Etsdorf

Angela Merkel gibt es jetzt als Reiterinstandbild

Hoch zu Ross hat man Noch-Kanzlerin Angela Merkel bisher noch nie gesehen. Der Künstler Wilhelm Koch hat der Politikerin nun ein Denkmal im Stil von monumentalen Reiterstatuen gewidmet

Historisch bedeutende Männer auf Pferden finden sich als Statuen auf den meisten repräsentativen Plätzen dieser Welt. Frauen gibt es im Genre des Reiterstandbildes nur sehr selten (eine prominente Ausnahme ist die französische Nationalheilige Johanna von Orléans). Denn erstens hatten diese lange keinen Zugang zu Formen der Macht, die eine solche Würdigung nach sich ziehen könnten - diese kommt schließlich vor allem für verdiente Kriegsherren zum Einsatz. Und zweitens war auch das Reiten selbst, zumal im frontalen, breitbeinigen Sitz, in westlichen Gesellschaften für Frauen lange verpönt.

Nun hat die Kunstform Reiterinskulptur jedoch einen prominenten Neuzugang bekommen, denn an diesem Wochenende wurde im bayerischen Etsdorf ein lebensgroßes Betondenkmal aus dem 3-D-Drucker enthüllt, das die noch amtierende deutsche Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hoch zu Ross zeigt. Verantwortlich dafür ist der Künstler Wilhelm Koch, der unter anderem als Leiter des Amberger Luftmuseums bekannt und auch als Verleger tätig ist.

Selbst in dieser prestigeträchtigen Pose zu Pferd wirkt die langjährige Herrscherin der Bundesrepublik Deutschland in Kochs Ausführung eher bescheiden als pathetisch. Die Hände liegen in klassischer Raute im Schoß, ihre unheroische Ausstattung besteht aus der bekannten schlichten Sakko-Kanzlerin-Uniform, und auch das Reittier ist ohne Sattel und Zaumzeug schlicht und schmucklos. 

Wenn diese Merkel-Darstellung ein wenig irritiert, ist das durchaus beabsichtigt, denn Koch reagiert mit seinem Reiterstandbild auf die Foto-Ausstellung "Pferd und Reiter/in", die auf einem Buch des Autors Till Briegleb basiert und sich noch bis Dezember im Etsdorfer Tempel Museum mit dem Genre des Reiterstandbildes auseinandersetzt. Eine These der Schau ist, dass diese Form für die heutige Würdigung von Staatsoberhäuptern eher unbrauchbar ist und höchstens ironisch zu lesen ist. "Kann sich irgendwer Angela Merkel als Reiterstandbild vor dem Kanzleramt vorstellen?", fragt sich Briegleb. Wilhelm Koch nimmt diese Frage auf - jedoch steht seine Arbeit eben nicht vor einer repräsentativen Behörde auf einem Sockel, sondern direkt auf dem Boden vor einem Museum.

Genre mit verdrehten Vorzeichen

In den vergangenen Jahren hat das Denkmal mit Reittier eher dadurch öffentliche Aufmerksamkeit bekommen, dass es vor allem für historische Personen verwendet wurde, die im Zusammenhang mit kolonialem Unrecht und autoritärer Herrschaft stehen. In Charlottesville/Virginia wurde nach jahrelangem Streit ein Reiterstandbild des Konföderierten-General Robert E. Lee entferntDie damals weitgehend landwirtschaftlich geprägten Südstaaten wehrten sich unter Lees Führung vehement gegen die Abschaffung der Sklaverei und gegen mehr Rechte für schwarze Menschen. Lee wird von der rechten Szene in den USA als Held verklärt. Bei Aufmärschen von teils rechtsextremen Gruppen kam eine Gegendemonstrantin 2017 durch einen Anschlag mit einem Auto ums Leben.

Dass das Genre mit umgedrehten Vorzeichen durchaus produktiv sein kann, zeigt zum Beispiel der Künstler Kehinde Wiley, der 2019 auf dem New Yorker Times Square eine Statue eines schwarzen jungen Mannes zu Pferde aufstellte. Der Reiter mit Dreadlocks und Hoodie trägt keinen berühmten Namen und erinnert statt an eine vermeintliche Heldentat an einen blinden Fleck der Geschichte.

Für identitätspolitische Debatten taugt das Reiterinstandbild von Angela Merkel wohl eher nicht. Aber es kann durchaus produktiv sein, darüber nachzudenken, warum uns ein Reiterinstandbild einer der mächtigsten Frauen der Welt auf den ersten Blick absurd vorkommt. Gerade, wenn uns immer noch so viele reitende Männer im öffentlichen Raum umgeben.