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Doku fragt Künstler nach Geheimnis ihrer Kreativität

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Warum beschäftigt sich ein Regisseur 30 Jahre lang mit demselben Thema? Hermann Vaske folgte Architekten, Modedesignern, Schauspielern, Musikern und auch bildenden Künstlern rund um den Globus, um ihnen eine einzige Frage zu stellen: "Why are you creative?" Das minimalistische Konzept geht leider nicht auf, denn nur die wenigsten steuern ergiebige Antworten bei

Eigentlich gehört er selbst zu dem Verein. Hermann Vaske hat schon in der Werbebranche gearbeitet und Filme über Dennis Hopper, Udo Kier und "Die Kunst des Fußballs" gedreht. Aber warum selbst kreativ sein, wenn man den Spiegel umdrehen kann? Vaske nähert sich dem etwas nebulösen Phänomen in Gesprächen mit qualifizierten Prominenten. Sein Langzeitprojekt "Why are you creative?"versammelt in gerade mal 82 Filmminuten eine auffällig männerlastige Armada an Stars aus unterschiedlichen Disziplinen wie Politik, Wissenschaft, Architektur und allen voran Kultur. Stephen Hawking und Netflix-Gründer Reed Hastings sind ebenso dabei wie David Bowie, George Bush Senior, Björk, Zaha Hadid, Vivienne Westwood, Quentin Tarantino oder Michael Haneke – um nur einige wenige zu nennen.

Damit der Geständnis-Reigen nicht zu monoton daherkommt, unterbrechen flott geschnittene Reiseimpressionen und animierte, auf lustige Pointen getrimmte Clips den bewusst keiner erkennbaren Dramaturgie gehorchenden Redefluss. Natürlich kommt dieses Konzept nicht umhin, die einzelnen Begegnungen, manchmal nur wenige Minuten im Hotelflur, kurzzuhalten. Manche begnügen sich damit, ein Bild zu malen, um den Grund für ihre Aktivitäten auf den Punkt zu bringen. Andere halten ihre gewaltsame Kindheit für den Auslöser oder kontern mit einer Gegenfrage: Warum wurde ich überhaupt geboren? Ein großer Teil erkennt in der Begabung, unkonventionelle Ideen am laufenden Band zu produzieren, gar eine Sucht, eine Krankheit oder wahlweise auch ein Antidepressivum, das vor einer nervlichen Zerrüttung schützt.

Tiefere Einsichten über die neuronale Funktionsweise von Kreativität, darüber, ob sie denn angeboren oder jedem potentiell eingeschrieben ist, oder welche Impulse für ihre Erweckung verantwortlich sind, darf man nicht erwarten. Der Film funktioniert wie ein Kaleidoskop, das immer neue Varianten der gleichen Materie generiert.

Und das ist genau sein Problem. Der Zuschauer wird durch die pure Tatsache in Spannung versetzt, wer es wohl noch ins Buch der Kreativitätsrekorde schafft und wie er auf diese existenzielle Frage der Fragen reagiert. Mit einer spontanen Eingebung oder einem weitschweifigen Vortrag?

Marina Abramović erzählt einen Witz. Sie kann es. Und was noch? Ihre kontrollsüchtige Mutter sei schuld daran, dass sie Kunst macht. Aha. Tobias Rehberger hat bereits als Kind Kunstbücher gelesen und wollte unbedingt einen Van Gogh besitzen. Georg Baselitz glänzt durch unerwartete Selbstreflexion: Sein Drang zur Kreativität sei nur dem Bedürfnis nach Angeberei geschuldet. Neo Rauch schätzt es, eine Welt zu erschaffen, in der nur er den Ton angibt. Eine große Fraktion ist kreativ, weil sie Probleme lösen möchte. Nicht wenige leiden darunter, dass sie ständig unter Strom stehen. Ai Weiwei und Marija Wladimirowna Aljochina von Pussy Riot vertreten wenig überraschend die Ansicht, Kunst müsse provozieren, um gesellschaftliche Verkrustungen aufzubrechen. Damien Hirst stottert erst überfordert, um sich anschließend mit einer pornografischen Zeichnung zu begnügen. Wie war nochmal die Frage?

Bei so wenig Erkenntnisgewinn wundert man sich irgendwann darüber, warum so viele der "Creaholics" überhaupt dabei sein wollten. Einfach nur, um sich im elitären Glanz der anderen Auserwählten zu sonnen? Der Stalker hinter der Kamera hatte jedenfalls Zeit und Raum genug, um sich in diversen Looks zu präsentieren und seinen Alterungsprozess zu dokumentieren. Er hat es tatsächlich geschafft, ein so ultimatives wie kurzweiliges Trophäen-Archiv anzulegen – und dadurch selbst ein wenig von der Aura seiner Gesprächspartner zu erhaschen.

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