VR-Kunst-Ausstellung

Bis hier und nicht weiter

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Im Friedrichshafener Zeppelin Museum geht die virtuelle Realität an ihre Grenzen

Man reitet, läuft, fliegt oder fährt, und plötzlich steht man am Ende. Wikipedia definiert den Begriff "Welt" außerordentlich poetisch als "all das, was ist" – aber in der digitalen Welt gibt es klar umrissene Grenzen. Hinter irgendeinem Felsbruch oder der nächsten Straßenbarrikade hört die animierte Wirklichkeit auf zu sein, weil von hier an nicht weiterprogrammiert wurde. Harun Farocki hat in seiner Videoessayserie "Parallels" die Ränder von Videospielwelten erkundet, die sich all ihrer Komplexität zum Trotz bei näherer Betrachtung als Scheiben entpuppen. Neben räumlichen entdeckte er dabei auch soziale Grenzen: In manchen Spielen werden Vergehen wie das Anrempeln von Passanten mit Zurechtweisungen quittiert, in anderen bleiben sie ohne Folgen. Auch soziale Codes wollen programmiert werden.

In der Ausstellung "Schöne neue Welten" machen gerade jene Grenzen den Reiz der gezeigten Virtual-Reality-Arbeiten aus. Gelegentlich zuckt und ruckelt es, wenn man bei Florian Meisenberg dank Leap-Motion-Technologie mit den eigenen Händen virtuelle Drahtskulpturen zusammenbaut. Das Düsseldorfer Künstlerkollektiv Banz & Bowinkel lässt perfekt geformte Körper immer wieder vom Himmel herabregnen und zeigt im Moment des Aufpralls eine komplett anorganische Reaktion, die auf seltsame Weise befriedigend wirkt.

Und auch die Grenzen des sozialen Raums werden erforscht, wenn Halil­ Altındere die von der Gesellschaft nicht gewollten syrischen Flüchtlinge auf eine "Journey to Mars" schickt und man sich beim Nest Collective als Gestrandeter auf einem von einer afrikanischen Kolonie besiedelten Planeten einer unangenehmen Frage stellen muss: Würden schwarze Welten existieren, wärst du in ihnen willkommen? Die Konstruiertheit digitaler Welten wird von den Künstlern anerkannt und zelebriert – was gibt es schließlich Besseres, als neue Welten mit ihren eigenen Logiken zu erträumen? Und wie lassen sich gesellschaftliche Normen der realen Welt besser hinterfragen als durch das Festlegen eines Regelwerks für jene neuen Welten?

Mit dem Aufsetzen der VR-Brille, so hoffen die Künstler, legt sich ein Schleier des Nichtwissens über die Augen des Betrachters. Ob VR durch jenes politische Potenzial zu einem solchen Möglichkeitsraum wird, wie es das Internet in seinen Anfangsjahren war, wird sich zeigen. Noch, so verrät uns ein Wandtext, dient vornehmlich die Pornoindus­trie als Innovationsmotor der Technologie.

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