Performancekünstler Kjartansson

"Unsere gesamte Kultur handelt von der Unterdrückung von Frauen"

Rock-Musik ist ein tragendes Element in der Kunst von Ragnar Kjartansson. Weil sie aber oft frauenfeindliche Inhalte transportiert, lässt der isländische Künstler Frauen die Liebeslieder des Patriarchats performen

Herr Kjartansson, Sie haben schon sehr männlichen Rock in Ihren Performances auftauchen lassen. Wann ist Ihnen aufgefallen, dass Rockmusik oft frauenfeindliche Inhalte transportiert?

Das hat mir sehr langsam gedämmert. Ich habe mich immer geweigert, es zu verstehen. Ich bin immer noch dabei.

Hat eine Frau es Ihnen verraten?

Viele Frauen haben es mir gesagt! Aber ich habe mir die Ohren zugehalten.

Zuletzt ließen Sie für Ihre Performance "Romantic Songs of the Patriarchy" Musikerinnen im Guggenheim Museum in New York frauenfeindliche Songs von Männern spielen.

Es geht ja nicht nur um Rockmusik, es ist unsere Kultur allgemein. Einfach alles handelt von der Unterdrückung von Frauen. Rock- und Popmusik ist ein gutes Beispiel. Es ist so ein tolles Werkzeug der Unterwerfung.

Finden Sie die Songs schlecht, die Ihre Performerinnen da spielen?

Überhaupt nicht. Das ist fantastische Musik von tollen Songwritern – ein paar Frauen sind auch dabei. Sie sind ein Erzeugnis der Kultur. Sie sind nicht bewusst frauenfeindlich. Die Leute dachten, sie schreiben über Leidenschaft. Und dann heißt es: "You say you don’t like it, but girl I know you’re a liar, 'cause when we kiss ... ooooh, fire." Bruce Springsteen hatte keine Ahnung, dass er da gerade ein System der Unter­drückung stützt. Ich bin ja auch kein bisschen besser als die Männer, die diese Musik geschrieben haben. Ich will nicht sagen: Schaut diese Typen an. Ich sage: Schaut uns an!

Und dann?

Wir müssen unser Bewusstsein komplett ändern. Ein Reset. Ich arbeite gerade persönlich daran, als ein Mann.

Fühlen Sie sich jetzt unsicherer in Ihrer Rolle als Mann?

Das habe ich mal gedacht. Aber die Idee der männlichen Unsicherheit ist nur eine andere Form, um die Unterdrückung aufrechtzuerhalten. Wir Männer kommen mit diesem neuen Ding: Okay, früher haben wir euch gezwungen, die Klappe zu halten, jetzt jammern wir: "Es ist so schwierig, ein Mann zu sein..." Das ist nur die nächste Runde in diesem Spiel.

Aber wie wird der neue Mann sein?

Einfach nicht gewalttätig, und er wird keine Frauen unterdrücken.

Klingt gut.

Wir verstehen ja auch das Konzept von Gewalt falsch. Es geht nicht nur darum, jemanden zu hassen, zu strangulieren, zu vergewaltigen. Es ist auch diese ständige mentale Scheiße, die durch die Kultur schwappt und durch das Leben der Leute.

Aber warum sich überhaupt noch mit den misogynen Kulturerzeugnissen beschäftigen?

Um uns das Problem bewusster zu machen! Es geht um diese männliche Anspruchshaltung. Männer glauben, ihnen stehen bestimmte Dinge zu. Wenn man darüber nachdenkt, dann fällt es einem in allen Songs auf, in der Werbung, überall. Wenn wir das ganze misogyne Zeug aus der Vergangenheit wirklich canceln, dann bleibt nichts mehr übrig. Wie nach einem Atombombenabwurf. Das wäre natürlich erfrischend. Aber ich würde das nicht gut finden. Man kann über die Werke der Vergangenheit nicht mit den Kriterien von heute urteilen.

Kennen Sie gute Liebeslieder von Frauen über Männer?

Ja. Die sind viel komplizierter. Ein Liebeslied von Joni Mitchell ist komplex oder auch ein Song von Cardi B. Deswegen wird Musik von Frauen gerade immer wichtiger, weil sie nuancierter ist. Es ist nicht nur: "I want you baby baby in my bed..." Einer meiner Lieblingssongs ist "A Case of You" von Joni Mitchell:

Just before our love got lost you said
I am as constant as a northern star
And I said, "Constantly in the darkness
Where’s that at?
If you want me I’ll be in the bar"

Ein Mann könnte so was niemals schreiben.