Autorin Mithu Sanyal über Identität

"Auf Gemälden bist du abwesend, erotischer Hintergrund, Dienerin oder Sklavin"

Die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal 
Foto: Guido Schiefer

Die Kulturwissenschaftlerin Mithu Sanyal 

In ihrem Debütroman "Identitti" verarbeitet die in Düsseldorf lebende Autorin Mithu Sanyal eigene Erfahrungen mit Rassismus. Ein Gespräch über falsche Inderinnen und echtes Shitstorm-Wetter

Frau Sanyal, Sie sind gelernte Kulturwissenschaftlerin, haben über die Vulva und über Vergewaltigung geschrieben, und auch in Ihrem Debütroman "Identitti" gibt es viel zu lernen. Zum Beispiel: Was bedeutet das Schimpfwort "Kokosnuss"?

Das ist mir zum ersten Mal in England in indischen oder pakistanischen Communitys begegnet für vermeintlich "verwestlichte" Menschen: außen braun, innen weiß. Das ist total gemein. Denn wenn man außen braun aussieht, nutzt es einem gar nichts, innen 'verwestlicht' zu sein, man hat trotzdem kein Ticket in die Dominanzgesellschaft. Was darin steckt ist: "Du kannst auf allen Ebenen nur verlieren." Aber wie kann man überhaupt von innen braun sein? Das ist das Thema meines Buches.

Man wird darin unter anderem darüber aufgeklärt, was für Unverschämtheiten man erleidet, wenn man als Frau mit indischem Aussehen in Düsseldorf aufwächst, so wie die Erzählerin Nivedita und wie Sie im Übrigen auch.

Nivedita ist nicht autobiografisch, sie ist ja viel jünger als ich. Aber viele der Erfahrungen in dem Roman sind es natürlich. Die erste Aufgabe, die Nivedita im Seminar ihrer Professorin Saraswati bekommt, ist ein race diary: Sie soll eine Woche lang aufschreiben, wo sie im Alltag mit race konfrontiert wird. Die Studierenden merken sehr schnell, dass es an jeder kleinen Ecke ist. Alleine in der Medizin ist das Wissen über Krankheitssymptome auf nicht weißer Haut schlicht nicht vorhanden. Ärzte und Ärztinnen können also noch so nett sein, sie können bei Untersuchungen nicht darauf achten. Ich werde manchmal von Leuten gefragt: "Hast du schon mal Rassismus erlebt?" Und ich denke: Wo fang ich an? Sie meinen aber eher: "Hat dich schon mal ein Nazi erklärtermaßen aufgrund deiner Hautfarbe zusammengeschlagen?" Die Frage, die sich Nivedita im Roman stellt, ist ja: Wo bist du im Gefüge der Realität verortet? Auf allen großen Bildern des Abendlandes bist du die Dienerin oder abwesend oder erotischer Hintergrund oder Sklavin.

Nivedita ist – auch wie Sie – das, was man "mixed race" nennt, ihr Vater stammt aus Indien, die Mutter aus Polen.

Nivedita fällt durch alle Raster, und darüber gibt es zu wenig Erzählungen. Einmal sagt eine Freundin ihr begeistert: "Du spielst eine Rolle in einer Geschichte von mir." Und dann liest Nivedita den Text und merkt: Sie ist das indische Mädchen, das Räucherstäbchen mag und mit Kurkuma und Kardamom kocht. Dabei ist sie allergisch gegen Kardamom. Das weiß ihre Freundin auch.

Kennen Sie das Problem?

Wenn ich mit alten Freundinnen essen gehe und etwas mit Fleisch bestelle, rufen die häufig den Kellner und sagen: Mithu ist Vegetarierin. Bin ich nicht. Das Klischee ist so viel wirkmächtiger als die Wirklichkeit. Als Nivedita zum ersten Mal mit einem – weißen – Jungen schläft, sagt er: Jetzt bist du Schokoeis am Stil. Das ist tatsächlich ein größeres Forschungsthema, an dem ich gerade arbeite: Wie sich Rassismus, Exotisierungen etcetera auf intime Beziehungen auswirken. Sie hat in dem Moment sofort einen Orgasmus. Klar. Es ist auch eine Selbstexotisierung. Die Welt ist ja nicht rassistisch und man selbst davon getrennt, man ist Teil davon. Selbstwahrnehmung ist immer eine Kombination von Fremdwahrnehmung und Eigenwahrnehmung, die in irgendeiner Form kongruent werden müssen.

Niveditas Professorin Saraswati im Roman hat sich fälschlich als Inderin ausgegeben – der Plot ist eine Adaption eines realen Falles aus den USA. Als der Schwindel herauskommt, gibt es einen riesigen Shitstorm. Warum will Saraswati lieber indisch sein als weiß?

Das ist ja die Frage, die sich auch Nivedita die ganze Zeit stellt: Was ist eine echte Inderin? Denn sie fühlt sich ja niemals "echt genug", weder für Indien noch für Deutschland und erst recht nicht für Polen. Es wird heute viel mit Authentizität argumentiert. Aber darfst du nur über Frösche sprechen, wenn du selbst ein Frosch bist? Trotzdem ist das, was Saraswati macht, ja ein Regelbruch. Nur worin besteht dieser genau? Das Konzept von Weißsein ist im Zusammenhang mit der Sklaverei entstanden. Die europäischen Menschen, die den transatlantischen Sklavenhandel rechtfertigen wollten, haben das Weiße als Herrenrasse definiert. Danach ist Weißsein fast unsichtbar geworden, weil es als die Norm betrachtet wurde. Wir haben Weißsein nicht menschlich definiert. Saraswati will mit ihrer Hautfarbe diese kollektive Schuld abstreifen.

Im Roman fällt der schöne Satz: "Weißsein ist nicht cool."

Nicht weiß zu sein ist tatsächlich eine Popkultur-Währung geworden. Wenn auch nur in bestimmten Blasen. Das ist die andere Seite der Unterdrückung, dass dadurch POC-/Schwarzsein zu der Farbe des Widerstands wird. Aber auch Weißsein ist ja ein Konstrukt.

Was kann die weiße Seite gewinnen, wenn man die Konstrukte aufbricht?

Menschlichkeit, nicht mehr nur Täterin oder Täter sein zu müssen. Da bin ich d’accord mit meiner Figur Saraswati: Man muss auch an die Konstruktion von Weißsein rangehen. Aber das passiert nicht einfach durch das Leugnen der eigenen Biografie. In den aktuellen Debatten gibt es diesen Unterton: "Schäm dich dafür, dass du weiß bist." Das ist Quatsch, denn Schämen bringt uns nirgendwohin. Weißsein ist kein Charaktermangel, es ist eine soziale Position.

Diskussionen zur sogenannten Identitätspolitik werden heute sehr polarisiert geführt – während Ihr Buch ständig versucht, eindeutige Positionen zu vermeiden. Haben Sie beim Schreiben schon an die Shitstorms gedacht, die damit auf Sie zukommen könnten?

Ich habe seit Jahren aufgegeben, darüber nachzudenken. Wenn du über Rassismus schreibst, wirst du Dinge falsch machen. Darum geht es ja auch: Fehler machen und daraus lernen dürfen und trotzdem im Gespräch bleiben.

Am Ende des Romans reden alle mit der Göttin Kali, von der man auch tolle Sextipps kriegt. Wie bekommt man einen guten Draht zu ihr?

Also ich rede sehr häufig mit ihr, das ist wahrscheinlich der autobiografischste Anteil an dem Roman ... Mir war es sehr wichtig, auch als Referenz an Salman Rushdie, diese Ebene des magischen Realismus, mit im Roman drin zu haben. Es geht ja um sehr tiefe und sehr alte Wunden, und wenn wir über Heilung nachdenken wollen, brauchen wir mehr als nur Analyse. Wir brauchen ... eine Göttin, die die Toten erwecken kann und beim Sex oben liegt.