Gruppenschau

Potenzial im Unbekannten

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Im Haus der Kunst in München folgt die Gruppenschau "Blind Faith" dem Bauchgefühl

Diese Ausstellung ist eine große Anfechtung, trotzdem wirkt sie beruhigend wie eine aufgelegte Hand bei Bauchweh. Die Gruppenschau "Blind Faith" setzt der derzeitigen großen Orientierungslosigkeit die Intuition als innere Kompassnadel entgegen. Der Körper ist hier nicht Leistungsträger, Symbol oder Resonanzraum der Zumutungen der Gegenwart, sondern ein System, dessen größte Leistungen jenseits von Messbarkeit und Datenauswertung liegen.

Die Kunst von Mariechen Danz könnte ideenstiftend für diese ausgezeichnet kuratierte Ausstellung gewesen sein. Ihre seit Jahren entwickelten Entwürfe von "Unlearning" und "Unmapping" des Körpers, Vorschläge einer alternativen Erzählung, eines anderen Wissens über uns, sind im ersten Saal so installiert, als befinde man sich gleichzeitig in einer Anarcho-Anatomiestunde und im eigenen Körper. Eine lebensgroße, geschlechtslose, im Zentrum liegende Figur soll berührt werden, sie ist warm und wird schon beim ersten vorsichtigen Tasten zum taktilen Gegenüber. Danz verkörpert ihre Lektionen in Performances auch selbst, am 9. Juni tritt sie in ihrer Instal­lation auf.

Cécile B. Evans' "Sprung a Leak" ist eine denkwürdige Familienaufstellung aus Robotern, die mit Videobildschirmen interagieren. Klar, dass der Körper heute nicht zu verwechseln ist mit irgendwelchen Konzepten von Natürlichkeit.

Künstler wie Ed Atkins oder Jon Rafman, deren virtuelle Bildproduktion unserer Empathiebereitschaft mit den Leblosen den Puls fühlt, passen ins Konzept, doch kommen die besten Arbeiten von Künstlerinnen: Marguerite Humeaus spekulative Dekonstruktionen unseres Weltbilds oder Olga Balemas in Latex gegossene Brüste, die sie in der Serie "Motherland" auf die Oberfläche von Schullandkarten setzt, Mariechen Danz' Raum oder ein Wandteppich von Otobong Ngkanga. Es geht nicht um "Healing", Achtsamkeit oder Rücksicht auf den Körper, sondern um das aufregende Potenzial im Unbekannten, das wir selbst sind.

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