Künstlerin Sandra Mujinga

"Meine Geister kommen aus der Vergangenheit und aus der Zukunft"

Sandra Mujinga hat für ihre gespenstischen Skulpturen gerade den renommierten Preis der Nationalgalerie bekommen. Hier spricht sie über Kunst als Spurensuche und Unbehagen als politisches Gefühl 

Vor dem Studiofenster von Sandra Mujinga im Osloer Stadtteil Tøyen wird gebaut. Das dumpfe Dröhnen der Bagger und Planierfahrzeuge lässt die Fenster vibrieren. "Eigentlich ein guter Bass", sagt die Künstlerin und lacht. "Ich sollte das aufnehmen." Sandra Mujinga, die man gleichermaßen als Bildhauerin, Filmemacherin und Musikerin bezeichnen kann, gehört gerade zu den gefragtesten jungen Künstlerinnen der Welt. Kurz nach dem Treffen in Oslo fliegt sie zur Eröffnung der New Museum Triennale nach New York, auf der eine Videoinstallation von ihr zu sehen ist. Anfang Oktober wurde sie in Berlin - ihrer zweiten Heimatstadt - mit dem Preis der Neuen Nationalgalerie ausgezeichnet, der wohl wichtigsten deutschen Trophäe für Nachwuchskünstlerinnen.

Mujinga gelinge es, widersprüchliche Erfahrungen in ihren Skulpturen zu vereinen, hieß es in der Begründung der Jury. "Hierdurch entsteht eine Offenheit, die Raum für die eigene Imagination schafft." Auch beim Gespräch im Osloer Studio geht es um überirdische Wesen und ihre Gestaltwerdung in der Kunst. Mujingas Figuren, das wird in dem eher bescheidenen Raum zwischen bunten Stoffbahnen und Kostümentwürfen deutlich, haben trotz ihrer unwirklichen Aura sehr viel mit der Realität zu tun. 


Sandra Mujinga, Glückwunsch zum Preis der Nationalgalerie. Hat er schon einen Platz bei Ihnen gefunden?

Nein noch nicht. Er ist hier in Oslo, aber noch ordentlich eingepackt. Ich wollte ihn meiner Familie zeigen, aber habe mich noch nicht getraut, ihn zu öffnen.

Die Trophäe ist eine ästhetisch etwas gewöhnungsbedürftige leere Holzbox, die allerdings eine Edition von Jospeh Beuys ist. Haben Sie zu ihm irgendeine künstlerische Beziehung?

Wenn ich ehrlich bin, nicht wirklich. Beuys verbinde ich vor allem mit meiner Zeit in der Schule.

In letzter Zeit gab es viele Diskussionen um die Vergabe von Preisen in der Kunstwelt. Der Turner Prize wurde auf Wunsch der Nominierten durch vier geteilt und im Pandemiejahr durch Stipendien ersetzt. Viele Künstlerinnen und Künstler haben sich kritisch über die "Hunger Games" im Betrieb geäußert, die Wettbewerbsdenken fördern. Wie empfinden Sie das?  

Ich habe die Diskussion natürlich verfolgt und finde, dass das ein sehr schwieriges Thema ist. Sobald man für etwas nominiert wird, ist es sehr schwer, nein zu sagen. Wenn ich sehe, dass Leute Preise und deren Annehmlichkeiten teilen, ergibt das für mich sehr viel Sinn. Aber es kommt auch auf die Beschaffenheit des Preises an. Geld zu teilen ist einfacher als eine Ausstellung und eine Publikation, wo es ja darum geht, die eigene Arbeit weiterzuentwickeln.

Der Preis der Nationalgalerie ist mit einer Einzelausstellung im Hamburger Bahnhof im Herbst 2022 verbunden. Ist die große Halle, in der Sie ihre Arbeit zeigen werden, aufregend oder angsteinflößend?

Ich glaube nicht, dass ich jemals von einem Raum eingeschüchtert war. Das klingt jetzt vielleicht anmaßend, aber ich bin eher daran interessiert, einen Raum zu verstehen, ihn zu studieren und ein Gefühl dafür zu bekommen. Ich mag auch die Leere, mein Ziel ist es nie, einen Raum zu füllen, nur weil er groß ist. Im Moment fühlt sich die Halle noch an, als würde ich in einem Wal stehen, aber ich bin neugierig, ihn besser kennen zu lernen.

Ihre Skulpturen wirken wie Hybride aus menschlichen Gestalten, Fantasiewesen und Architektur. Sie haben eine starke materielle Präsenz und sehen nicht gerade aus, als müssten sie Angst vor großen Räumen haben …

Ja, vielleicht. Meine Skulpturen sind ziemlich groß, aber sie bestehen immer aus Teilen, so dass es einen Prozess des Aufbaus gibt, der sie in gewisser Weise wachsen lässt. Ich finde, es ist schöner, etwas zu haben, das potenziell weitergeht, als etwas, das einfach nur groß um der Größe willen ist. Für mich ist es eher ein organischer Prozess als der Wunsch, einen Giganten zu erschaffen.

Ich habe gelesen, dass Sie ursprünglich Architektin werden wollten, was zum Bauprozess der Skulpturen passt. Aber Sie sind auch Musikerin, Filmemacherin und Performerin. Wie ist all das zusammengekommen?

Die Kunst gibt den Raum, all diese verschiedenen Dinge gleichzeitig zu tun. Es hat für mich immer Sinn ergeben, dass diese Disziplinen miteinander verflochten werden. Es ist wirklich ein Privileg, sich in ihnen so frei bewegen zu können.

Ihre Praxis wird oft als "World Builing" bezeichnet, ein Begriff, der meist für Science-Fiction-Literatur oder Filme verwendet wird. Inwiefern ist er für Ihre Kunst nützlich?

Es ist ein bisschen widersprüchlich, denn "World Building" wird auch mit Gaming assoziiert, wo es bedeutet, dass man diese endlosen Möglichkeiten um sich herum hat: eine Welt, die bis ins Unendliche weitergeht. Aber es kann sich auch auf etwas beziehen, das sich immer wiederholt. Das mir in meinem Studio begegnet, wo ich etwas immer wieder tue und dadurch vielleicht etwas Neues entdecke. Wenn ich das unter dem Oberbegriff des "World Building" tue, gibt mir das eine gewisse Freiheit, aber es erinnert mich auch daran, dass ich diesen Prozess der Wiederholungen durchlaufen muss, um mit meiner Arbeit weiterzukommen.

Bei ihren Skulpturen denkt man schnell an Geister. Einverstanden?

Sie als Geister zu betrachten, ist eine Möglichkeit, über Spuren nachzudenken. Sie haben etwas Ephemeres an sich, aber die Arbeit könnte auch davon handeln, was ein geisterhaftes Wesen hinterlässt: eine Hülle, eine Rüstung oder ein Kostüm. Das ist dann gar nicht gespenstisch.

Kommen diese Wesen aus der Vergangenheit oder der Zukunft?

Sowohl als auch. Für mich ist es interessant, über den Zugang zu unserer Vergangenheit nachzudenken, der für viele Menschen nicht selbstverständlich ist. Da ich im Kongo geboren und in Norwegen aufgewachsen bin, habe ich den Zugang zur Geschichte des Kongo erst als Teenager gefunden. In der Schule hörten wir zwar vom Kolonialismus, aber das war aus einer sehr spezifischen Perspektive. Heute bin ich dankbar für das Internet, weil es keine einzelne Person oder Institution mehr gibt, die einem sagt: So ist die Welt. Daraus wachsen eine Art Optimismus und die Fähigkeit, über die Zukunft zu spekulieren. Das ist auch die Stärke der schwarzen Science-Fiction. Man muss auf einer anderen Zukunft beharren.

Geht es in ihrer Arbeit auch um die Geister, die eine Gesellschaft heimsuchen?

Für mich ist es interessant, über shapeshifting, also Gestaltenwandler, nachzudenken. Bei meinen Performances verwende ich oft diesen Grundbass und drehe ihn dann plötzlich auf. Die Leute empfinden das als einen neuen Klang, aber er war die ganze Zeit da. Ich nutze diesen Effekt, um etwas unausweichlich zu machen, das die ganze Zeit da war. Das Nachdenken über Geister ist auch heute sehr aktuell, wenn wir auf unsere Spuren zurückblicken: Wie sind wir hierhergekommen? Sei es unser ökologischer Einfluss auf den Planeten oder die Spuren kolonialer Gewalt. Beides ist miteinander verwoben.

Ihre Skulpturen können ziemlich unheimlich wirken, gerade im farbigen, fast giftigen Licht, das Sie oft benutzen. Ist Unbehagen oder gar Angst ein produktives Gefühl beim Betrachten von Kunst?

Es ist sehr interessant, darüber nachzudenken, warum wir etwas als unheimlich oder furchteinflößend empfinden und wie wir bestimmte Muster erlernen. Es gibt ein Zitat von Claudia Rankine, das ungefähr so lautet: "Weil Weiße ihre Vorstellungskraft nicht kontrollieren können, sterben schwarze Menschen". Seit einiger Zeit arbeite ich mit dem Kapuzenpulli als politisches und aufgeladenes Kleidungsstück. Das Tragen eines Hoodies ist eine klare Geste, die sagt: "Lasst mich in Ruhe, ich will nicht gesehen werden". Aber besonders für Schwarze kann das Tragen eines Hoodies gefährlich sein, weil sie von außen, zum Beispiel von der Polizei, als Gefahr wahrgenommen werden. Mich reizt es, über die Erwartungen, die wir haben, und die Auswirkungen von Körpern nachzudenken. Wenn man versucht, sich zu verstecken, wird man noch sichtbarer. Das ist auch bei meinen Skulpturen der Fall. Sie bewegen sich zwischen Unsichtbarkeit und Hypervisibilität.

Sie leben in Oslo und Berlin. Was ist für Sie der größte Unterschied zwischen den beiden Städten?

In Berlin schaue ich mir definitiv mehr Kunst an, und man nimmt es schnell als selbstverständlich hin, dass es immer großartige Ausstellungen gibt. In Oslo schätze ich, dass sich die Kunstszene wirklich bemüht, diverser zu werden, und dass dafür auch Geld investiert wird. Weder Deutschland noch Norwegen sind in dieser Hinsicht besonders weit, denn die Kunstszene ist nach wie vor überwiegend weiß. Aber ich habe das Gefühl, dass sich die Dinge langsam, aber sicher ändern. Ich fühle mich zu einer jungen Szene hingezogen, die sich mit diesen Themen auseinandersetzt. Ich bin einfach froh, dass es überhaupt zur Sprache kommt. Auch die Natur ist für mich wichtig, auch wenn das seltsam klingt. In Oslo verbringe ich viel Zeit in den Wäldern.