem Publikum mehr. Und die wirklich großen Popstars nutzen andere Kanäle: Leute, die früher ganz selbstverständlich Interviews gegeben haben, machen das viel seltener, weil sie es nicht mehr müssen. Sie bringen ihre Botschaften über ihre eigenen Social Media Outlets rüber, die sie auch viel besser steuern können. Für die Musikrezeption spielen kuratierte oder durch Algorithmen erstellte Playlists auf Spotify eine große Rolle. 

Richten sich die Hörer in ihren Nischen ein und wollen gar nichts über andere Musikrichtungen wissen? 
Man hat das ja selbst in der Hand als Hörerin oder Hörer, man kann sich sein eigenes Plätzchen suchen, und wenn man will, kann man den Rest seines Lebens irgendwelche obskuren Popbands aus den 70-Jahren hören. Man kann aber auch die Tools, die es heute gibt, nutzen, um viel mehr verschiedene Musik zu hören als man es früher gemacht hat. Und man kann viel schneller zwischen verschiedenen Stilen herumspringen und schauen, was man interessant findet. Ich bin jetzt Mitte 30, ich bin mit Napster aufgewachsen und habe das als Tool begriffen, mit dem ich meinen Horizont erweitert habe.

Der "Rolling Stone" geht mit Bob Dylan oder Neil Young auf dem Cover an den Kiosk, um die Hefte zu verkaufen, weil keine Mainstream-Stars mehr nachwachsen. Als Magazin stellt sich die Frage: Was macht man aufs Cover?
Das ist tatsächlich eine der schwierigsten Entscheidungen gewesen, alle zwei Monate eine Person oder Band zu definieren, die ein ganzes Heft wiedergeben kann und einen gewissen Bekanntheitsgrad mitbringen muss. Mit einer Gruppe, die 100 Alben verkauft, kann man nicht an den Kiosk. Man sieht das auch am "Musikexpress", einer weiteren Musikzeitschrift des Springer-Verlags, dass die auch noch kaum aktuelle Musikthemen auf dem Cover haben, stattdessen Retro-Themen oder so etwas wie "Die Rückkehr der Kassette".

Außer der "Spex" wird in diesem Herbst auch die "Groove" eingestellt, und die "Intro" hat auf ihre Printausgabe verzichtet. Trifft es Musikzeitschriften härter als andere?
Ich weiß gar nicht, ob es unsere Branche härter trifft als den Rest des Zeitschriftenmarktes. "Neon" ist in diesem Jahr ja auch eingestellt worden. Der Anzeigenmarkt ist das Problem. Die klassischen Printanzeigen brechen weg, Plattenfirmen und auch die typischen Markenkunden wie Modelabels oder Apple stecken ihr Geld lieber in Social Media, in Facebook und Instagram. Andere können solche Verluste vielleicht besser wegstecken als ein Magazin, das selbst in seinen besten Zeiten eine Auflage von vielleicht 30 000 hatte. Auch der "Spiegel" verliert an Auflage, aber auf einem anderen Level.

Wie hätte die Musikpresse darauf reagieren sollen? 
Man hätte früher versuchen müssen, sich online stärker aufzustellen. Nicht nur wir als Spex, sondern die ganze Branche. Einen wirklich guten Onlineauftritt hat keines der Musikmagazine. Wir haben unseren Online-Auftritt praktisch nebenbei machen müssen, mit sehr wenig Personal. Es hieß bei den Verlagen immer, dass man ein großes, ambitioniertes Online-Portal nicht refinanzieren kann. Das Ergebnis sehen wir jetzt.