"Marriage Story" in Venedig

Szenen einer Ehe

Scarlett Johansson (l-r), Azhy Robert Son und Adam Driver im Film "Marriage Story" von Regisseur Baumbach
Foto: Netflix/dpa

Scarlett Johansson (l-r), Azhy Robert Son und Adam Driver im Film "Marriage Story" von Regisseur Baumbach

Scarlett Johansson und Adam Driver brillieren in Noah Baumbachs Wettbewerbsfilm "Marriage Story" als Ehepaar, das sich scheiden lässt

Charlie und Nicole gelten als Traumpaar der New Yorker Off-Theaterszene. Die mit dem Regisseur verheiratete Schauspielerin spielt in den Stücken seiner Company die großen Rollen wie Sophokles' Elektra. Aber Nicole will sich trennen, ob auf Zeit oder vielleicht für immer, darüber ist sie sich noch nicht im Klaren. Ihre Freunde, Familienmitglieder und Kollegen können es nicht fassen. Ja gut, soll sie doch mit dem gemeinsamen, achtjährigen Sohn Henry für ein paar Monate nach Hollywood gehen, wo sie für die Hauptrolle eines Fantasy-Pilotfilms gecastet ist. Aber eine Trennung, sogar eine Scheidung von Charlie, dem hochintelligenten und witzigen Traummann? Dumme Idee!

Was setzt diese Frau aufs Spiel? So denkt auch der Zuschauer am Beginn des neuen, hinreißenden Films von Noah Baumbach ("Frances Ha"), der auf der Mostra von Venedig Premiere feierte. Die fantastischen Hauptdarsteller von "Marriage Story" stützen die Vermutung, dass die Protagonistin sich verrennt. Scarlett Johansson spielt Nicole anfangs als missgelaunte, hochnervöse Frau auf dem Sprung. Adam Driver als Charlie wirkt selbstsicher, obwohl irritiert von Nicoles Absetzbewegung.

Das Scheidungsdrama "Kramer gegen Kramer" von 1979 gibt das Muster vor. Auch dort kommt es zur Scheidung, auch dort gilt die größte Sorge dem Sohn. Dustin Hoffmann gab den opferbereiten Vater, der nach dem Verdikt des Scheidungsrichters das Sorgerecht verlieren soll. Meryl Streep verkörperte die egozentrische Mutter. Am Ende lässt sie den Jungen beim Ex-Mann. Doch Charlie und Nicole gehen einen anderen Weg.

Erzählung einer Ehe

Wie der Titel andeutet, ist "Marriage Story" nicht nur eine Scheidungsgeschichte, sondern die Erzählung einer Ehe. Dabei beschränken sich die Rückblenden auf die ersten fünf Filmminuten. Danach erzählt Baumbach in der Jetztzeit. Die Beziehung, obwohl angeknackst, geht ja weiter – sie zeigt nach dem Ehe-Aus sogar Facetten, die vorher niemand so recht wahrgenommen hatte. Irgendwann erscheint es dann mehr als fraglich, ob Charlie wirklich noch die Dustin-Hoffmann-Ehrennadel gebührt. 

Die Trennung der beiden Protagonisten vollzieht sich zunächst vor allem räumlich. Los Angeles und New York – dazwischen liegen Welten. Nicole zieht mit Henry nach Kalifornien, wo ihre Mutter und ihre Schwester leben. Die gewiefte Anwältin Nora Fanshaw (herrlich extrovertiert: Laura Dern) empfiehlt der noch Zaudernden die Scheidung. Gerichtsstand Los Angeles. Was bedeutet, dass man nach kalifornischen Regeln spielt: Man schenkt sich nichts. Wer dem, nun ja, Gegner nicht immer einen Schritt voraus ist, wird das Nachsehen haben. "Marriage Story" ist auch ein Film über ein auswucherndes Rechtssystem, über eine Dynamik, die Menschen zu Kombattanten macht.

Nora, alles andere als eine Winkeladvokatin, argumentiert aus grundsätzlicher emanzipatorischer Haltung. Früher, so die Anwältin, mussten alle Frauen der heiligen Maria gleichen und das Kind umsorgen. Männer durften abwesend sein wie Gottvater selbst ("He didn’t even fuck her!"). Im Prinzip hat Nora recht. Aber wie gesagt: Noch sind wir auf Charlies Seite. Bis sich das Blatt wendet.  

Zwischen Fast-Tragödie und Farce

Charlie, der bald zwischen Ost- und Westküste pendelt, weil seine Truppe ein neues Stück probt und er andererseits bei Henry sein will, sieht sich in Kalifornien vor vollendete Tatsachen gestellt. Am Ende einer Willkommensszene in der Küche von Nicoles Mutter (verstrahlt: Julie Hagerty), die Ernst Lubitsch nicht besser hätte inszenieren können, hält Charlie verdutzt einen Umschlag mit Scheidungspapieren in der Hand. Er nimmt sich einen Anwalt der bedächtigen Sorte. Als Charlie begreift, dass die Forderungen der Gegenseite seine Company in den Ruin zu treiben drohen, bringt er sich doch in Stellung. Er wechselt zu einem Anwalt, der Nora Paroli bietet.

Ein Rosenkrieg bahnt sich an, bei dem es vor allem darum geht, Banalitäten vor Gericht aufzubauschen. Henry ist in dieser Gemengelage kaum mehr als ein Zankapfel. Seine Eltern sehen sich mit Zerrbildern ihrer selbst konfrontiert. Nicole trinkt mal ein Glas Wein mehr? Alkoholikerin! Charlie hat den Kindersitz nicht fachgerecht ins Auto installieren lassen? Rabenvater! Für den Scheidungsprozess gilt, was Baumbach (Buch und Regie) durchweg gelingt: Die Balance zwischen Fast-Tragödie und Farce. Sein Film ist Beziehungsdrama und Screwball-Comedy zugleich. Reich an Tonlagen, scheint "Marriage Story" mitunter sogar auf eine Thrillerhandlung zuzusteuern.

Am Ende wird gesungen

Der Richter vertagt die Verhandlung, Baumbach fährt das Paragraphentheater zurück und wechselt wieder ins Private. Aus Nicoles und Charlies Versuch, sich auf ihre Verbundenheit und das Kindeswohl zu besinnen, entwickelt sich eine der stärksten Dialogszenen, die man seit langem im Kino gesehen hat.

Nun erst dämmert uns, dass Nicoles Distanzierung triftige Gründe hat – und dass es mit Charlies Selbstkenntnis nicht weit her ist. Baumbach entfesselt einen glänzend von den Hauptdarstellern exekutierten Streit, der in einem Zornesausbruch von Charlie mündet. Adam Driver durchlebt diese seelische Bankrotterklärung mit unheimlicher Konzentration. Wie man auch Scarlett Johannson kaum je so porös und emotional erlebt hat wie in diesem Film. 

Am Ende von "Marriage Story", wenn die Wunden geleckt und einige Scherben zusammengekehrt sind, wird gesungen. Nein, kein Duett. In L.A. performt Nicole mit Mutter und Schwester ein wildes Trio: "You Could Drive a Person Crazy". In New York stimmt Charlie in einer Theaterkneipe eine Hymne an das Weiterleben und Weiterlieben an, dass kein Auge trocken bleibt: "Being Alive". Beide Songs stammen übrigens aus Stephen Sondheims Musical "Company". Die Verbindung fällt nicht gleich auf. Aber sie ist da, wie vieles, das bleibt zwischen Charlie und Nicole.

Wer gewinnt den Wettbewerb?

Nach "Roma", der vergangenes Jahr den Goldenen Löwen gewann, bringt Netflix wieder einen unerhört starken Film in den Wettbewerb. Anders als Cannes hat Venedig zwar kein Problem damit, Produktionen des Streaming-Anbieters einzuladen, aber als Hauptsieger wird "Marriage Story" eher nicht durchs Ziel gehen.

Vorstellbar ist, dass "Joker" gewinnt, Olivier Assayas’ im Kuba und Florida der 90er angesiedelter "Wasp Network" oder – besonderer Favorit – "Babyteeth" über eine krebskranke Teenagerin, die sich in einen Junkie verliebt. Klingt deprimierend, ist aber wunderleicht und mit einer kräftigen Dosis Humor erzählt. "Milchzahn"-Regisseurin Shannon Murphy ist eine von nur zwei Regisseurinnen im Wettbewerb. Sie wird sicher einen der Preise nach Hause nehmen.