Neue Nationalgalerie Berlin

Abstraktion und Modernismus laden stilvoll zur Party

In Berlin zeigt die frisch herausgeputzte Neue Nationalgalerie ihre ersten Ausstellungen. Alexander Calder steht für eine verspielte Moderne, und die Sammlung ist angenehm klar kuratiert. Das Highlight ist aber ein anderes

Hööm, höööm macht der Motor, sodass man sich die Ohren zuhalten möchte. Alexander Rover, Enkel des Künstlers Alexander Calder und Leiter der New Yorker Calder-Foundation, hat mal kurz das Gaspedal durchgetreten. Auf die Ehrenrunde um die Neue Nationalgalerie hat er allerdings verzichtet: Das künstlerisch gestaltete Rennauto, eine identische Kopie des von Alexander Calder 1975 in ein Kunstwerk verwandelten BMWs, bleibt brav als Ausstellungsstück vor dem Eingang des frisch sanierten Museums stehen.

Die Neueröffnung von Ludwig Mies van der Rohes Neuer Nationalgalerie ist auch so schon spektakulär genug. Die Architektur des Gebäudes, von Chipperfield Architects in sechsjähriger Sanierungszeit zu einem wahren Juwel poliert, ist dem Publikum im Frühsommer bereits kurz leer gezeigt worden. Jetzt folgen die ersten Ausstellungen, die am Sonntag, 22. August, für Publikum öffnen: eine Neupräsentation der Sammlung im Untergeschoss, eine Einzelausstellung der Filmkünstlerin Rosa Barba und eine Schau des Meisters der kinetischen Kunst Alexander Calder in der großen Glashalle im Obergeschoss.

Schon die Eröffnung der Neuen Nationalgalerie 1965 wurde mit Calders raumgreifend geschwungener Stahlskulptur "Têtes et Queue" gefeiert, die nach der Sanierung auf die grauen Steinquader vor dem Gebäude zurückgekehrt ist. Innen kombiniert und kontrastiert die erste Berliner Calder-Ausstellung seit über 50 Jahren unter dem Motto "Minimal / Maximal" einige späte, monumentale Hauptwerke mit sorgfältig in Vitrinen präsentierten kleinen Objekten und Skulpturen, die in eine Handtasche passen würden. Mächtig und selbstbewusst thront die knapp sieben Meter hohe Stahlskulptur "Five Swords" von 1976 mit den elegant ineinandergeschobenen schwertartigen Formen in der makellos hergerichteten Glashalle. Den schwerelosen Kontrapunkt setzen einige Mobile-Skulpturen: Abstraktion und Modernismus laden stilvoll zur Party. Und die kleinen, in prekärer Balance ruhenden Gebilde aus Draht, Blech oder mal einem Löffel, die Zigarrenkiste mit den Mini-Figuren darin lassen das aufblitzen, was Calders Kunst so besonders und so zugänglich macht: die Lust am Spiel.

Vorläufer der heutigen Partizipationskunst

Hier findet die Ausstellung dann auch den Ansatz zu dem Versuch, den letztlich doch sehr elitären Modernismus der Neuen Nationalgalerie aufzubrechen und in Calder einen Vorläufer der heutigen Partizipationskunst zu finden. Nicht nur werden einige Installationen zu bestimmten Zeiten in Bewegung gesetzt, es steht auch ein vom Künstler gestaltetes Schachspiel in mehreren Kopien für spielwillige Besucherinnen und Besucher bereit. Fragt sich nur, warum all die Pracht nach vorne hin mit einer hässlichen grauen Wand abgeschirmt wird – mehr Durchblick wäre schöner gewesen in diesem frisch geputzten Tempel der Transparenz.

Dafür gibt es im Untergeschoss in der ständigen Sammlung eine neue Offenheit im wörtliche Sinne: Zum ersten Mal seit Jahrzehnten kann man, wie von Mies van der Rohe ursprünglich geplant, durch eine offene Tür in den frisch hergerichteten Skulpturengarten spazieren – und fühlt sich zwischen den geschmackvollen Bronzeskulpturen vor grauen Betonplatten ein bisschen wie im MoMa. Wobei Mies van der Rohes Museum den großen Vorteil des menschlichen Maßes hat: Man kann den Parcours im Untergeschoss bequem und in angemessener Zeit durchwandern, ohne das Gefühl zu haben, einen Marathon zu absolvieren.

Die Sammlungspräsentation ist angenehm klar geraten, der Rundgang will das Museum nicht neu erfinden, sondern funktioniert gut als Einführung in die Strömungen der Moderne, zeigt die Hauptwerke der Sammlung und lässt gleichzeitig auch die Komplexität ihrer Geschichte von Teilung und Wiedervereinigung aufblitzen. Die Sammlung sei sehr männlich und eurozentrisch geprägt, sagte der Leiter der Nationalgalerie Joachim Jäger – dass dies durchaus als Aufgabe erkannt wurde, ist in der Präsentation immer wieder spürbar, wenn Abstraktionen von Hilma Af Klint als Leihgabe zu den Kandinskys gehängt werden oder der surrealistische Männerbund durch die Geschichte der argentinisch-italienische Malerin Leonor Fini gesprengt wird.

Eine kluge und eigenständige Annäherung an eine Ikone

Den starken Konterpart zum männlichen 20. Jahrhundert leistet aber Rosa Barba in ihrer Einzelausstellung, ebenfalls im Untergeschoss. Sie hat einen nie realisierten architektonischen Entwurf Mies van der Rohes in eine verschachtelte Ausstellungsarchitektur aus Eisengittern übersetzt,  in der große und kleine Filminstallationen und kinetischen Skulpturen ihren Platz finden, von poetischen abstrakten Farbstudien oder modifizierten Filmprojektoren bis zu längeren Feature-Filmen. Der 16mm Fim "Enigmatic Whisper" von 2017 erforscht das Atelier des 1976 verstorbenen Alexander Calder im US-amerikanischen Connecticut mit der gleichen Aufmerksamkeit und Zartheit, wie man einen Menschen porträtieren würde.

Und die Neuproduktion "Plastic Limits" ist eine so kluge wie eigenständige Annäherung an die Neue Nationalgalerie selbst, gedreht unter anderem während der Sanierung. Barbas retrohafte 16mm-Ästhetik gräbt sich in die Ritzen des modernistischen Kubus und bringt die Geschlossenheit in Bewegung, sie füllt und verhüllt den transparenten Kubus mit weißem Rauch und zeigt den aufgerissenen Boden während der Bauarbeiten wie eine offene Wüstenlandschaft. Und ihr Soundtrack, bei dem unter anderem Jan St. Werner, Peaches und Eric D Clark beteiligt waren, macht die Füße zucken. Die Moderne ist unsere Antike – und unser Dancefloor.