Rückgabeforderungen

Museen in Paris und Berlin wollen bei Kolonialkunst zusammenarbeiten

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Hermann Parzinger (r), Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, und Stéphane Martin, Direktor des Pariser Museum Quai Branly

Für die Rückgabe von Kolonialkunst sind in Deutschland und Frankreich politische Vorgaben deutlich formuliert. Grundlage dafür ist auch ein Bericht der Wissenschaftler Felwine Sarr und Bénédicte Savoy für Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, in dem eine umfassende Restitution gefordert wird. Doch viele Museen und Experten sehen sich im Zwiespalt zwischen Rückgabe und Erhalt. Nun plädieren mit der Berliner Stiftung Preußischer Kulturbesitz und dem Pariser Museum Quai Branly zwei der größten Einrichtungen für außereuropäische Kulturen für Umdenken und Gemeinsamkeit. Die Präsidenten Hermann Parzinger und Stéphane Martin trafen sich mit der Deutschen Presse-Agentur in Paris zum Doppelinterview. Dabei wurden auch Unterschiede deutlich

Wer muss sich die Frage nach Restitution von zu Unrecht nach Europa gelangten Objekten stellen?
Hermann Parzinger: Das ist eine Problematik, die ehemalige Kolonialmächte wie Frankreich, Deutschland, Belgien oder Großbritannien genauso betrifft wie Länder wie Österreich, die zwar keine Kolonien hatten, aber über Sammlungen aus Kolonialgebieten verfügen. Natürlich kann jedes Land selbst entscheiden, wie es mit dem Thema umgeht, und es gibt vielleicht auch unterschiedliche Perspektiven. Aber es wäre besser, eine gemeinsame Position zu entwickeln, in der die Erfahrungen der Museumsexperten berücksichtigt werden.

Gibt es da Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich?
Parzinger: Die Situation beider Länder ist vergleichbar. Natürlich gibt es in Frankreich den Sarr/Savoy-Bericht und die Rede von Präsident Emmanuel Macron in Ouagadougou. Deswegen sieht es so aus, als wäre Frankreich weiter. Aber die Details sind immer etwas komplizierter. Wir suchen in Deutschland gemeinsam mit der Politik einen Weg, mit diesem Thema angemessen umzugehen, was wir konkret tun sollten. Extrempositionen, ob für oder gegen Restitution, funktionieren für uns nicht.

In Frankreich ist der Bericht nicht nur von Museumsdirektoren kritisiert worden. Was werfen Sie dem Bericht vor?
Martin: Für diesen Bericht gibt es in Frankreich keine klare juristische Situation, er ist für die französischen Museen nicht bindend. Er enthält eine Serie von Vorschlägen, zu denen sich die Regierung noch nicht geäußert hat.

Parzinger: Das Thema hat eine stärkere Dynamik bekommen, was gut ist. Es war das Problem des Berichts, dass er von bekannten Persönlichkeiten erstellt wurde, aber über die Köpfe der Museumsverantwortlichen hinweg. Warum nicht die Experten der Museen und unterschiedliche Perspektiven in die Diskussion einbeziehen? Wir wollen herausfinden, wo wir neu denken müssen und wie wir angemessen mit den Sammlungen umgehen wollen. Aber das kann man nur gemeinsam machen.

Der Bericht wurde von vielen als museumsfeindlich bezeichnet. Warum?
Martin: Der Bericht schlägt vor, dass die Restitution des Kulturguts nicht unbedingt an ein Museum erfolgen muss. Es kann auch an jemand anderes zurückgegeben werden oder seine traditionelle Funktion wieder einnehmen. Aber vor allem wird das Problem in der Rechtmäßigkeit der Umstände gesehen, unter denen die Werke in die westlichen Museen gelangt sind.

Parzinger: Es geht nicht darum, wer schneller ist mit Restitutionen. Die Frage ist vielmehr, welches die richtigen Wege sind und dafür braucht es einen Austausch von Sichtweisen und Erfahrungen. Also nicht die Türen verschließen, sondern sich Öffnen für Austausch, um eine gemeinsame Position zu finden, die der Verantwortung ehemaliger Kolonialmächte gerecht wird.

Martin: Natürlich ist es legitim, auf die afrikanische Kunst einen historischen, postkolonialen und ideologischen Blick zu werfen und über das koloniale Joch zu debattieren, das Afrika erdulden musste, sowie über den Verlust seiner Identität und Kultur. Doch Macron hat das Problem der kulturellen Verbreitung angesprochen: Was kann man tun, damit junge Afrikaner nicht nach Berlin oder Paris müssen, um in den Museen ihre eigene Kultur zu sehen?

Wie könnte das funktionieren?
Martin: Durch eine gemeinsame Politik auf Museumsebene und durch eine Ausweitung der kulturellen Geografie. Aber dafür dürfen die Werke nicht als Totems gesehen werden, um die ehemaligen Kolonialmächte zu bestrafen. Sie müssen der Antrieb zu dieser neuen Geografie sein. Wir müssen also über die Frage der Erinnerungskultur hinausgehen.

Parzinger: Dekolonisierung bedeutet nicht einfach nur, dass ein Museum etwas zurückgibt, sondern auch den Ursprungsgemeinschaften eine Stimme zu geben. Restitution ist auch eine Frage gesetzlicher Regelungen oder zumindest verlässlicher Grundlagen. Kein Museumsdirektor kann einfach Kolonial-Objekte zurückgeben.

Könnten Sie diese neue kulturelle Geografie näher beschreiben?
Martin: Die Erweiterung der kulturellen Geografie ist in vollem Gange, vor allem in Asien. In China entsteht fast jeden Monat ein Museum. Es gibt immer mehr Akteure. Ich glaube, Präsident Macron hat absolut Recht, wenn er sagt, dass man nicht akzeptieren könne, dass Afrika davon ausgeschlossen sei. Deshalb müssen wir unsere Erfahrungen austauschen und zusammenarbeiten.

Wie kann das aussehen?
Parzinger: Für uns Europäer ist es nicht so einfach, schnell einmal ein Museum in einem afrikanischen Land zu bauen. Es gibt in vielen Ländern Afrikas auch andere Bedürfnisse, zumal dort ja Museen bereits existieren. Vielfach verfügen sie aber zum Beispiel über keine geeigneten Restaurierungswerkstätten. Hier ließen sich mit überschaubaren finanziellen Mitteln kurzfristig enorm wichtige und vor allem nachhaltige Strukturen schaffen, die Schulung von Spezialisten oder Restauratoren eingeschlossen.

Gibt es da Beispiele?
Parzinger: In Minja in Mittelägypten ist das Gebäude für das dortige Amarna-Museum praktisch fertig, aber der Innenausbau fehlt noch. Hier wollen wir mit Mitteln des Bundes und vor allem der Expertise unserer Fachleute unterstützen. Oder der Neubau des großen Ägyptischen Museums in Gizeh bei Kairo. Mit Mitteln der EU leisten dort die vier großen ägyptischen Sammlungen in Europa - Turin, Paris, London und Berlin - Unterstützung und beraten. Etwa in Baufragen verfügen wir über eine besondere Expertise.

Martin: Gabun will ein Museum gründen und ist mit dem Wunsch um Expertise an uns herangetreten. Die geografische kulturelle Erweiterung geht zügig voran. Um sie weiter voranzutreiben, dürfen Restitutionen kein Tabu sein. Dieses Kulturerbe gehört der gesamten Menschheit. Wir sind nicht Besitzer dieser Objekte.

Mit der Debatte ist der Begriff Zirkulation aufgetaucht. Also doch keine Restitution?
Parzinger: Wenn wir von Zirkulation sprechen, bedeutet das nicht: Türen zu und nichts zurückgeben. Objekte, die in Unrechtszusammenhängen stehen, sollten zurückgegeben werden. Aber wir müssen gemeinsam prüfen, woher Objekte stammen, in welchen Zusammenhängen sie stehen.

Wie kann das geprüft werden?
Parzinger: Die Digitalisierung ist für uns zentral. Derzeit läuft ein Projekt zur Digitalisierung sämtlicher Erwerbungsunterlagen unseres Ethnologischen Museums vom 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Hier wollen wir maximale Transparenz, aber bei einer halben Million Objekten braucht das etwas Zeit.

Gibt es auch Zusammenarbeit zu den Objekten in Europa?
Parzinger: Im Humboldt Forum war von Beginn an klar, dass wir auch Objekte aus Kamerun und anderen ehemaligen deutschen Kolonien zeigen wollen. Dabei ist die Kooperation mit den Herkunftsländern zentral. Derzeit arbeiten wir zum Beispiel mit Kuratoren aus Tansania zusammen, die ihren Blick auf die deutsche Kolonialgeschichte zeigen werden. Sie erzählen die Geschichte des Maji-Maji-Krieges, und danach wollen wir diese Objekte zurückgeben.

Welche Rolle können Museen in Europa für die Vermittlung spielen?
Martin: Ich glaube, dass das Quai Branly in den 13 Jahren seines Bestehens die Perspektive nicht-westlicher Kulturen - nicht nur afrikanischer - für die Franzosen grundlegend verändert hat. Es hat diesen Kulturen den Platz eingeräumt, den sie verdienen. Kunstgeschichte findet nicht mehr nur zwischen Jeff Koons und Mesopotamien statt. Die Eröffnung des Humboldt Forums wird in dieser Hinsicht noch wichtiger sein.

Parzinger: Museen waren nie statisch. Sie haben sich immer mit der Gesellschaft verändert, und das müssen sie auch. Das ist auch eine Arbeit für die Zukunft. Das ist eine große Chance für das Humboldt Forum, weil sich inzwischen viel mehr Menschen für diese Debatte interessieren, für die Art der Kooperation mit den Herkunftsländern und den betroffenen Ursprungsgesellschaften. Der immer wieder vorgebrachte und gleichzeitig hinterfragte Dialog der Kulturen im Humboldt Forum hat nun ein Thema, eine wirkliche Debatte, die auf großes Interesse stößt. Auf die zunehmende Aktualität der deutschen Kolonialgeschichte in unserer Öffentlichkeit muss das Humboldt Forum reagieren. Und es wird darauf reagieren.

 

ZU DEN PERSONEN:

Hermann Parzinger ist seit 2008 Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Der habilitierter Prähistoriker leitet daneben Ausgrabungs- und Forschungsprojekte. Der in München geborene Parzinger studierte dort und in Saarbrücken. Er war unter anderem Vize-Direktor der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts in Frankfurt/Main, Direktor der Eurasien-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts in Berlin und Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts.

Stéphane Martin stammt aus Neuilly-sur-Seine bei Paris. Nach der Eliteschule ENA ging er an den französischen Rechnungshof. Später wirkte er am Centre Georges Pompidou und im französischen Kulturministerium. 1998 wurde er zum Gründungsdirektor des Museums Quai Branly berufen, das er seit der Eröffnung 2006 auch leitet.