Medienschau

"Eine massive diplomatische Taktlosigkeit"

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Scharfe Kritik an Premier Sunak im Parthenon-Streit mit Griechenland, Terry Richardson wird erneut von Models verklagt und "Nosferatu" bekommt ein zweites Remake: Das ist unsere Presseschau am Mittwoch

Nahostkrieg und Antisemitismus-Debatte

Man kann den toxischen Einfluss von Social Media auf die Debattenkultur derzeit gar nicht oft genug betonen, und der israelische Autor Etgar Keret tut es auf eine wunderbar pointierte Art und Weise. Social Media, so erklärt es Keret im Gespräch mit Johanna Adorjan in der "SZ", unterlaufe nicht nur die Komplexität des Nahostkrieges, sondern vergifte zunehmend die Meinungsbildung. "Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen gar nicht mehr wissen, wie man überhaupt an Informationen kommt. Der Prozess lief früher so ab: Man interessierte sich für etwas, besorgte sich mehr Informationen und bildete sich eine Meinung. Heute läuft der Prozess so: Man mag jemand, und jemand anderen hasst man, man brennt richtig vor Hass und dann sucht man nach mehr Brennstoff für den Hass." Und er wettert höchst amüsant über unser zeitgenössisches Verständnis von Aktivismus: "Aktivismus bedeutete, aktiv zu werden, um die Welt zu verändern. Heute ist Aktivismus, wenn man auf Facebook die Flagge postet, für die man gerade ist. Das Allerwichtigste dabei: sich ganz und gar der Einseitigkeit zu verschreiben. Es darf nicht die geringste Mehrdeutigkeit zugelassen werden." Auch Greta Thunberg und die Klimaaktivisten bekommen ihr Fett weg: "Wenn ich meine palästinensischen, meine arabischen Freunde anrufe und sage, hey, das sind Verrückte, wir werden das überstehen, dann habe ich die Illusion, dass ich etwas tue. Was tun denn die heutigen Aktivisten? Wenn sie gerade nicht 'From the River to the Sea' rufen, kleckern sie Tomatensuppe auf einen van Gogh und behaupten, das sei gegen den Klimawandel." 

Johanna Adorjan hat auch das Tel Aviv Museum of Art besucht, das seit dem Angriff der Hamas am 7. Oktober nur mit Voranmeldung zu betreten ist, und lässt in der "SZ" die Direktorin und die Chefkuratorin zu Wort kommen: "'Wir fühlen uns von der Kunstszene total im Stich gelassen', sagt Tania Coen-Uzzielli: 'Ich meine, das ist unser Milieu. Man kennt sich.' Sie und Mira Lapidot sitzen nebeneinander am Kopfende eines langen Tischs und sprechen wie aus einem Mund. 'Wir erwarten nicht, dass sich jemand auf unsere Seite stellt', sagt Mira Lapidot. 'Aber dies ist ein Milieu, in dem Wert gelegt wird auf kritisches Denken, auf die Fähigkeit, die Komplexität von Situationen zu erfassen. Es hat mich schon erschüttert, wie schnell hier geurteilt wurde und wie einseitig das Urteil ausfiel.' Tania Coen-Uzzielli ergänzt, man dürfe, wenn man für bestimmte Werte einsteht - Menschlichkeit, Liberalismus, Gleichheit - Terror niemals verteidigen. 'Und das wird aber getan. Da trat ein Riss zutage, der uns sehr überrascht hat. Es wird nicht möglich sein, darüber einfach hinwegzugehen.' Dass auch Menschen aus der Kunstszene den Slogan 'From the river to the sea, Palestine will be free', skandierten oder posteten, irritiere sie. 'Für mich heißt das, dass diese Menschen offenbar nicht wollen, dass unsere Institution existiert.'"

Kulturpolitik

Der Eklat um die Rückgabe von Kunstschätzen aus dem British Museum an Griechenland könnte nach Ansicht von Kommentatoren den britischen Premierminister Rishi Sunak schädigen. Medien in beiden Ländern nannten am Mittwoch Sunaks kurzfristige Absage eines Treffens mit seinem griechischen Kollegen Kyriakos Mitsotakis "peinlich", "kindisch" und "unprofessionell". "Es war ein unglückliches Ereignis", sagt Mitsotakis der Athener Zeitung Kathimerini. Aber: "Dadurch wurde die gerechte Forderung Griechenlands nach der Wiedervereinigung der Parthenon-Skulpturen nicht nur im Vereinigten Königreich, sondern auch in der Weltöffentlichkeit noch bekannter." Andere griechische Politiker zeigten sich weitaus empörter. Die britische "Times" zitiert Außenminister Giorgos Gerapetritis mit den Worten, die Ausladung sei unerhört. "Es ist eine massive diplomatische Taktlosigkeit. Selbst Israel und die Hamas kommunizieren." Wirtschaftsminister Adonis Georgiadis kommentierte, die Forderung nach der Rückgabe der Kunstschätze sei "die Meinung von elf Millionen Griechen und vielen Millionen Menschen in aller Welt". Sunak hatte ein für Dienstag geplantes Treffen mit Mitsotakis kurzfristig abgesagt. Offensichtlich war der Premier verärgert über ein BBC-Interview, in dem der Grieche erneut gefordert hatte, London solle die Friesteile des Parthenon-Tempels der Akropolis zurückgeben. Es sei, als würde man die "Mona Lisa" teilen und jeweils eine Hälfte im Pariser Louvre und im British Museum zeigen, so Mitsotakis. Downing Street verteidigte die Absage damit, dass Mitsotakis mit dem Interview eine Absprache gebrochen habe, das Thema nicht öffentlich anzusprechen. Doch auch in seiner Konservativen Partei wurde Sunak kritisiert. Die Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Alicia Kearns, sagte, das Vorgehen sei schwer zu verstehen. Der Streit um den Besitz der Altertümer währt seit Jahrzehnten. Der Parthenon-Tempel ("Jungfrauengemach") ist eines der berühmtesten noch existierenden Baudenkmäler des antiken Griechenlands. Der britische Diplomat Lord Elgin hatte Anfang des 19. Jahrhunderts die am besten erhaltenen Marmorplatten und -skulpturen des Parthenon-Frieses abbauen und nach England bringen lassen. Dort verkaufte er sie 1816 an das Britische Museum. Athen spricht von Diebstahl.

MeToo

Terry Richardson wird erneut wegen sexueller Nötigung verklagt, berichtet "Hyperallergic": Zwei Models haben unabhängig voneinander in New York eine Klage eingereicht, die Vorfälle gehen auf die Jahre 2003 und 2004 zurück. Der Fotograf wurde in den 1990er-Jahren mit seiner Kampagne für die Modefirma Sisley bekannt und stand für einen anzüglichen, freizügigen "porn chic". Er porträtierte viele Prominente wie Beyoncé, Lady Gaga, Miley Cyrus und Barack Obama und stellte immer wieder auch in Galerien und Museen aus. Nach Vorwürfen gegen Richardson im Zuge der MeToo-Debatte, stellten der Verlag Condé Nast und andere Auftraggeber die Arbeit mit dem heute 58-Jährigen ein. Richardson betonte immer wieder, dass alles im Einvernehmen mit den Models geschehe, und nannte die Welle an Anschuldigungen eine "Hexenjagd". Zu den neuen Vorwürfen hat er sich noch nicht geäußert.

Musikvideos

Der Song "Komet" von Udo Lindenberg und Apache 207 ist nicht nur der längste deutsche Nummer-eins-Hit aller Zeiten, sondern auch das erfolgreichste Musikvideo 2023 auf Youtube in Deutschland. Der Panik-Rocker und der Rapper kamen bei ihrem ersten gemeinsamen Projekt weltweit auf 59 Millionen Views, teilte Youtube am Dienstagabend am Rande einer Gala in Berlin mit. "Künstlerin des Jahres 2023" bei Youtube wurde die Musikerin Ayliva, die zuvor bereits den Publikums-Bambi gewonnen hatte. Sie setzte sich mit ihrem Album "Schwarzes Herz" an die Spitze. Unter den Tracks auf dem Album war vor allem der Song "Sie weiß" erfolgreich. Er verzeichnete bislang über 30 Millionen Views. Nina Chuba wurde auf dem Youtube-Event im Restaurant Grill Royal in Berlin auch als "beste Newcomerin" ausgezeichnet. Mit den Songs ihres Debütalbums "Glas" sammelte sie nicht nur Millionen von Youtube-Views, sondern konnte auch über 200 000 Kanal-Abos für sich gewinnen.

Film

Ein lange geplantes Remake des Vampir-Horrorfilms "Nosferatu" soll nun zu Weihnachten 2024 in die Kinos kommen, wie "Variety" berichtet. In der Neuauflage von Regisseur Robert Eggers ("The Northman", "The Witch") spielen unter anderem Bill Skarsgård ("Es"), Lily-Rose Depp ("Voyagers"), Nicholas Hoult ("Renfield"), Emma Corrin ("The Crown") und Willem Dafoe ("Poor Things") mit. Vorlage für das Remake ist die legendäre Stummfilmfassung "Nosferatu, eine Symphonie des Grauens" (1922) von Friedrich Wilhelm Murnau (1888-1931), der die Geschichte des Vampirs Graf Orlok erzählt. Werner Herzog drehte 1979 "Nosferatu: Phantom der Nacht" mit Klaus Kinski in der Rolle des Blutsaugers. In der Neuverfilmung nach einem Drehbuch von Eggers soll der Vampir aus Transsilvanien im 19. Jahrhundert eine junge Frau in Deutschland terrorisieren. 

Das besondere Kunstwerk

The KLF ist für überraschende Moves bekannt. 1992 - auf dem Höhepunkt ihres Erfolges - löste sich das britische Duo aus Bill Drummond und Jimmy Cauty als Band auf und startete als K Foundation eine Kunstkarriere. Gleich darauf ließen sie schon Anzeigen drucken: "Abandon all art now" – "Hört jetzt mit der Kunst auf". Das Ganze endete in der berühmten Verbrennung von einer Millionen Pfund. Jetzt haben die beiden ein neues Ding am Laufen, wie sie dem "Guardian" erklären: "KLF Kare ist ein multinationales Franchiseunternehmen, das Markenlösungen für unabhängige Pflegeheime anbietet." Und zwar Pflegeheime für in die Jahre gekommene Raver! Vielleicht ist aber alles auch wieder nur ein Witz, so richtig schlau wird man aus dem "Interview" nicht.